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Früher bespitzelt, heute leitet sie die Stasi-Unterlagenbehörde | BR24

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Regina Schild leitet die Stasi-Unterlagenbehörde in Leipzig

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Früher bespitzelt, heute leitet sie die Stasi-Unterlagenbehörde

8,6 Kilometer Akten, 2,8 Millionen Karteikarten mit Detailinformationen über Bürgerinnen und Bürger der DDR lagern in der Stasi-Unterlagenbehörde in Leipzig. Geleitet wird sie von Regina Schild. Als Katholikin stand sie in der DDR unter Beobachtung.

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Die gelernte Elektronikfacharbeiterin hätte vor der Wende nie gedacht, dass sie sich einmal mit dem "Erbe" der Stasi befassen würde. Regina Schild und ihr Mann sind katholisch, ihre drei Kinder wachsen in den 80er Jahren auf. Die Kirchenzugehörigkeit macht den Alltag in der DDR schwierig, aber eröffnet auch Möglichkeiten. Im Schutz der Kirche wird offen gesprochen, es gibt Kontakte in den Westen, die Sehnsucht nach einem freieren Leben wächst. Ein Halt zu DDR-Zeiten: Besuche von Freunden der Partnergemeinden aus dem Westen. Die Treffen werden zum Lebenselixier. "Die kamen, haben uns Bücher mitgebracht, die wir hier nicht gekriegt haben, in der DDR, wir haben uns unterhalten, wie leben die, wie leben wir und wir haben uns geschrieben. Wir haben uns dann auch mal am Balaton oder in Berlin getroffen", erinnert sich Regina Schild.

Unangenehmer Fund

Über ihre Kirchengemeinde bekommt Regina Schild dann im Dezember 1989 einen Aufruf, dass Hilfe zur Auflösung der Stasi und zur Sicherung der Akten gesucht wird. In den Karteikarten der Postkontrolle entdeckt Regina Schild eines Tages ihren eigenen Namen – sie wurde auch bespitzelt. Im Nachhinein ist sie aber froh, dass sie nach der Wende niemanden aus ihrem Umfeld als Stasispitzel entdecken musste. Wie viele Akten und gesammelte Informationen allerdings vernichtet wurden, wird heute niemand mehr herausfinden.

Für die Freiheit kämpfen

Im Herbst 1989 nimmt Regina Schild an den Friedensgebeten in der Leipziger Innenstadt teil. Sie ist auch dabei, als am 9. Oktober Gerüchte von einem Schießbefehl die Runde machen. Niemand weiß, wie weit die Regierung gehen wird an diesem Tag, jeder geht ein großes Risiko ein. Nikolaikirche und Thomaskirche in Leipzig sind schon überfüllt, sie findet in der Reformierten Kirche Platz. Zu gleicher Zeit dreht ein Kamerateam oben im Kirchturm Bilder, die kurze Zeit später um die Welt gehen. Was für eine Erleichterung... als es 70.000 sind, die friedlich demonstrieren, dass nichts passiert. Regina Schild ist auch für die Zukunft ihrer Kinder auf die Straße gegangen. Sich für Veränderungen einzusetzen, unter Lebensgefahr, ermutigt wird Regina Schild damals auch durch ihren Glauben. Der Kampf hat sich gelohnt. Ihre Kinder sind inzwischen erwachsen. Auch die Schwiegerkinder und sieben Enkel gehören inzwischen zur Familie. Und dass sie alle ihren Glauben frei leben, frei denken und frei reisen können, freut Regina Schild sehr. Es ist eine Normalität, nach der sich die heutige Leiterin der Stasiunterlagenbehörde in der DDR-Zeit so sehr gesehnt hat.