Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

"Game of Drones" zeigt, wie eine Technologie die Welt verändert | BR24

© Bayern 2

"Jeder kann theoretisch eine Drohne haben", sagt Claudia Emmert, die die Schau "Spiel der Drohnen" konzipiert hat. Bundeswehr-Drohnen und Künstler*innen zeigen darin, wie ernst das Spiel längst ist – und unsere Welt bestimmt.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

"Game of Drones" zeigt, wie eine Technologie die Welt verändert

Drohnen überwachen und töten, aber leisten auch zivile Hilfe. Die Ausstellung "Game of Drones" zeigt die Chancen und Risiken der Geräte – und künstlerische Positionen dazu. Ein Gespräch mit Kuratorin Claudia Emmert über die Ambivalenz der Drohnen.

Per Mail sharen

"Game of Drones" – ein anspielungsreicher Titel für eine Ausstellung zur Geschichte der unbemannten, heute sagt man eher: der autonomen Flugobjekte. Denn die fliegenden Roboter der Gegenwart werden immer eigenständiger und sind in verschiedensten Bereichen im Einsatz. Wie massiv Drohnen die Welt verändern, zeigt die Ausstellung "Game of Drones" im Zeppelin Museum in Friedrichshafen. Joana Ortmann hat mit Claudia Emmert, der Kuratorin der Schau, gesprochen.

Joana Ortmann: Im titelgebenden Game, im Spiel, steckt viel Wahres, wenn man an die Männer mit den Mini-Drohnen in den Parks denkt, aber es ist auch verharmlosend, wenn man bedenkt, dass schon 2011 Drohnen zum Beispiel Osama bin Laden aufgespürt haben ...

Claudia Emmert: Die Drohnen-Technologie ist ja auch eine sehr ambivalente Technik. Es geht auf der einen Seite um das Spiel und um popkulturelle Aneignung, und auf der anderen Seite um Überwachung, um das Datensammeln, aber eben auch um den militärischen Einsatz von Drohnen. Der Titel "Game of Drones" hat also eine ambivalente Bedeutung, die von uns ganz klar gewollt ist.

Wir stehen was die Drohnen-Technik betrifft gerade an einem interessanten Scheidepunkt: Die lernende und dann auch autonom agierende Drohne ist kein Science-Fiction-Spielzeug mehr, da sind also ganz reale gesellschaftliche und politische Entscheidungen gefragt. Wie setzen Sie an diesem Punkt mit künstlerischen Positionen an?

Wir sind sehr stolz darauf, dass wir die erste interdisziplinäre Ausstellung in Deutschland zu diesem Thema machen. Das bedeutet, dass wir auf der einen Seite künstlerische Positionen zeigen, die das Thema Drohnen spielerisch bearbeiten, aber eben auch weiterdenken. Auf der anderen Seite stellen wir eben auch reale Waffensysteme aus, die gant regulär mit Sprengkörpern besetzt sind. Und ich denke, wenn man das Thema in den künstlerischen Arbeiten sieht und dann gleichzeitig so ein Ding in der Ausstellung dreidimensional über einem schwebt, dann bekommt das nochmal eine ganz andere Kraft.

Haben Sie ein Beispiel, wie das aussehen kann?

Wir zeigen zum Beispiel eine tolle Arbeit von Omer Fast, wo es um einen traumatisierten Drohnenpiloten geht, der sich zu einem Interview bereit erklärt hat. Omer Fast greift dieses Interview auf, inszeniert es und interpretiert daraus drei jeweils unterschiedliche Geschichten, die alle für sich sehr bedrückend sind, unter anderem auch die einer Familie im Auto, die ums Leben kommt, weil sie in eine Situation gerät, die von einem Drohnenpiloten als verschwörerisch eingeschätzt wurde. Und wenn man dann aus dieser Video-Kabine rausgeht, läuft man direkt auf eine reale Überwachungsdrohne zu, die in Israel gebaut wurde, und ich denke, wenn man das in dem unmittelbaren Zusammenspiel erlebt, dann ist es viel präsenter, und nicht mehr nur irgendwo in einer fremden Welt in Afghanistan, Syrien oder im Jemen.

© Omar Fast

Omar Fast: "5000 Feet is the best", 2011

War es schwierig, diese realen Exponate zu bekommen?

Nein, wir haben da sehr gut mit der Bundeswehr zusammengearbeitet, die natürlich verschiedene Museen in Deutschland unterhält und uns diverse Leihgaben zur Verfügung gestellt hat. Es gibt ja auch Drohnen, die nur gebaut werden, um einen Angriff zu simulieren, und dann abgeschossen werden. Die dienen nur für ein Schießtraining. Einmal Fliegen und aus – so was haben wir zum Beispiel von Airbus bekommen.

Nun gibt es auch den zivilen Gebrauch von Drohnen – wie grenzen Sie das in der Ausstellung ab?

