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Warum Hölderlin Rechte und Linke inspiriert hat | BR24

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Die Nazis vereinnahmten ihn als deutschen Dichter, Linke feierten ihn als Revolutionär: Friedrich Hölderlin ist schwer zu fassen. Karl-Heinz Ott hat ein Buch zur Hölderlin-Faszination geschrieben – und erklärt auch, warum die keinen Spaß versteht.

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Warum Hölderlin Rechte und Linke inspiriert hat

Die Nazis vereinnahmten ihn als deutschen Dichter, Linke feierten ihn als Revolutionär: Friedrich Hölderlin ist schwer zu fassen. Karl-Heinz Ott hat ein Buch zur Hölderlin-Faszination geschrieben – und erklärt auch, warum die keinen Spaß versteht.

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Walter Moers hat ihn in einem Anagramm zu "Dölerich Hirnfidler“"gemacht, Harald Schmidt ist so wie er in Nürtingen aufgewachsen und auf das nach ihm benannte Gymnasium gegangen. Werner Herzog hat erklärt, dass er sich ihm nahe fühle und Margarete von Trotta hat einem seiner berühmtesten Gedichte den Titel für ihren Film "Die bleierne Zeit" entliehen: Friedrich Hölderlin ist ein Dichter, der nicht nur Künstler bis heute fasziniert. 2020 feiern wir seinen 250. Geburtstag, und das wohl beste, weil anregendste Buch zum Hölderlin-Jahr ist schon jetzt erschienen, es heißt "Hölderlins Geister" und verfasst hat es der Schriftsteller Karl-Heinz Ott. Knut Cordsen hat mit ihm gesprochen.

Knut Cordsen: Herr Ott, ich kann mich daran erinnern, 1991 als Schülerzeitungsredakteur auf den ersten gesamtdeutschen Schriftstellerkongress gefahren zu sein, und dieser Kongress in Lübeck-Travemünde hatte sich Friedrich Hölderlins Zeile "Komm! Ins Offene, Freund" zum Motto genommen. Kein Zufall vielleicht, denn "Hölderlins Geister" beschäftigen uns bis heute. Warum ist Hölderlin für Sie nach wie vor ein Faszinosum?

Karl-Heinz Ott: Bei mir hängt das auch biografisch mit Tübingen zusammen, wo ich studiert habe. Ich hatte damals den Schlüssel sogar für den Hölderlin-Turm, weil ich dort am Wochenende Führungen gemacht habe. Ich habe Hölderlin dann auch jahrelang sehr intensiv gelesen. Das heißt aber nicht, dass meine Begeisterung immer maßlos gewesen wäre und nicht auch ambivalent. "Hyperion" zum Beispiel war mir doch immer etwas pathetisch, das konnte ich auch damals nur in homöopathischen Dosen vortragen. Aber es gibt natürlich eine große Sprachmusik bei Hölderlin, wie man sie sonst nirgends findet.

Nun könnte man ganz platt mit Hölderlin sagen: "Was bleibet aber, stiften die Dichter". Ein Sinnstifter war Hölderlin sowohl für rechtsreaktionäre als auch für dezidiert linke Geister gerade im 20. Jahrhundert: Sie zeigen das anhand vieler Beispiele, wie weit das Spektrum der Hölderlin-Begeisterung reicht, von Martin Heideggers "heimatseliger Hölderlinerei", wie Sie sie beschreiben, über Ernst Jünger und Wolf Biermann bis hin zum 68er Karl Dietrich Wolff, dessen Verlag "Stroemfeld/Roter Stern" ja nach einer rätselhaften Hölderlin-Zeile benannt ist, "Tende Strömfeld Simonetta". Wie ist das zu erklären, dass Hölderlin politisch so völlig konträre Geister angesprochen hat?

Man muss vielleicht zuerst darauf hinweisen, dass er im 19. Jahrhundert zwar nicht völlig unbekannt war, aber seine Bekanntheit war doch sehr auf die Gegend um Tübingen, Nürtingen herum beschränkt. Bestimmte Leute kannten ihn. Brahms hat immerhin das Schicksalslied vertont. Nietzsche hat von ihm vor allem in seiner Schulzeit geschwärmt. Als Nietzsche dann Wagner auf Hölderlin aufmerksam machen wollte – man kann es bei Cosima in den Tagebüchern nachlesen –, dachte Wagner: Jetzt spinnt der tatsächlich, dass er mir so einen Dichter andrehen will.

