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Gaye Su Akyol und die boomende Musikszene vom Bosporus | BR24

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Sie ist die selbsternannte Speerspitze der türkischen Avantgarde: Gaye Su Akyol. In München zeigt die Sängerin, was die Musikszene vom Bosporus drauf hat - trotz der restriktiven Politik von Präsident Erdogan.

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Gaye Su Akyol und die boomende Musikszene vom Bosporus

Sie ist die selbsternannte Speerspitze der türkischen Avantgarde: Gaye Su Akyol. In München zeigt die Sängerin, was die Musikszene vom Bosporus drauf hat - trotz der restriktiven Politik von Präsident Erdogan.

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Als Gaye Su Akyol klein war, hörte ihre Mutter am liebsten türkische Klassik: Ihr Vater war Fan anatolischer Folklore, und ihr Bruder machte sie, als sie ein bisschen älter war, mit der Musik von Nirvana und Mudhoney, mit Joy Division und kalifornischem Surfrock bekannt. Eine explosive Mischung braute sich da im Kopf der jungen Frau zusammen, eine Mischung, die sich irgendwann kurz nach ihrem 20. Geburtstag Bahn brach.

Freies Spiel mit orientalischen Klischees

Die Musik von Gaye Su Akyol ist schwer in Worte zu fassen: Sie spielt mit orientalischen Klischees und lässt sie doch weit hinter sich: Sie flüstert und schreit, sie schmeichelt und droht – und sie schafft es, mit ihrer beeindruckenden Stimme auch die vertracktesten Rhythmen zum Tanzen zu bringen. "Istrikarli Hayal Hakikattir", so heißt ihr neues Album - auf deutsch: "Der beständige Traum wird zur Realität“, ein Titel, der weit über die Musik hinausweist. "Wir leben in einer Realität, in der es viel Schlechtes gibt: Kriege; Gewalt, Missachtung der Frauen und der Menschenrechte. Deshalb wollte ich auf diesem Album eine Art fantastische Gegenrealität schaffen, einen Fluchtpunkt. Der wesentliche Unterschied zwischen der Fantasie und der Realität ist ja die Beständigkeit: Wenn du einfach nie damit aufhörst, einen bestimmten Traum zu träumen, dann wird er irgendwann Realität, dann hat auch er Bestand", sagt die Künstlerin.

Gaye Su Akyol ist eine Ausnahmeerscheinung – nicht nur musikalisch: Trotzdem sieht sie sich nicht als Solitär, sondern lieber als Teil eines größeren Zusammenhangs: Sie hofft auf eine neue türkische Avantgarde, die sich dem konservativen Rollback in Gesellschaft und Politik entgegenstellt. "In der Türkei sind in den letzten zehn Jahren viele neue Bands gegründet worden: Wenn der politische Druck zunimmt, dann wächst auch die Notwendigkeit, sich irgendwie dagegen zu wehren – durch die Musik oder auch durch das Schreiben von Büchern oder das Malen. Das ist vielleicht das einzig Gute an der derzeitigen Situation, dass da gerade eine ganz neue, sehr lebendige Szene entsteht."

Sie träumt den Traum von der weltoffenen Türkei

Naiv ist Gaye Su Akyol nicht. Sie weiß, dass mit den türkischen Behörden derzeit nicht zu spaßen ist. Trotzdem: weggehen aus der Türkei will die Sängerin nicht – noch nicht. Lieber nimmt sie all ihren Mut zusammen und träumt weiter ihren beständigen Traum von einer liberalen und weltoffenen Türkei. Und sagt: "Du kannst die Musik nicht stoppen. Du kannst die Instrumente kaputtmachen, du kannst die Musiker einsperren – aber die Musik ist in den Köpfen und man kann sie heutzutage leicht mit der ganzen Welt teilen. Das macht die Kunst zur Kunst".

Heute Abend ist Gaye Su Akyol zusammen mit ihrer Band im Club Ampere im Muffatwerk zu erleben.

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