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Für Fans wie Methadon: Neustart an der Bayerischen Staatsoper | BR24

© Jungblut/BR

Abstand halten in der Unterbühne: Zuschauer warten auf das Kammerkonzert

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Für Fans wie Methadon: Neustart an der Bayerischen Staatsoper

Am Eingang Desinfektionsmittel, strenge Maskenpflicht und Stehplätze mit Abstand – jeweils rund zwanzig Zuschauer dürfen bis Ende Juni jeden Mittwoch zu Kammerkonzerten an ungewöhnlichen Orten. Das hilft Musikfans gegen "Entzugserscheinungen".

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Die Hersteller von Drehkreuzen, Einlass-Schranken, automatischen Schiebetüren und anderen sogenannten "Vereinzelungsanlagen" müssten derzeit ja eine Sonderkonjunktur haben, jetzt, wo gerade die ganze Gesellschaft zur Vereinzelungsmaschine umgebaut wird. Da mag sich mancher fühlen, als ob er in einem düsteren Theaterstück mitspielt, inszeniert zum Beispiel von Christoph Marthaler, der seit dreißig Jahren einsame Menschen in steriler Umgebung zeigt. Sein Markenzeichen sozusagen.

Empfang wie beim Zahnarzt

Und genau so fühlt es sich an, das erste, zaghafte, kleine Programm der großen Bayerischen Staatsoper in München. Jeden Mittwoch dürfen noch bis Ende Juni rund zwanzig Zuschauer zum Kammerkonzert kommen, und wenn es beim Einlass zugeht wie beim Zahnarzt, wird das derzeit wohl niemanden wundern: "Schönen guten Abend", sagt der Einweiser, "dann bräuchte ich bitte Ihre Karte, dann hier die Hände desinfizieren, gleich hier. Hier vorne haben wir den Warteraum, wir haben speziell für Sie einen Platz mit einer Nummer. Der dient auch als Garderobe. Dort bitte ablegen, hinterher werden Sie dort auch wieder vorbei geführt. An dem Platz warten Sie bitte, bis Sie aufgerufen werden, wir führen Sie dann an Ihren Platz bis zur Bühne. Dort liegt dann auch ein Besetzungszettel, der ist dann auch für Sie, den dürfen Sie mitnehmen. "

© Jungblut/BR

Hat etwas von Club-Atmosphäre: Zuschauer hinter Neonröhren

Freundlich ist er, der maskierte Herr mit der Liste der angemeldeten Zuschauer. Das jeweilige Geburtsdatum ist übrigens obligatorisch. Wer es schließlich ins Foyer geschafft hat, kann sich an seinem persönlichen Stuhl etwas berappeln, bevor ein weiterer Herr die Führung übernimmt. Auf dem Boden kleben Pfeile, Absperrbänder weisen den Weg: "Heute heißt das Thema 'Streifzüge am Mittwoch', ein Konzert, das auf der Unterbühne stattfindet. Hier haben wir auch unsere Hinweise aufgestellt. Wir haben auf dem ganzen Weg auch Kollegen postiert, so dass Sie sicher geleitet werden. Bitte hier die Treppe rauf, da steht auch der nächste Kollege", gibt ein Mitarbeiter Orientierung.

© Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper

Gefährliches Stolper-Parkett: Hornisten auf Abstand, zwischen Strahltrossen

Erst rauf, dann runter, bis in die Untermaschinerie der Staatsoper. Zwischen sechs riesigen Hydraulik-Pumpen und jeder Menge Stahltrosse werden gleich die Hornisten ihren Auftritt haben für ein halbstündiges Kurzprogramm. Etwas Mozart, etwas Astor Piazzolla, und zwei Alphörner sind auch mit von der Partie. Die Musiker brauchen nicht nur gute Lungen, sondern in diesem Fall auch gute Augen, müssen sie doch über Wickelmaschinen, Seile und Stege balancieren, bis sie am Notenständer sind. In der Tat ein außergewöhnliches Ambiente, hier unten, tief in den Eingeweiden der Staatsoper.

