Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Friedrich von Borries zeigt, was Design mit Politik zu tun hat | BR24

© Bayern 2

Alles ist Gestaltung - und Gestaltung ist politisch. Das ist das Credo des Berliner Designers Friedrich von Borries. In der neuen Sammlung der Pinakothek zeigt er jetzt, wie politisch Design ist: "Politics of Design. Design of Politics."

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Friedrich von Borries zeigt, was Design mit Politik zu tun hat

Alles ist Gestaltung - und Gestaltung ist politisch. Das ist das Credo des Berliner Designers Friedrich von Borries. In der neuen Sammlung der Pinakothek zeigt er jetzt, wie politisch Design ist: "Politics of Design. Design of Politics."

Per Mail sharen
Teilen

Was ist denn hier passiert? Wo bis vor kurzem „MR 20“ thronte – ein Original- Freischwinger-Stuhl von Ludwig Mies van der Rohe aus dem Jahr 1927, steht jetzt IRGENDEIN Freischwinger. Eine billige Kopie aus dem Internet. Für ein Museum wie die Neue Sammlung eigentlich ein No Go. Wie es dazu kam? Friedrich von Borries: "Der Freischwinger ist ja so ein klassisches Design, das früher einen gesellschaftspolitischen Anspruch hatte. Das Möbel sollte ein Arbeitermöbel sein, sollte den Menschen befreien, nicht mehr steif sitzen, sondern sozusagen schwingen, aber das ist nie ein sozialrevolutionäres Arbeitermöbel geworden! Wir kennen das ja jetzt aus den 80er-Jahren aus Anwalts- und Arztpraxen und was wir gemacht haben, ist auf Ebay - für ich glaub 80 Euro - einen Freischwinger unbekannter Provenienz zu kaufen und ihn hier gegen das Original auszutauschen. Und hier steht jetzt also ein billiges Fake und das ist jetzt auch nicht weiter vermerkt, weil es vielleicht auch nicht wichtig ist. Dieser Original-Fetischismus der Museen ist auch vielleicht genau etwas, was zu dieser Fetischisierung von Design beigetragen hat. Eigentlich sind das Gebrauchsgegenstände und nicht aufgeladene Objekte."

Design manipuliert und ist nie unschuldig

Da kommt also Friedrich von Borries – Architekt, Designtheoretiker- und Professor – aus Berlin in der Neuen Sammlung vorbei, stößt Bauhaus-Klassiker von ihrem Sockel, stellt die Deutungshoheit von Museen in Frage und lädt übrigens auch noch selbsternannte Designerinnen und Designer per „Open Call“ ein, ihre Do-It-Yourself-Produkte in den heiligen Hallen zu präsentieren – gleich neben Ikonen von beispielsweise Charles und Ray Eames oder Jean Prouvé. „Politics of Design. Design of Politics.“ lautet der programmatische Titel seiner Ausstellung.

Borries interveniert an 12 Stellen in der Sammlung – zu denen auch das Freischwinger-Beispiel zählt – und zeigt so, dass Design immer auch eine politische Dimension hat. So türmt er mehrere Volksempfänger zu einer Pyramide auf und untermalt das Ganze mit „Radioactivity“ – einem Song von Kraftwerk. Die Message: Gestaltung ist nie unschuldig. Dem ersten Babyphon aus den späten 30er-Jahren– von Isamu Noguchi in Form einer Maske gestaltet – stellt Borries – wie könnte es anders sein, ein iPhone zur Seite. Als aktuelle Überwachungs-Variante. These: Design manipuliert.

Beide haben ne schöne, glatte Oberfläche, die die wahre Funktion versteckt. Wobei die Noguchi-Maske mit dem schönen Namen „Radio Nurse“ noch sozusagen darauf verweist, dass das hier eine pflegende Kinderkrankenschwester ist, die einen begleitet.

Subtil aber kritisch: von Borries' Interventionen in der Neuen Sammlung

Am liebsten hätte Borries die gesamte Neue Sammlung auseinander genommen und wieder neu zusammengesetzt. Seine Interventionen sind subtil, teilweise fast unsichtbar – trotzdem sind sie richtig und wichtig. Denn sie geben den sonst kommentarlos in der Sammlung präsentierten Dingen endlich einen Kontext. Einen kritischen Kontext, der hier zum Verständnis eigentlich immer vermittelt werden müsste. Neu und spannend ist auch, dass Borries die Ausstellung öffnet – zum Beispiel in Form von Workshops, zu denen er zusammen mit der Bundeszentrale für politische Bildung aufruft - auf der Suche nach Ideen für die Gestaltung und Erhaltung von Demokratie. „Design of Politics“ eben.

© Photo: Thomas Schweigert

Der Architekt und Designer Friedrich von Borries

"Ich glaube, dass wir im symbolischen Bereich Demokratie weiterentwickeln können, zum Beispiel Orden: Das Bundesverdienstkreuz ist von seiner Form und Materialität noch das gleiche eiserne Kreuz, das Soldaten und früher Opfern von Hitler oder vom Kaiser im Krieg verliehen wurde. Oder die militärischen Ehren beim Staatsempfang finde ich auch nicht ganz angemessen für eine Demokratie oder die Gestaltung von Wahlurnen in Berlin, wo ich herkomme, da steckt man seinen Wahlzettel durch so einen Schlitz in einen Mülleimer...passt irgendwie nicht so richtig zu diesem wichtigen Akt, das man wählt.

Was dann bei den Workshops herauskommt, wird auf einer Webseite, in den sozialen Medien und natürlich auch im Museum dokumentiert. So funktioniert also Prozessdesign – schön, dass sich die Neue Sammlung darauf einlässt. Denn im Unterschied zu den vorherigen Ausstellungen, geht es bei Borries auch nur minimal darum, das eigene Werk zur Schau zu stellen. Fühlt sich an wie eine Befreiung, die Lust auf mehr in diese Richtung macht.

"Politics of Design. Design of Politics." ist bis 29. September 2019 im Design-Museum der Pinakothek der Moderne zu sehen.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!

Sendung

kulturWelt

Autor
  • Katharina Altemeier
Schlagwörter