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Fußball und Homosexualität: Darum rät Philipp Lahm vom Outing ab | BR24

© Audio: BR / Foto: picture alliance

Fußball und Homosexualität: Die Sache bleibt kompliziert. So kompliziert, dass Ex-Nationalspieler Philipp Lahm in seinem neuen Buch aktiven Fußballern davon abrät, sich zu outen.

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Fußball und Homosexualität: Darum rät Philipp Lahm vom Outing ab

Er ist einer der erfolgreichsten deutschen Fußballer aller Zeiten. 2014 führte Philipp Lahm die Nationalmannschaft als Kapitän zum Weltmeister-Titel. Sein neues Buch hat die Debatte über Homosexualität im Fußball befeuert, bevor es erschienen ist.

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Von
  • Julian Ignatowitsch

In den sieben Jahre nach dem ersten Coming-Out im deutschen Profi-Fußball durch Thomas Hitzlsperger hat sich relativ wenig verändert. Fußball und Homosexualität – weiterhin eine komplizierte Sache. Ex-Nationalspieler Philipp Lahm, der frühere Mannschaftskollege von Hitzlsperger, rät in seinem neuen Buch davon ab, sich öffentlich zu outen: "Ich würde es mir wünschen, dass sich jemand outet. Es würde helfen, aber es lauern Gefahren.", warnt Lahm, denn es würden nicht alle für gut heißen. "Unsere Gesellschaft ist nicht so, dass jeder Homosexualität gut findet. Da muss man enorm stark sein, um all das zu verkraften. Darauf will ich hinweisen."

Lahm wurde für diese Worte, die er im Buch ganz ähnlich formuliert, kritisiert. 800 Fußball-Profis richteten letzte Woche prompt eine solidarische Botschaft an jeden, der sich doch outen möge, auch wenn dabei die großen Namen fehlten: "Ihr könnt auf uns zählen". Eine gute Geste!

So kann man Lahm nun sogar anrechnen, dass er mit seinen Äußerungen eine neue Debatte angestoßen hat. Zur Kritik an ihm muss man ohnehin sagen: Viel mehr als eine persönliche Meinung äußert der Ex-Profi nur eine realistische Einschätzung, wo der Fußball im Jahr 2021 steht, nämlich nicht viel weiter als in den 80er Jahren, als die FIFA das Küssen unter Spielern, etwa beim Torjubel, als "unmännlich, übertrieben gefühlsbetont und deshalb unangebracht" bezeichnete. Lahm meint dazu: "Man kennt die Mechanismen in so einer Mannschaft und man weiß, was angesagt ist und was nicht. Es herrscht teilweise auch ein unglaublicher Gruppenzwang.“

Höhen und Tiefen des Profigeschäfts

"Das Spiel" ist nichts für Fußball-Romantiker. Lahm übt auf den fast 300 Seiten einen pragmatischen, teils ernüchternden Blick auf die Welt des Fußballs. Homophobie, Rassismus, das große Geld, enormer Leistungsdruck: Für ihn ist all das Teil des Geschäfts. Aber er wünscht sich den Fußball auch stark von Werten geprägt. "Widersprechen" heißt etwa ein Kapitel, in dem er für Haltung plädiert – für Gemeinschaft und Toleranz, wie er sie schon bei seinem Jugendverein, der FT Gern, kennenlernte. Im Buch heißt es: "Die Zivilgesellschaft, zu der auch alle Fans gehören, ist aufgefordert, sich von jenen klar zu distanzieren, die in Wort und Tat Hexenjagden auf einen Menschen anzetteln und ihn durch herabsetzende Äußerungen in seiner Menschenwürde beeinträchtigen." Das ist der Ton, den das Buch vorgibt.

© C.H. Beck

Phillip Lahm auf dem Cover seines neuen Buchs "Das Spiel"

Lahm schreibt über Jugendarbeit, den Sprung zum Profidasein, die Handschrift großer Trainer wie Pep Guardiola oder Jürgen Klopp sowie über die Charakter-Eigenschaften von Führungsspielern. Er möchte Fans und aktive Spieler gleichermaßen ansprechen. Er tut das fachkundig und unaufgeregt. Aus Fansicht leider auch wenig unterhaltsam. Denn die erzählerischen Fähigkeiten des Autors Philipp Lahm entsprechen nicht den ehemals spielerischen Fähigkeiten des Fußballers. "Das Spiel" liest sich, auch im Stil, wie eine Anleitung, eine Gebrauchsanweisung, der all die Dinge fehlen, die das Spiel auf dem Platz so besonders machen: Emotionen, persönliche Anekdoten, Spontanität und Spektakel.

Sprache eines Funktionärs

Lahms wenig kontroverse Ansprechhaltung gleicht der, die man noch aus den Interviews zu seiner aktiven Zeit kennt und die ihn wie gemacht für eine Funktionärskarriere erscheinen lässt. Was er im Buch in allgemeine Worte zum Karriereende fasst, dürfte auf ihn selbst im Speziellen durchaus zutreffen: "Es geht nicht um den nächsten, sondern immer um den übernächsten Job! Die Frage (…) lautet nicht zuletzt, wo und bei wem gelingt der Einstieg in ein neues Berufsfeld."

Momentan arbeitet Lahm als Chef der deutschen Turnierorganisation für die EM 2024. Der Trainerjob sei nichts für ihn, meint er. Seit Jahren engagiert er sich in der Jugendförderung, worüber er auch in seinem lesenswerteren ersten Buch "Der feine Unterschied – Wie man heute Spitzenfußballer wird" schrieb. Bei diesem hatte er einen Co-Autor zur Unterstützung an seiner Seite. Das hätte auch diesmal nicht geschadet, um "Das Spiel" so erscheinen zu lassen, wie wir es als Zuschauer lieben: lebendiger und emotionaler.

Am 22. Februar um 20 Uhr ist Philipp Lahm live zu erleben – im Gespräch mit Dunya Hayali auf der Website des Münchner Literaturhauses.

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