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Fundamentale Christen werben weiterhin für Heilung Homosexueller | BR24

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Konversionstherapien gelten in der Fachwelt als Humbug. Fundamentale Christen werben jedoch weiterhin für eine Heilung von Homosexuellen.

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Fundamentale Christen werben weiterhin für Heilung Homosexueller

Gesundheitsminister Jens Spahn hat angekündigt, "Umpolungs-Therapien" für Homosexuelle verbieten zu lassen. Konversionstherapien gelten in der Fachwelt als Humbug. Fundamentale Christen werben jedoch weiterhin für eine Heilung von Homosexuellen.

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"Homosexualität ist eine Krankheit und Kranke kann man heilen" - so argumentieren viele bibeltreue oder sehr konservative Christen, wenn sie die sogenannten Konversionstherapien verteidigen. Eine Erfahrung, die auch Alexander Ketterl gemacht hat. Schon mit acht Jahren merkt der gebürtige Landsberger nach eigener Aussage, dass er auf Männer steht.

Schwuler Christ: "Ich wollte nicht in der Hölle landen"

Seine Gefühle kann Alexander Ketterl jedoch nicht offen zeigen, denn damals gehört er einer christlich-evangelischen Freikirche an. Eine große Ablehnung seiner Gefühle erfährt er beim Studium der Bibel. Seine Zerrissenheit und Angst sei unerträglich gewesen. "Ich wollte nicht in der Hölle landen", sagt Ketterl heute.

Die Mitglieder seiner Freikirche empfehlen ihm eine Konversionstherapie in Marburg. Schnell glauben die selbsternannten Therapeuten die Ursache seines Schwulseins zu erkennen: Die zerrütteten Familienverhältnisse seien daran schuld, so die freikirchliche Therapeutengruppe. Doch die Gefühle von Alexander Ketterl ändern sich nicht. Auch per Handauflegung gibt es keine spontane Geistheilung. Stattdessen verliebt er sich erstmals in seinem Leben - in einen Mann.

"Da kam für mich dann die Frage: Kann verliebt sein wirklich krankhaft sein? Ich habe ganz schnell begriffen, Krankheit ist das eine, aber was du jetzt spürst, das ist Liebe und Liebe kommt von Gott." Alexander Ketterl

Religiöse Motive als Hauptgrund für Konversionstherapien

Heute kann er seine Gefühle offen leben. Die Konversionstherapie in Marburg hat er nach wenigen Monaten abgebrochen. Nach Bayern ist er nicht zurückgekehrt, sondern lebt in Frankfurt am Main und engagiert sich in einer Projektgemeinde, die zweimal im Monat Gottesdienste für Lesben und Schwule anbietet.

Ein Einzelfall ist Alexander Ketterl nicht. Zahlreiche Therapeuten sehen vor allem religiöse Motive als Triebfeder für so genannte Konversionstherapien. "Reorientierungstherapien bewegen sich immer im religiösen Kontext", sagt der Münchner Psychologe Christopher Knoll. Er ist der fachliche Leiter des Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrums "Sub" in München. "Das ist eine Folge einer religiösen Verblendung, dass die Menschen von Gott nur so und so gedacht worden sind und nicht anders", so Knoll. Für viele seiner Patienten wäre es deswegen äußerst hilfreich, wenn die Kirchen eindeutig klar stellen würden, dass Homosexualität keine Krankheit ist.

Kirche ignoriert moderne Forschung

Dass die Kirche die Ergebnisse der Homosexualitätsforschung ernst nimmt, wünscht sich auch der Würzburger Theologe und Psychotherapeut Wunibald Müller. Was die Kirche über Homosexualität sage, beziehe sich nur "auf einige Randbemerkungen im neuen und alten Testament". Es sei "unverantwortlich", so Müller, dass die Kirche die Erkenntnisse der modernen Homosexualitätsforschung ignoriere.

Ein Umdenken in der katholischen Kirche fordert auch die Online-Petition mit dem Titel: "Die-katholische-kirche-muss-ihre-haltung-zu-nicht-heterosexuellen-menschen-aendern". Die Initiatoren wollen eine klare Stellungnahme der Deutschen Bischofskonferenz zu sogenannten Konversionstherapien.

Deutsche Bischöfe sehen Konversionstherapien "äußerst skeptisch"

Die katholische Kirche erkenne die Existenz von Homosexualität an, sie lehne jedoch praktizierte homosexuelle Handlungen ab, so der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) auf BR-Anfrage. Die DBK stehe Konversionstherapien äußerst skeptisch gegenüber, unterstütze diese nicht und habe keine Kenntnisse über Therapien in eigenen Reihen.

"Schwulenparagraf" vor 25 Jahren abgeschafft

Vor 25 Jahren wurde Paragraf 175 des deutschen Strafgesetzbuches abgeschafft. Von 1872 bis 1994 stellte der "Schwulenparagraf" sexuelle Handlungen zwischen männlichen Personen unter Strafe.

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Vor 25 Jahren wurde der Paragraf 175 abgeschafft. Von 1872 bis 1994 stellte der Schwulenparagraf sexuelle Handlungen zwischen männlichen Personen unter Strafe.

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