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Handwerk ist Kunst! 50 Jahre Galerie Handwerk München | BR24

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50 Jahre Galerie Handwerk München

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Handwerk ist Kunst! 50 Jahre Galerie Handwerk München

Als ein Ort "um Spitzenleistungen des europäischen Kunsthandwerks in exquisiten Ausstellungen darzubieten" wurde sie im Oktober 1968 eröffnet. Jetzt feiert die "Galerie Handwerk" in München ihr 50. Jubiläum. Und hat Eigenwilliges zu zeigen ...

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In zwei langen Reihen liegen sie da: Scherbenringe, wortwörtlich: Fingerringe mit einer kleinen Glasscherbe darauf, mal in typischem Flaschengrün, mal in zartem Rosé, aber auch in kräftigem Gelb oder Blau. Schön, nicht um ihres Materialwertes, sondern um ihrer selbst willen, ihrer Farbe und Zerbrechlichkeit. Zufällig vorgefundenes, ja kaputtes wird zum Schmuckstück erhoben und gängige Schönheitsideale werden auf den Kopf gestellt.

München als Stadt der Gestalter

Die Scherbenringe stammen vom Münchner Goldschmied Hubertus von Skal. Schon 1968, bei der ersten Ausstellung der Galerie Handwerk, war von Skal unter den Ausstellern. Doch die aktuelle Jubiläumsschau ist keineswegs eine historische Rückbesinnung auf die Anfänge des eigenen Hauses. Das Konzept lautet vielmehr, München als Stadt mit einer lebendigen Szene von Gestaltern auf höchstem Niveau vorzustellen, sagt Galerieleiter Wolfgang Lösche: "Diese Stadt hat eine unglaubliche Tradition seit der Kunstgewerbebewegung im 19. Jahrhundert, Gründung des Bayerischen Kunstgewerbevereins, Akademie der Bildenden Künste, Danner-Stiftung, Handwerkskammer, Handwerksmesse, Werkformausstellung: das ist ein Zusammentreffen von Energien, wie es selten in einer Stadt vorkommen, deswegen ist in München auch eine ganz hohe Anzahl von Kulturschaffenden in diesem Bereich, es macht ganz viel aus, die Anwesenheit dieser weltberühmten Goldschmiedeklasse an der Akademie der Bildenden Künste. Da entstehen Dinge, da ist Energie vorhanden."

Lebendiges Kunsthandwerk

Die Jubiläumschau beweist es: 50 aktuell in München lebende Künstler und Kunsthandwerker sind in der Ausstellung zu sehen, darunter Silberschmiede, Glaskünstler, Bühnenbildner, Kunstschmiede, Buchbinder und viele Schmuckkünstler. Neben Ausstellern der ersten Stunde, wie etwa die Keramikerin Nandl Eska mit ihren meisterhaft glasierten Schalen, sind auch ganz junge Gestalter mit dabei: der Japaner Takajoshi Terajima etwa, jüngster Diplomand der Schmuckklasse an der Akademie der Bildenden Künste. Von ihm stammt eine Kette mit einem metallenen Anhänger. Die Form erinnert entfernt an ein Ledersäckchen, doch der Hohlkörper ist aus einem Stück Blech gefaltet. Der Käufer des Schmuckstücks kann etwas in diesem Hohlkörper verschließen lassen, einen auf Papier geschriebenen Wunsch zum Beispiel, oder einen Glücksbringer. Eine Wandinstallation zeigt Dutzende dieser flachen, metallenen Grundformen mit ihren lebendigen Oberflächen in Braun-, Rost- und Weißtönen, aus denen der eigentliche Anhänger noch zu formen ist. Die Form des Anhängers mag immer die gleiche sein, doch Oberflächen und Inhalte variieren. Jeder Anhänger ist ein Einzelstück, und Terajimas Installation zeigt diesen Unikatcharakter handwerklich gestalteter Arbeiten eindrücklich.

Deutschlandweit ein Unikum

Auch die Galerie Handwerk selbst, Teil der Handwerkskammer von München und Oberbayern und gefördert vom Bayerischen Wirtschaftsministerium, ist deutschlandweit ein Unikum. Wolfgang Lösche und sein Team präsentieren sieben Ausstellungen pro Jahr, bei kostenfreiem Eintritt und mit der Möglichkeit für Besucher, die Arbeiten auch zu kaufen. Hinzu kommen jedes Jahr im März vier große Ausstellungen während der Internationalen Handwerksmesse auf dem Messegelände in Riem. Damit ist die Galerie Handwerk ein Schaufenster des bayerischen Handwerks, zugleich bringt sie die Arbeit internationaler Gestalter nach München, zeigt Porzellan aus Korea, Glas aus Tschechien oder handbedruckte Tapeten aus England.

Plattform für Interessierte

An die 10.000 Besucher hat die Galerie im Jahr, damit ist sie nicht nur eine Plattform für Interessierte, sie leistet auch wichtige Lobby-Arbeit in Sachen gestaltendes Handwerk. Denn im Vergleich zur freien Kunst und neuerdings auch dem Design hat es das gestaltende Handwerk schwer, private Galerien für Kunsthandwerk sind extrem selten, bestätigt Wolfgang Lösche: "Das ist die alte Unterscheidung zwischen akademischer und beruflicher Ausbildung: Der akademische Titel wird höherrangig angesehen, als der, der mit einer beruflichen Ausbildung verbunden ist. Das ist ein alter Streit, 100 Jahre alt, wer ist besser: Wie angewandten oder die bildenden Künstler? Wir überwinden das hier komplett, das interessiert uns überhaupt nicht, es geht uns immer ums Ergebnis, und mir persönlich ist es sehr wichtig, dass wir hier gleichermaßen Handwerker, Kunsthandwerker, Künstler von der Akademie oder wie auch immer geartete Gestalter nebeneinander präsentieren können."

Pflastersteine und gusseiserne Grillzangen, hölzerne Badvorleger und Lederschuhe, Autolacke, handgewebte Seidenschals, Parkettböden und silberne Teekannen: Die Vielfalt der Produkte, die in der Galerie schon ausgestellt wurde, könnte größer kaum sein.

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