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Bildrechte: 2020 Avenue B Productions

Szene aus "Frühling in Paris"

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"Frühling in Paris": Romanze einer ungleichen Bindung

In der Coming-of-Age Geschichte fühlt sich die 16-jährige Schülerin von einem älteren Mann angezogen. Die junge Regisseurin Suzanne Lindon entwickelt ein ganz eigenes Verständnis von einer Beziehungsgeschichte – und spielt selbst die Hauptrolle.

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Von
  • Moritz Holfelder

Eine junge, melancholisch wirkende Frau, fast noch ein Mädchen, sitzt zwischen ihren Mitschülerinnen und Mitschülern in einem Pariser Bistro am Tisch und lässt die lebhafte Unterhaltung an sich vorbeiziehen. Regisseurin Suzanne Lindon schreibt über ihre Figur im Drehbuch: "Sie hat dieses bestimmte Alter, in dem man zwar auf jeden Fall kein Kind mehr ist, aber auch noch nicht wirklich erwachsen."

"Seize Printemps" und auf Deutsch "Frühling in Paris" heißt der Film. Eine Coming-of-Age Geschichte. Das monochrom in Rosa gehaltene Plakat erinnert eindeutig an den amerikanischen Independent-Erfolg "Frances Ha" mit Greta Gerwig. Das ist das Publikum, auf das die Marketingagentur offenbar abzielt. Allerdings hat "Frühling in Paris" mit dem US-Film kaum etwas gemein, außer dass es in beiden Fällen um eine junge Frau geht.

Regiedebüt von Suzanne Lindon

Diese Woche startet das Regiedebüt mit vielen Vorschusslorbeeren in unseren Kinos: Es war in der offiziellen Auswahl der Filme, die im Programm der Filmfestspiele von Cannes 2020 gezeigt worden wären, hätte Corona das nicht verhindert – und er wurde als eines von fünfzig Werken für das Filmfestival im kanadischen Toronto 2020 ausgewählt, das im Herbst immer als eine das Jahr abschließende Leistungsschau des internationalen Kinos gilt. Dabei handelt es sich um den Erstling einer jungen Französin: Am Skript hatte die Tochter des bekannten französischen Schauspielerpaares Sandrine Kiberlain und Vincent Lindon bereits gearbeitet, als sie – gerade 15 Jahre alt – noch zur Schule ging. Die inzwischen 21-jährige hat dann nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch verfasst, und sie spielt neben Arnaud Valois die weibliche Hauptrolle.

Viel auf einmal für ein Debüt. Da sie zudem Paris als Schauplatz wählte – ein banaleres Klischee für eine Jugendromanze ist kaum denkbar – entwickelt man als Zuschauer eine gewisse Skepsis. "Ich komme aus einer Schauspieler-Familie und wollte selbst auch immer schauspielern", erzählte Lindon in einem Interview zu ihrem Film, "habe mich aber nie getraut, diesen Wunsch vor meinen Eltern auszusprechen."

Sie musste es also einfach tun. Auch "Frühling in Paris" erzählt von der Schauspielerei, aber nicht direkt, sondern gewissermaßen über Eck. Suzanne begegnet einem jungen Mann, der allerdings um einige Jahre älter ist als sie und an einer kleinen Pariser Bühne spielt. Sie hat ihn schon öfter beobachtet, auf dem Platz vor dem Theater, wenn er dort steht und eine Zigarette raucht. Dann spricht er sie an.

© 2020 Avenue B Productions
Bildrechte: 2020 Avenue B Productions

Die Hauptcharaktere Raphaël (Arnaud Valois) und Suzanne (Suzanne Lindon)

Suzanne ist ein sehr ambivalenter Charakter – sie wirkt schüchtern und entschieden zugleich. Gekonnt setzt sich die Regisseurin als Hauptdarstellerin selbst in Szene, zeigt eine junge Frau in vielen eher ruhigen Momenten, bedächtig und zugleich intensiv, in Szenen, die alle ein Lebensgefühl ausdrücken und eine schon sehr eigene Haltung zu den Menschen. Die 16-Jährige im Film findet vieles banal – die Schule, ihre Freundinnen oder die Partys, auf denen es Bier zu trinken gibt und ansonsten nicht viel passiert. Suzanne ist auf der Suche nach Komplexität.

Die junge Regisseurin lässt Paris allenfalls mitschwingen und konzentriert sich auf das Wesentliche – auf den nicht selten verwunderten und zugleich neugierigen Blick einer jungen Frau auf die Welt. Die Kamera folgt ihr dicht – das Gesicht von Suzanne ist oft in Großaufnahme zu sehen. Bisweilen wirkt das ein bisschen selbstverliebt.

Lindon entwickelt eigenes Verständnis einer Beziehungsgeschichte

Der Film ist eher klassisch exakt als jugendlich ungestüm erzählt. Dazu passt auch, dass unsere Zeit, in der die Geschichte spielt, nicht durch Accessoires kenntlich gemacht wird; es gibt keine Smartphones oder Computer. So entwickelt Suzanne Lindon ein ganz eigenes Verständnis von einer Beziehungsgeschichte. Die Liaison zwischen ihrer Figur und dem Schauspieler bleibt angenehm platonisch, Begegnung und Zärtlichkeit stehen im Vordergrund und nicht Verlangen und Sex.

"Frühling in Paris" handelt auf berührend zarte Art und Weise von Aufmerksamkeit und Respekt: Wie ist es, wenn man sich nicht in die Idee von einem Menschen verliebt, sondern in den Menschen selbst? Alle anfängliche Skepsis gegenüber diesem Regiedebüt ist schnell verflogen.

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