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© Theater an der Rott

Kalte Macht: "Evita"

Selbst um die Aufbewahrung ihrer Leiche gab es einen bizarren politischen Streit: "Evita" ist nicht nur in Argentinien bis heute eine so umstrittene wie verehrte Volksheldin, ja geradezu inbrünstig angebetete Heilsbringerin. Gern und höchst erfolgreich spielte sie das "einfache Mädchen vom Lande" mit dem Herz am rechten Fleck. Tatsächlich war Eva Maria Duarte weder wohltätig, noch selbstlos - eher skrupellos: Vom ihr gespendeten Geld, das sie Bedürftigen zukommen ließ, zweigte sie einen ansehnlichen Teil für sich ab. Für ihren rasanten Aufstieg wählte sie den Weg über die Betten der damals Mächtigen, speziell der Generäle. Diese und andere Schattenseiten von "Evita" stellte Regisseurin Elke-Maria Schwab-Lohr ins Zentrum ihrer fulminanten Inszenierung.

"Lehrstück" wie bei Brecht

Statt lateinamerikanischem Ausstattungs-Pomp und Tango-Kitsch, die am kleinen Theater an der Rott ohnehin schwer realisierbar wären, zeigte Schwab-Lohr das populäre Musical fast schon als "Lehrstück" über Verführung, Propaganda und Macht. Musical goes Bertolt Brecht! Die Generäle spuken herum wie einst in der DDR, das Volk erwartet, dass das Geld vom Himmel regnet und "Evita" macht alle verrückt, sogar Europa, das sie auf einer "Regenbogentour" 1947 besuchte. Als ehemaliges Model, Radio-Moderatorin und Filmschauspielerin weiß sie, wie Publicity geht, beeindruckt Papst und Franco. Ein sehr kritischer, nachdenklicher, ernsthafter Musical-Abend. Umso erfreulicher war der Riesen-Erfolg beim Premierenpublikum, das stehend applaudierte. Alle neun Vorstellungen sind bis auf Restkarten ausverkauft, in Deutschlands einzigem Landkreis-Theater keine Selbstverständlichkeit.

Abgründigkeit eines Medienstars

Saskia Dreyer ist eine in jeder Hinsicht überzeugende "Evita": Kühl, absolut kontrolliert und geschickt jongliert sie mit Emotionen - vor allem natürlich beim tränenreichen "Weine nicht um mich, Argentinien". Großartig spielt sie die Doppelbödigkeit, ja Abgründigkeit des Medienstars. Fesselnd auch Dustin Smailes als Erzähler "Ché", der die Zuschauer so lässig wie unterhaltsam an den Lebensstationen von "Evita" vorbeiführt. Dagegen blieb Peter Andreas Landerl als Ehegatte Peron etwas zu farblos. Die Rücksichtslosigkeit des Volkstribunen nahm man ihm nicht so recht ab. Hervorragend gelangen die Chor- und Tanzszenen: Choreograph Daniel Morales Pérez brachte viel südamerikanisches Temperament auf die Bühne. Nicht oberflächlich, sondern voll trauriger, sehnsuchtsvoller Poesie. Der Tango erzählt ja von Liebe und Tod, von Erfolg und Scheitern. Dirigent Dean Wilmington hatte das Material für Eggenfelden neu arrangiert. Musikalisch stimmte alles, übrigens auch die Tonanlage, die an viel größeren Häusern oft Anlass für Ärgernisse ist.

Für das Theater an der Rott ein echter Kraftakt, der sich gelohnt hat. An solchen Produktionen kann ein Haus wachsen!

Vorstellungen noch bis 22. Januar.

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