Die zivilen Drohnen waren für uns besonders spannend, denn die Technik ist ja nicht an sich böse, sie kann nur in einem bösen Sinne genutzt werden. Und diese Vielfalt war uns ein wichtiges Anliegen. Es gibt fünf Themenschwerpunkte, darunter auch unbekannte Bereiche. Einer dreht sich zum Beispiel um Animismus. Drohnen bekommen ja Namen, sie fungieren teilweise wie ein Gesprächspartner oder ein Gegenüber. Wir wollen den Bogen von Überwachung bis hin zur künstlichen Intelligenz schlagen.

Im Jahr 2020 werden sich ungefähr 1,8 Millionen unbemannte Flugobjekte in Deutschland in den Lüften befinden ...

Jeder kann theoretisch eine Drohne haben, das ist ein Aspekt, den wir deutlich machen wollten. Deshalb haben wir in unserer Ausstellung zum Beispiel auch eine Museums-Drohne, die ganz unterschiedliche Dinge macht, vielleicht auch mal Daten sammelt oder so. Und wenn man öfter kommt, dann kann man sehen, wie sie sich entwickelt. Sie trägt einen Frauennamen, Claire. Diese technisch abstrakten, mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten Geräte tragen übrigens oft Frauennamen. Deswegen werden wir Claire auch noch ein Identitätsproblem verpassen.

Ist diese Museumsdrohne dann Kunst?

Lassen Sie sich überraschen. Es ist zunächst eine handelsübliche Drohne. Wir haben einen unserer Kollegen im Zeppelinmuseum zum Drohnenpiloten ausbilden lassen. Der darf sie nun auch fliegen.

Inwieweit erzählen Sie als Zeppelin Museum, also als Museum mit der weltweit größten Sammlung an Luftschiffen, auch die Geschichte der unbemannten Flugobjekte?

Wir fangen tatsächlich Mitte des 18. Jahrhunderts in Paris an, als der erste mit Wasserstoff betriebene Ballon nach oben stieg. Da war niemand drin, weil man nicht wusste, was passiert. Aber diese unbemannte Charlière verbreitete so einen schwefeligen Geruch, als sie wieder runter kam, dass tatsächlich die Bauern hingelaufen sind und sie mit Mistgabeln sozusagen "erlegt" und dann durchs Dorf geschleppt haben, als wäre es ein teuflisches Gebilde. Dann geht es Mitte des 19. Jahrhunderts weiter, da sind die Österreicher mal auf die Idee gekommen, mit Ballon-Bomben gegen Venedig vorzugehen. Die haben sich auf Schiffe begeben und versucht, sie auf die Stadt zutreiben zu lassen. An den Ballonen war eine Zündschnur, das Ding explodierte und stürzte ab. Das war nicht so sinnvoll. Dann ging das nochmal hundert Jahre weiter. 1944 wollten die Japaner tatsächlich Ballone mit Sprengkörpern in die USA schicken, aber von den 9.000, die sie starten ließen, kamen nur 300 tatsächlich an. Die USA hat das damals nicht kommuniziert.

© Zeppelinmuseum Friedrichshafen

Japanische Ballonbombe aus dem Zweiten Weltkrieg

Das klingt nach einer spannenden Parallele zur Gegenwart: Fragen zu autonomen Drohnen sind auch heute hoch sensibel. Gibt es denn Kunst, die sich mit dieser fragwürdigen Autonomie von Drohnen beschäftigt?

Ja, wir haben ein Video einer Aktivistengruppe, die simuliert, wie autonome Drohnen Jugendliche verfolgen, die irgendwann mal an einer Demonstration teilgenommen haben. Das heißt, ihre Gesichter wurden erkannt und abgespeichert, und aufgrund dieser Gesichtserkennungssoftware fliegt dann ein Drohnen-Schwarm in einen Hörsaal einer Universität und tötet ganz gezielt Studenten. Das ist so ein Szenario, natürlich verbunden mit einem ganz starken Appell, dass man solche Situationen unbedingt vermeiden muss.

© Raphaela Vogel und BQ Berlin, Foto Roman Mär

Raphaela Vogel "Prophecy", Video Still

Und andersherum gefragt: Gibt es auch Kunst, die die Möglichkeiten der Drohne feiert?

Natürlich. Wir haben zum Beispiel die Erlanger Künstlerin Raphaela Vogel in der Ausstellung dabei. Eine richtig tolle Installation: Heavy Metal Musik. Sie tanzt am Strand, und die Drohne ist fast so ein männliches Gegenüber. Sie fliegt auch nicht ferngesteuert, sondern quasi autonom. Dieses Spiel zwischen Mensch und Technik ist unheimlich eindrucksvoll.

Die Ausstellung "Game of Drones" läuft bis 3. November im Zeppelin Museum Friedrichshafen.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!