Fußballstadion

Für Oskar Dernitzky, einen begeisterten Fan von 1860 München ist der Fußball eine Religion. (Symbolbild)

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    Fußball als Religion: Gibt es Transzendenz im Stadion?

    Fußball als Religion: Gibt es Transzendenz im Stadion?

    Zum Stadion "pilgern", mit Sprechgesängen die Mannschaft anfeuern und verstorbene Vereinsmitglieder mit Fußballtrikot oder Vereinssarg begraben: Für eingefleischte Fans kann Fußball eine Religion sein.

    Wenn die Bundesliga startet, pilgern wieder tausende Fußballfans zu den Stadien, singen Hymnen, feuern ihren Verein an und fiebern 90 Minuten lang mit. Andere rümpfen eher die Nase über die "Ersatzreligion Fußball". Aber hat Fußball wirklich etwas mit Religion zu tun?

    Fußball fehlt die "letzte Sinnfrage"

    Oskar Dernitzky ist begeisterter Anhänger von 1860 München. Er lässt sich kein einziges Heim- oder Auswärtsspiel entgehen. Für ihn ist sein Verein mehr als nur ein Hobby, sagt er: "1860 ist eine Religion. Das ist was Besonderes." Thorsten Kapperer sieht das anders. Der Pastoralreferent aus dem Bistum Würzburg beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit dem Verhältnis von Fußball und Religion. Sogar seine Doktorarbeit hat er darüber geschrieben. Für ihn fehlt dem Fußball ein entscheidendes Merkmal einer Religion: "Nämlich die letzten Sinnfragen zu beantworten. Das kann der Fußball nicht und das will er auch nicht."

    Auch Oskar Dernitzky findet, dass der Fußball ihm nicht die Frage nach dem Sinn des Lebens beantworten kann. Das ist ihm aber auch gar nicht so wichtig, ihm kommt es auf etwas ganz Anderes an: "Die Stimmung der Löwen, der soziale Aspekt oder auch das Miteinander in der Löwenfamilie ist einfach für mich ganz wichtig."

    Phänomenologische Parallelen

    Rein äußerlich gibt es durchaus Parallelen zwischen Fußball und Religion. Fans pilgern ins Stadion, singen Vereinshymnen ähnlich wie Kirchenlieder oder bekennen sich zu ihrem Verein wie andere zu ihrem Glauben. Wechselgesänge gibt es in der Kirche ebenso wie im Stadion.

    Für Pastoralreferent Kapperer ist das kein Zufall, in Zeiten, in denen religiöse Institutionen an Bedeutung verlieren. "Weil sie das, was sich Menschen von der Religion erhoffen, im Fußball teilweise zumindest Erfüllung für sie findet. Das Gemeinschaftserlebnis, die Emotionen von Himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt, das ist so eine Lebensbegleitung. Und da kann man schon viele Facetten von Religion auch beim Fußball finden", sagt Thorsten Kapperer. Und auch Dernitzky ist der Ansicht, dass die Kirchen im Moment in einer zu tiefen Krise stecken, als dass sie attraktiv für eine breite Masse an Menschen wären. Auch wenn er selbst ab und zu einen Gottesdienst besucht oder eine Kerze für seinen Verein anzündet.

    Begleitung auch Abseits der Fankurve

    Genauso wichtig wie die Besuche im Stadion sind aber die Rituale, die Oskar Dernitzky auch abseits der Fankurve durch sein Leben begleiten. Wenn ein Vereinsmitglied stirbt, ist es für die Fans ganz wichtig, denjenigen auch würdig zu verabschieden, "aus der Familie", wie Dernitzky seinen Verein nennt.

    "Ich hatte zwei Beerdigungen jetzt, dieses Jahr und letztes Jahr", erzählt er. "Die wollten unbedingt mit einem Trikot beerdigt werden, das war der große Wunsch. Ich versuche dann immer, dem Wunsch nachzukommen, organisiere diese Trikots mit Unterschriften der Mannschaft und übergebe das dann den Angehörigen. Das würde bei mir auch passieren." Dernitzkys Sarg solle auch nicht aus Eiche sein – sondern die Vereinsfarben von 1860 München tragen.

    Fußball und Emotionen gehören zusammen

    Sowohl Kapperer als auch Dernitzky betonen immer wieder die Rolle, die Emotionen im Fußball spielen und die für beide fest zum Fansein dazu gehören. Pastoralreferent Kapperer weiß noch genau, wie es war, als sein eigener Verein, der VfB Stuttgart, am Ende der vergangenen Saison in letzter Minuten den Klassenerhalt gegen den 1. FC Köln geschafft hat. "Mir sind selber die Tränen sofort in die Augen geschossen, wir haben uns umarmt, das war einfach unbeschreiblich. Wir haben auch ein bisschen gebraucht, das dann zu realisieren." Selbst, wenn er nur darüber spricht, geht ihm das noch nahe.

    In diesem Moment, erzählt er, habe er sogar einen Hauch von Transzendenz gespürt: "Ich hab dann einen Handkuss zum Himmel geworfen. Das mache ich gern in solchen Situationen, weil ich das für mich persönlich als Christ sehe, dass Gott hier schon seine Hand im Spiel hat und sich jetzt mit mir freut. Da bin ich mir ganz sicher." Soweit würde Oskar Dernitzky nicht gehen. Aber falls 1860 München in dieser Saison aufsteigt, dann will er gemeinsam mit Vereinskameraden ein Stück des Jakobsweges gehen. Seit zwei Jahren ist das schon in Planung – bisher hat es nur noch nicht funktioniert.

    Was die Kirche vom Fußball lernen kann

    Obwohl Fußball für Thorsten Kapperer keine Ersatzreligion ist – er spricht lieber von "Ersatz für Religion" – kann die Kirche seiner Ansicht nach mehrere Dinge vom Fußball lernen. Zum einen wünscht er sich in der Kirche mehr Leidenschaft und Emotion, zum anderen mehr Ästhetik. Und eine deutliche Sprache, die die Leute verstehen.

    "Im Fußball ist es so: Zwei Tore. Elf gegen elf. Ein Ball. Es gibt ein paar Regeln, die man wissen sollte, aber die lassen sich sehr, sehr schnell erklären", sagt der Pastoralreferent. "Und von daher hat man da einfach eine Sprache, die kurz ist, die prägnant ist, die auf den Punkt kommt und die jeder auf der Welt sofort versteht." Um abstrakte, kirchliche Begriffe wie Barmherzigkeit oder Gnade würden viele Hauptamtliche in der Kirche hingegen lieber herumreden.

    Ob Religion, Ersatzreligion oder Ersatz für Religion – eines kann der Fußball aber auf jeden Fall: Menschen begeistern. Oskar Dernitzky hat gerade Karten für die nächsten Partien besorgt. Und auch Thorsten Kapperer freut sich auf den Saisonstart. Die Faszination des Fußballs liegt für ihn vor allem in der Ergebnisoffenheit: "Wenn ich jetzt am Wochenende ins Stadion geh, dann kann es sein, dass es ein Spektakel wird. Dass es ein Tor gibt in der 92. Minute. Dass diese Emotionen wiederkommen."

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