Aber die Hölderlin-Zeit beginnt im Grunde erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg, als der junge Norbert von Hellingrath, der 1916 gleich in Verdun gefallen ist, ein George-Schüler, Hölderlin in München überhaupt erst entdeckt und sich an die allererste Hölderlin-Ausgabe macht. Wobei auch Hellingrath damals schon sagt, weil Sie auf diese weltanschauliche Vereinnahmung anspielen: Er ist der deutscheste der deutschen Dichter. Das ist nicht Goethe mit seiner Reimseligkeit, mit seiner oberflächlichen Dichterei. Das kann nur Hölderlin sein. Außer den Deutschen kann ihn niemand verstehen. Das ist da noch nicht so nationalistisch gemeint wie später bei den Nazis. Aber das beginnt dann schon bei Heidegger, und zwar bei dem Heidegger ab 1933, dass er Hölderlins Dichtung beansprucht dafür, dass er die griechischen Götter nach Germanien bringt und dadurch sozusagen eine neue Welt entsteht, die wieder Götter besitzt.

Das ist nicht so unschuldig: Götter gibt es nur für ein Volk, für eine Stadt, für Athen, für Griechenland. Die Skythen haben andere als die Phönizier und die Ägypter. Damit kämpft Heidegger natürlich auch gegen den Menschheits-Universalismus, der im Christentum seinen Ursprung hat. Von da ist es nicht weit zur radikalen Vereinnahmung bei den Nazis. Man muss auch bedenken: Die Stuttgarter Hölderlin-Ausgabe wurde von den Nazis initiiert und unterstützt. Wehrmachtssoldaten hatten natürlich Hölderlin-Gedichte im Tornister, zum Beispiel das Gedicht "Der Tod fürs Vaterland", in dem steht: "Zähle nicht die Toten. Dir ist, Liebes! nicht Einer zu viel gefallen." 20 Jahre später will man von diesem Hölderlin nie etwas gewusst haben, und er ist nur noch ein Linker.

© picture alliance / Sven Simon

Autor Karl-Heinz Ott

Und warum? Warum hat sich auch die deutsche Linke so angesprochen gefühlt von ihm?

Hölderlin bringt eine dreigliedrige Geschichtsvision mit sich. Einst lebte man bei den alten Griechen – und da meint er nicht die Philosophen Sokrates, Platon und Aristoteles, er meint damit ein von ihm weitgehend erfundenes dionysisches Griechenland, in dem alles eine große symbiotische Einheit mit Natur und Mensch war, in pantheistischer Seligkeit. Das ist natürlich eine Fata Morgana, aber immerhin. Dann kommt die Götter-Nacht, in der alles verfinstert wird, vor allem das Christentum. Aber was wiederkommt und wiederkommen soll, ist eine neue, herrliche Welt, die genauso schön ist wie bei den alten Griechen.

Dieses triadische Schema findet sich natürlich schon bei Rousseau, Hölderlin war ein großer Rousseau-Verehrer: Früher war alles gut, da war der Mensch verwoben mit der Natur. Dann hat er sich daraus fortbewegt, er herrscht über die Natur und entfremdet sich von ihr. Er muss wieder zurück dorthin. Aus diesem Grund konnte man natürlich aus ihm auch einen Marxisten machen, wie das Georg Lukács und Peter Weiss gemacht haben: Früher gab es den Kommunismus, dann kommen die ganzen Zerwürfnisse, jetzt geht es aber wieder zum Kommunismus auf höherer Ebene. Dieses Schema findet man bei Hölderlin. Das wird natürlich ausgebeutet, von ganz rechts bis zur marxistischen Variante.

Obwohl Hölderlin das "edel Volk" besang, hatte dieses Volk nie allzu viele seiner Zeilen parat: "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch" oder einige Worte aus "Hälfte des Lebens": "Die Mauern stehn / Sprachlos und kalt, im Winde / Klirren die Fahnen." Was ist Ihre Lieblingszeile Hölderlins – oder gibt es eine solche gar nicht?

