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Warum an den Münchner Kammerspielen jetzt auch geboxt wird | BR24

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Festivalvorschau und Premierenkritik: "Friendly Confrontations" an den Münchner Kammerspielen

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Warum an den Münchner Kammerspielen jetzt auch geboxt wird

"Friendly Confrontations" heißt ein Festival der Münchner Kammerspiele, das der Frage nachgeht, wie man Kunst und Theater für diverse Perspektiven öffnen kann. Zur Klärung dieser Frage haben sich die Kammerspiele auch einen Boxclub ans Haus geholt.

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Zu einem "Festival für Institutionskritik" haben die Kammerspiele geladen – zwei Begriffe, die auf den ersten Blick nicht unbedingt zusammenpassen. Steht der eine doch für Spaß und der andere eher, nun ja, für diskursiven Ernst, für Reflexion und Selbstkritik. Andererseits hat das Haus in den letzten Jahren ziemlich anschaulich gezeigt, dass man im Theater grübeln und genießen kann. Und dass man die Institution des Stadttheaters befragen, mit neuen Theaterformen experimentieren und trotzdem unterhaltsam sein kann. Geboxt wurde hier allerdings noch nie.

Die Bühne als Boxring

Und auch für Ali Cukur ist der Auftritt im Theater eine Premiere. Normalerweise lässt der Boxcoach des TSV 1860 München seine Schützlinge in einer Giesinger Turnhalle schwitzen. Am Samstag tritt die Mannschaft jedoch im gediegenen Jugendstilambiente der Kammerspiele an, zu "Friendly Confrontations" – was in dem Fall kein Euphemismus ist, sondern Titel der Veranstaltung in deren Rahmen das Faustkampfspektakel stattfindet. Was ein Boxclub auf einem "Festival für globale Kunst und Institutionskritik" zu suchen hat, erklärt Kurator Julien Warner beim Pressegespräch zum Festivalauftakt: "Wenn wir sagen, Theater ist für eine Stadt da, dann gibt es ganz verschiedene Theaterformen für verschiedene gesellschaftliche Gruppen. Und für mich war ganz eindrücklich, als ich bei Ali Cukur in der Turnhalle in Obergiesing war und dort einfach gesehen hab, dass da – ich sag's jetzt mal ganz platt – Kanaken und Atzen sitzen und ihre Geschichte vorgeboxt sehen."

© Julian Baumann

Boxer der Boxabteilung des TSV 1860 München

Diverse Perspektiven, diverses Publikum

Julian Warner und seine Kuratorenkollegin Julia Grosse versuchen vor allem jene Communities an die Kammerspiele zu locken, die normalerweise nicht den Weg ins Sprechtheater finden. So dreht sich das Festival um die Frage, mit welchen kulturellen und ästhetischen Praktiken man welches Publikum erreicht. Und: Wie sich das Theater, das Museum, also die Elfenbeintürme der Hochkultur für andere, für diversere Perspektiven öffnen könnten.

Ja, wie nur? Nach diesem Wochenende ist man eventuell schlauer, die "Friendly Confrontations" präsentiert nämlich eine ziemlich wilde Collage: Boxen und Tanz, Disko und Diskurs, ein begleitendes Radioprogramm inklusive. Und, ja – Theater gibt's auch. Nicht im Theater allerdings, sondern im Atelier der Monacensia. Einem White Space im doppelten Sinn: Denn einerseits erstrahlt der Raum selbst in cleanem Arztkittel-Lack. Andererseits pflegt die Monacensia als bayerisches Literaturarchiv ja einen ausnehmend weißen Kanon. Einen Kanon, mit dem "Race me" – so der Titel der einstündigen Performance – bricht, indem sie just an diesem Ort den migrantischen Perspektiven der drei Spieler einen Raum bietet.

"Undoing race" an der Monacensia

Regisseurin Miriam Ibrahim hat den Abend als Collage angelegt: Lehrstückhafte Passagen, lexikalische Ausführungen über die Geschichte des Rassenbegriffs, mischen sich da mit den biografischen Erzählungen der Spieler. Im Zentrum steht ein Entgiftungsritual, eine Selbstreinigung der Performer von jenen rassistischen Stereotypen, die ihre eigene, migrantische Identität vergiftet haben. Vom eigenen Videobild lassen sie sich zunächst beschimpfen, um dem dann ein selbstbewusstes "Wer-bin-ich" entgegenzusetzen.

Zwar sind diese Konfrontationsszenen mit viel Pathos geladen, trotzdem bleiben sie seltsam unkräftig. Zu simpel, ja betulich wirkt dieses Empowerment. Das mag auch daran liegen, dass die Performer dabei überwiegend sehr allgemeine Kategorien ins Spiel bringen. "Ich bin Mensch!" wird da zum Beispiel betont – das klingt gewichtig, gewiss open minded, steht so aber auch unter jedem zweiten Instagramaccount. Ob damit schon ein wesentlicher Schritt in Richtung "undoing race" getan ist – irgendwie fraglich.

Das Festival "Friendly Confrontations“ der Münchner Kammerspiele läuft vom 16. bis 19. Januar an verschiedenen Orten in der Stadt.

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