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Game of Thrones ja, Geschichtsstudium nein ... | BR24

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Selbstoptimierung fängt bei der Ausbildung an. Immer mehr Studierende gehen bei der Fächerwahl auf Nummer sicher, entscheidendes Kriterium. die spätere Jobgarantie. Eine bedauerliche Entwicklung, findet der Historiker Martin Zimmermann.

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Game of Thrones ja, Geschichtsstudium nein ...

Immer mehr Studierende gehen bei der Fächerwahl auf Nummer sicher, beobachtet der Historiker Martin Zimmermann, und würden sich deshalb gegen ein Geschichtsstudium entscheiden. Doch auch die Schule trage dazu bei, dass das Interesse sinke.

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Immer weniger Menschen in den USA studieren Geschichte. Das hat das National Center for Education Statistics ermittelt. Seit 2008 ist die Zahl der Studierenden in diesem Fach um fast ein Drittel zurückgegangen. Aber wie ist die Lage in Deutschland? Darüber hat Christoph Leibold mit Martin Zimmermann gesprochen. Er ist Dekan des geschichtswissenschaftlichen Seminars an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Christoph Leibold: 2008 war das Jahr der Finanzkrise. Die These ist, dass sich Studierende seither verstärkt sagen: "Besser, ich studiere was Handfestes, bei dem man einen sicheren Job bekommt." Leuchtet Ihnen diese Begründung ein?

Martin Zimmermann: Ja. Auch wir in Deutschland beobachten, dass wir zurzeit eine Studierenden-Generation haben, die viel stärker darauf achtet, später einen Job zu bekommen, mit dem man Geld verdient, und auch sehr viel Geld. Jura, Betriebswirtschaft und Psychologie, das sind die Fächer, die zurzeit sehr gefragt sind.

Und Geschichte ist da nicht das Fach der Wahl. Wahrscheinlich die ganzen Geisteswissenschaften nicht. Oder was sagen die Kollegen aus anderen Disziplinen?

Auch die Kollegen in anderen Disziplinen, also auch in der Germanistik und Romanistik, in den Sprachen, haben seit einigen Jahren einen Rückgang bei den Studierenden-Zahlen, die aber auch Konjunkturen folgen. Wir können zum Beispiel beobachten, dass die Studierenden-Zahlen immer dann zurückgehen, wenn die Möglichkeit, Lehrer an einer Schule zu werden, geringer wird.

Schule ist ein gutes Stichwort. Inwiefern geht es denn da schon los mit dem, was von den Lehrplänen gefördert wird? Was stark auffällt ist, dass zum Beispiel die musischen Fächer im Stundenplan über die Jahre stark eingedampft worden sind. Wie sieht es mit Geschichte aus?

Der Geschichtsunterricht ist auch rückläufig. Das hängt von den Bundesländern ab. In Bayern zum Beispiel können wir feststellen, dass die Zahl der Geschichtsstunden zurückgefahren wurde. Das sind alles Folgen des Pisa-Schocks, als festgestellt wurde, dass vor allen Dingen in den Naturwissenschaften, in den sogenannten MINT-Fächern, die deutschen Schüler – angeblich – deutlich hinter dem internationalen Vergleich gelegen haben. Das hat dazu geführt, dass man diese Fächer stark gefördert hat, und das ist der eine Grund, weshalb der Geschichtsunterricht ein bisschen ins Hintertreffen geraten ist. Der andere Grund ist, dass in den Schulen die Grenzen zwischen Geschichte, Sozialkunde und politischen Wissenschaften oder Gesellschaftspolitik immer stärker verwischt werden, sodass die Schüler oft nicht mehr wissen: Haben wir jetzt gerade Sozialkunde oder Geschichte?

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Der Historiker Martin Zimmermann

Insgesamt hört sich das aber schon so an, dass es vor allem daran liegt, dass Geschichte eben kein Fach ist, das sich der unmittelbaren ökonomischen Verwertungslogik anpasst, die sich durchgesetzt hat. Fehlt es an einem Bewusstsein in der Gesellschaft, dass Geisteswissenschaften ihren eigenen, anders gelagerten Wert haben? Und wenn das so ist, wie kann man gegensteuern?

Es ist offenbar tatsächlich so, dass die Geisteswissenschaften in einer breiten Wahrnehmung der Bevölkerung etwas sind, was nicht unmittelbar in Geldwert umgerechnet werden kann. Man kann im Grunde genommen nur entgegenwirken, indem man immer wieder verdeutlicht, welche zentrale Rolle Geisteswissenschaften auf den unterschiedlichen Feldern der heutigen Gesellschaft spielen. Ein Kollege zum Beispiel hat sich mal den Spaß gemacht und auf der ersten Seite einer Tageszeitung alle Sätze schwarz durchgestrichen, die im Grunde genommen auf geisteswissenschaftlichen Forschungen fußen. Da bleibt dann nicht viel übrig.

Was ich frappierend finde: Obwohl sich weniger Menschen für Geschichte interessieren, boomt das Mittelalter in Form von Mittelaltermärkten und Ritterturnieren. Aber das ist eher ein Fantasy-Mittelalter, das die Leute begeistert.

Ja, Serien wie "Game of Thrones" zum Beispiel prägen sehr stark die Vorstellung und Wahrnehmung von mittelalterlicher Geschichte, und man muss leider sagen, dass auch bei den meisten Studierenden, die heute an die Universitäten kommen, die Geschichte gefühlt mit den bewegten Bildern aus dem Fernsehen anfängt.

Da gibt es den schönen Satz von Gerhard Polt: „Ich habe noch die gesamte Französische Revolution auf Schwarzweiß erlebt!“

Genau, das ist diese schöne Nummer von Polt zu Kaiser Nero, wo sein Sohn mit einem Fünfer in Geschichte nach Hause kommt, weil er den Darsteller von Nero im Film "Quo Vadis" verwechselt hat. Das ist etwas, was auch heute noch ganz stark das Geschichtsbild der Studierenden prägt. "Gladiator" von Ridley Scott etwa – das ist so ein Film, der sehr stark Antiken-Bilder transportiert, die aber natürlich mit Wissenschaft und der tatsächlichen Geschichte dieser Zeit kaum etwas zu tun haben.

Kann man das aber nicht trotzdem nutzen, um junge Menschen für Geschichte zu begeistern?

Ja, natürlich. Wir machen zum Beispiel hier in München sehr viel mit Film und mit Geschichte im Film, um auch dafür zu sensibilisieren, dass Filme, die historische Ereignisse darstellen, sehr viel sagen über die Zeit, in der diese Filme entstanden sind. So kann man verdeutlichen, dass der Blick auf Geschichte sich ebenfalls wandelt. Man kann Brücken bauen, indem man diese modernen Medien integriert und indem man sich zum Beispiel auch mit Geschichtsbildern und Vorstellungen von historischen Epochen in Computerspielen beschäftigt.

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