Ich finde ja, dass Gott sei Dank gerade dieses Geschichtsmythische bei ihm wieder zurückgenommen wird in seinen späten Hymnen-Fragmenten, "Mnemosyne", wo es heißt "und immer ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht". Ich mag auch sehr die letzte Strophe aus dem Gedicht "Lebenslauf", wo es heißt: "Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen, / daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern / und verstehe die Freiheit / aufzubrechen, wohin er will." Das ist natürlich ein Hölderlin, der sich nicht so einfach vereinnahmen lässt, wie das bei besagten Tendenzen der Fall war.

"...und darum ist der Güter Gefährlichstes, / die Sprache, den Menschen gegeben" – hat die Hölderlin-Sprache, sein Sound etwas Verführerisch-Gefährliches?

So sehr viel gelesen wurde er ja nicht. Natürlich, Gedichte wie "Hälfte des Lebens" kennt man schon, das steht ja auch in Schulbüchern und ist nicht schwer verständlich. Aber diese großen, elegischen Brocken und die Fragment gebliebenen späten Hymnen sind natürlich nicht einfach und unendlich deutungsbedürftig. Deshalb kann er auch in ganz verschiedener Weise annektiert werden. In der Tat haben schon Hölderlins Zeitgenossen gesagt: Sehr viel von ihm versteht man eigentlich nicht. Justinus Kerner und Gustav Schwab, die, als er im Turm sitzt, eine Gedicht-Ausgabe von ihm herausgeben, glätten seine Texte, weil sie sagen: Sonst versteht es kein Mensch.

© Hanser

"Hölderlins Geister" von Karl-Heinz Ott

Hölderlin ist auf jeden Fall nichts für ironische Geister. An "Die Scherzhaften" hat er ja die vorwurfsvoll klingende rhetorische Frage gerichtet "Immer spielt ihr und scherzt?" Das lässt doch darauf schließen, dass er eher den heiligen Ernst bevorzugt hat.

Absolut. Und das lieben Leute, die selbst auch überhaupt keinen Witz hatten, wie etwa Heidegger, an ihm. Da geht es dann doch immer nur hoch und heilig zu. Hölderlin versteht sozusagen keinen Spaß. Nun kann man genau das an ihm mögen. Bert Brecht spricht ja auch von der "pontifikalen" Linie der deutschen Dichtung. Da steht an erster Stelle natürlich Hölderlin. Selbst in der "Dialektik der Aufklärung" von Adorno und Horkheimer wird Hölderlin herangezogen als bestes Beispiel dafür, dass das Lachen als Anpassung an die miserablen Verhältnisse gilt: Lachen als Form des Mitmachens.

Die Schriftstellerin Irene Dische hat mir erzählt, wie ihr Freund, der Dichter Hans Magnus Enzensberger, diesen weihevollen, heilignüchternen Hölderlin-Ton gern parodiert. Enzensberger taucht ja auch in Ihrem Buch kurz auf mit seiner Zeile aus seinem Band "landessprache": "wohin mit dem, / was da sagt hölderlin und meint himmler." Also er kann damit offenkundig nichts anfangen. Ich glaube, ähnlich wie Enzensberger geht’s da vielen Schriftstellerinnen – es ist ja schon auffällig, dass hauptsächlich Männer Hölderlin verehren, oder?

Mir sagte kürzlich eine Freundin, eine Tübinger Professorin für Literaturwissenschaft: "Ich kann's nicht mehr hören, diesen Hölderlin und all diese Männer, die ihn seit 100 Jahren interpretieren. Ich mochte es nie, ich mag es immer weniger." So geht es mir nun nicht. Aber ich glaube, man kann das schon beobachten. Er trifft tief in diese Männerdomäne, ins Weihevolle und Sakrale. Da kann man sich immer eine immense Bedeutungsschaumschlägerei erlauben, die niemand zu desavouieren wagt. Das klingt ja alles so übermäßig erhaben und hoch.

Karl-Heinz Otts Buch "Hölderlins Geister" ist im Hanser Verlag erschienen.

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