Wie im kontrollierten Paradies

Schuhe mit spitzen Absätzen empfehlen sich nicht, geht der Weg doch über Gitterroste. Hinter jeder Neonröhre darf sich jeweils ein Zuschauer hinstellen, wohlgemerkt nicht setzen, es gibt nur Stehplätze. Dafür darf am Platz die Maske abgenommen werden. Emsige Anweiserinnen im dunkelblauen Kostüm huschen hin und her, auch dies wie in einer Theaterinszenierung, vielleicht ein Stück über ein kontrolliertes Paradies, oder auch eine Satire auf den Überwachungsstaat.

© Jungblut/BR

Umlagerte Staatsoper: Passanten genießen auf den Stufen die Sonne

Unwirklich fühlt es sich an, aber die Zuschauer sind begeistert. "Wir haben wirklich lange gewartet, bis wir wieder rein dürfen. Man ist im Moment ja schon einiges gewohnt. Es war sehr gut organisiert, fand ich, es war ein schönes Ambiente, gut beleuchtet", sagt ein Zuschauer. Eine Nachbarin bestätigt: "Es war wirklich gut organisiert, genau ausgeschildert, wo man hin musste. Die Location auf der Unterbühne fand ich ganz toll."

"Ausgehungert" nach der Abstinenz

Ein Premieren-Abonnent schränkt allerdings ein: "Also gegen Entzugserscheinungen hilft es vielleicht nicht, Oper war es ja nicht, aber zumindest Musik. Ich vermisse die Oper weiterhin, aber als 'Methadon' für die Droge Oper geht es." Und ein langjähriger Opernfreund zeigt sich hinter seiner Maske noch gnädiger: "Man ist natürlich ausgehungert nach so langer Zeit der Abstinenz, und wenn man dann so etwas Besonderes bekommt, so dicht an der Musik, so ungewöhnlich im Ambiente und in einer Qualität der Bayerischen Staatsoper, toll!"

© Jungblut/BR

Passionierte Fans: Ellen Fleischmann (rechts) ist täglich in der Oper

Gerade die treuesten Opernfans lechzen förmlich nach einem Abend wie diesem. Ellen Fleischmann zum Beispiel, die kaum eine Vorstellung auslässt: "Vier bis fünf Mal die Woche, also ich komme immer so auf ungefähr zweihundert Vorstellungen. Vor Corona hatte ich in dieser Spielzeit so etwa 120 Vorstellungen." Sie ist während der Saison also praktisch jeden Tag in der Oper, kein Fan, wie sie selbst sagt, sondern eine Passionierte, und da ist es sozusagen Pflicht, beim Neustart dabei zu sein: "Ja, ich habe schon Entzugserscheinungen, aber habe mich damit abgefunden, es muss halt so sein. Ich freue mich einfach auf einen Neuanfang. Das war ja heute schon ganz toll. Es war natürlich kein Ersatz, aber das Programm war gut. Man ist von der Oper infiziert, aber diesen Virus mag ich ja, da tue ich ja auch nichts dagegen. Es wird einfach immer mehr, man wird immer neugieriger. Plötzlich konzentriert man sich mehr. Wenn ich meinetwegen fünf Mal das gleiche Stück sehe, konzentriere ich mich mal auf bestimmte Musiker oder auf die Dirigenten, also es wird immer breiter gefächert."

Kommen im Herbst die Opernfreunde?

Spannend wird es im Herbst, nicht nur, was das Virus betrifft, sondern auch, ob es ein breites Publikum gibt, dass dann überhaupt Lust hat auf Oper und entsprechend zahlungswillig ist, denn die meisten Karten in der Bayerischen Staatsoper sind nicht gerade billig. Derzeit sind die Museen zum Beispiel weitgehend leer, wenige wollen Kunst genießen. Verglichen damit ist Oper für die meisten ja eine recht festliche, repräsentative Freizeitbeschäftigung mit großer Garderobe und Glamour-Faktor. Mal sehen, ob das alles zum Desinfektionsspray passt.

"Streifzüge" in der Bayerischen Staatsoper München, immer mittwochs um 18.30 Uhr und 20.00 Uhr, bis Ende Juni.

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