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Bahnhofsmission

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Funktioniert ein Sozialstaat ohne Kirchen?

Im sozialen Bereich sind Kirchen und Staat in Bayern eng verbunden. Der Staat profitiert bei Kinderbetreuung, Altenpflege oder Bahnhofsmissionen von kirchlichen Strukturen und engagierten Ehrenamtlichen. Ist der Staat Nutznießer der Kirchen?

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Eine Ohnmacht am Gleis. Den letzten Zug abends nach Hause verpasst. Kein Geld mehr für eine Fahrkarte oder für den Bäcker. Wer am Hauptbahnhof in München ein Problem hat, kann sich an die Bahnhofsmission wenden. Direkt neben Gleis 11. Nicht nur Reisende. Sieben Tage die Woche, 24 Stunden, kostenlose Hilfe. Etwa 300 Menschen kommen hier täglich vorbei. Keiner stellt hier erst einmal Fragen, warum jemand kommt.

"Weil hier schon ganz existentielle Not ist und sich hier alles verdichtet, was man an gesellschaftlichen Themen hört, das bekommt hier ein Gesicht. Da kann man nicht wegschauen, da ist man damit konfrontiert." Bettina Spahn, Leiterin der Bahnhofsmission

Belastend für Bettina Spahn und die Ehrenamtlichen, aber für den Staat ein Gewinn.

Christliche Nächstenliebe für die ganze Gesellschaft

Außer der Bahnhofsmission gibt es keinen Zufluchtsort und keine Ansprechpartner am Bahnhof. Am Knotenpunkt. Im Zentrum der Stadt, wo täglich eine halbe Million Menschen unterwegs sind.

Träger der ökumenischen Einrichtung ist das evangelische Hilfswerk und auf katholischer Seite in via, ein Fachverband der Caritas. Finanziert wird die Bahnhofsmission zum Großteil von der Stadt München, aber auch von den Kirchen und durch Spenden. 150 Ehrenamtliche helfen den 14 Hauptamtlichen.

Hilfe bei Arbeitslosigkeit, Hunger und häuslicher Gewalt

In der Bahnhofsmission treffen Verzweifelte, Verlorene, Obdachlose und Reisende aufeinander. Mit ihren Krisen und Problemen wie Arbeitslosigkeit, Alleinsein, Hunger oder Depression. Notfälle kommen hierher, um die sich sonst niemand kümmern würde, und das seit mehr als 120 Jahren.

Mittlerweile suchen auch Frauen in der Bahnhofsmission vermehrt Schutz vor häuslicher Gewalt. Bis zu acht Frauen mit ihren Kindern schlafen hier jede Nacht auf Isomatten am Boden. Manche werden sogar von der Polizei persönlich hier in Sicherheit gebracht.

Wenn München sich ins Wochenende verabschiedet, ist die Bahnhofsmission oft die einzige Anlaufstelle.

"Wir hatten gerade in letzter Zeit einige Fälle, dass Menschen in die Obdachlosigkeit entlassen wurden, aus dem Krankenhaus mit Pflegebedarf. Die wurden hier mit dem Sanka vorbei gebracht und wir hatten dann über Tage Schwierigkeiten, wo die Leute bleiben können. Wir sind da in eine Lücke gesprungen, wofür wir gar nicht zuständig sind, weil es gibt in München sonst keinen Ort, wo sie hingehen können. Nach uns kommt einfach nur die Straße." Bettina Spahn, Leiterin der Bahnhofsmission

Kirche engagiert sich nicht nur am Bahnhof, sondern im ganzen Bereich der sozialen Fürsorge. Ein Großteil der Einrichtungen für Menschen mit Behinderung wird beispielsweise von den beiden großen Kirchen getragen, auch Altenheime. Ehrenamtliche der Malteser besuchen einsame alte Menschen. Freiwillige betreuen die Telefonseelsorge.

Kirche nach wie vor ein Hauptakteur im sozialen Bereich

Es gibt unzählige Projekte und unzählige Ehrenamtliche. Auch andere Verbände unterstützen den Staat bei der Bewältigung seiner Aufgaben. Die Kirchen sind aber – wenn auch im Schrumpfen begriffen – immer noch einer der Hauptakteure in diesem Bereich.

Und sie stellen auch den Nachwuchs der Ehrenamtlichen. Eine Studie der Evangelischen Kirche Deutschlands belegt, dass kirchlich engagierte Jugendliche sich deutlich häufiger im Erwachsenenalter gesellschaftlich engagieren.