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Kultur

Bomben unterm Kreuz: Fulminante "Tosca" in Weimar | BR24

© Candy Welz/DNT Weimar

Hinter ihr die Erschießungswand

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    Bomben unterm Kreuz: Fulminante "Tosca" in Weimar

    Nicht mal mehr in Rom gibt es Erlösung: Hasko Weber inszeniert Puccini so eisig wie ein Stück von Jean-Paul Sartre. Phänomenale Sänger und eine packende Regie lassen das Publikum ganz verdattert zurück: Weimar auf einem umjubelten Horror-Trip.

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    Am Ende stehen die Toten auf der Bühne und machen da weiter, wo sie im Leben aufgehört haben: Beim Schikanieren, Quälen, Vergewaltigen und Morden. Erlösung Fehlanzeige! Hört sich an, wie eines dieser düster-makabren Theaterstücke von Jean-Paul Sartre, ist aber in diesem Fall Puccini - ausgerechnet Puccini, der sonst gern unter Kitsch-Verdacht steht. Da ist Hasko Weber, dem Intendanten des Deutschen Nationaltheaters Weimar wirklich eine fulminante "Tosca" gelungen: Packend, beklemmend, aufwühlend. Und das lag natürlich nicht nur an der Regie, sondern auch an der Ausstrahlung, am Charisma der drei Hauptpartien.

    © Candy Welz/DNT Weimar

    Nach dem Mord: Tosca vor der Leiche

    Würde, Andacht, Stil: Ovationen für Tosca

    Die brasilianische Sopranistin Camila Ribero-Souza ist als Tosca ganz Diva, aber was für eine! Klar, sobald sie auftritt, gehört die Bühne ihr, aber nicht, weil sie eitel herumstolziert und affektierte Bewegungen macht, sondern weil sie vollkommen aufgeht in dieser Rolle einer Sängerin, die von den politischen Verhältnissen überfordert wird. Ribero-Souza zeigt ihre Verletzlichkeit, ihre Schwäche, ihre Verzweiflung. Wenn sie den Bösewicht Scarpia ersticht, der sie vergewaltigen will, dann legt sie vorher feierlich ihr Kreuz an der Halskette ab und greift nachher zu den weißen Rosen, den Totenblumen, die sie sich mit der Leiche teilt, denn Tosca, die fromme Mörderin, hat sich in diesem Moment natürlich auch selbst umgebracht. Für sie gibt es kein Leben nach so einer Tat. Ihr Auftreten hat Würde, Andacht, Stil, eine Mischung, wie sie in Südamerika womöglich noch häufiger vorkommt als in Europa. Die Ovationen des Publikums waren Camila Ribero-Souza jedenfalls sicher.

    © Candy Welz/DNT Weimar

    Dieses Gemälde sorgt für Ärger

    Seinen Opfern immer voraus

    Dasselbe gilt für den koreanischen Tenor Jaesig Lee als Mario Cavaradossi: Mit einer Riesen-Stimme lähmt er fast den Saal. Was sonst vielleicht arg auftrumpfend wirken würde ist in Puccinis "Tosca" am Platz, geht es doch hier um Breitwand-Oper im XXL-Format. Stark, wie Jaesig Lee den Gefolterten darstellt, einerseits körperlich gebrochen, andererseits geistig unbeugsam. Das Trio ergänzte der usbekische Bariton Alik Abdukayumow als eiskalter Machtmensch Scarpia, der aus der Freude an der Brutalität über Leichen geht, und sexuell erregt ist, wenn er Widerstand brechen kann. Stets lächelt er dabei diabolisch, ist seinen Opfern immer zwei Gedanken voraus.

    © Candy Welz/DNT Weimar

    In den Fängen Scarpias

    Schnapsflaschen statt Madonna

    Ausstatter Thilo Reuter hatte ein Horror-Rom entworfen: Ein riesiges Kreuz ragt schräg in den Himmel, aber bei genauerem Hinsehen hängen Bomben unter dem Querbalken. Könnte auch ein Kampfflugzeug sein. Scapia regiert auf einem giftgelben Thron unter einem monströsen Maschinengewehr-Gemälde, das mit Neonröhren aufgehübscht ist. Pop-Art goes Folterkammer, und dort, wo gerade noch eine Madonnen-Figur für Erbauung sorgte, stehen kurz darauf Schnapsflaschen als Hausbar. Der dritte Akt spielt sich vor einer Erschießungs-Wand ab, in die offenkundig schon viele Projektile eingeschlagen sind. In diesem Grusel-Rom tummeln sich allerlei Mönche in bizarren, lila und weinroten Kutten (Kostüme: Sarah Antonia Rung). Lauter Schergen, die jeden Auftrag entgegen nehmen und bei besonders blutigen Handgriffen eine Plastik-Folie drunterlegen, damit keine Flecken aufs Parkett kommen.

    © Candy Welz/DNT Weimar

    Keine Aussicht auf Erlösung

    Zuschauer ganz verdattert

    Regisseur Hasko Weber inszeniert das alles absolut souverän, ganz ohne Mätzchen, ohne Puccini jemals dem Gespött auszusetzen, was leicht wäre und leider auch häufig gemacht wird. So kann die "Tosca" erschüttern: Ein paar Zuschauer, die anfangs noch zum Lachen aufgelegt waren, gaben sich schließlich ganz verdattert. Der amerikanisch-schweizerische Dirigent Stefan Lano setzte zunächst auf sehr grelle Kontraste, als ob ein Lautstärkeregler defekt war und ruckelte. Doch schnell fand Lano mit der Staatskapelle Weimar zu einer Balance zwischen aufbrausender, tosender Anklage und fahler, kalter Hoffnungslosigkeit. Phänomenal, diese "Tosca" - und, das, wo sie doch auch keinen Ausweg weiß!

    Wieder am 17. und 22. März, 7. und 26. April, weitere Termine.