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So "altersradikal" ist das neue Buch von Friedrich C. Delius | BR24

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Einen leicht neurotischen Titel hat Friedrich Christian Delius seinem Roman gegeben: "Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich". Das Buch ist eine schweifende Wutrede zur Gegenwart – seine Radikalität vom Autor aber durchaus heiter gedacht.

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So "altersradikal" ist das neue Buch von Friedrich C. Delius

Einen leicht neurotischen Titel hat Friedrich Christian Delius seinem Roman gegeben: "Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich". Das Buch ist eine schweifende Wutrede zur Gegenwart – seine Radikalität vom Autor aber durchaus heiter gedacht.

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Ein 63-jähriger Journalist, angestellt im Wirtschaftsressort einer großen Zeitung, verliert seinen Job. Rausgeschmissen wird er seiner politisch unliebsamen Ansichten wegen, das zumindest vermutet er – und weil er das Schreiben nicht lassen kann, beginnt er, ein Tagebuch zu führen. Darin geht er mit der Bundeskanzlerin, der "meistüberschätzten Madame M.", ebenso hart ins Gericht wie mit seiner eigenen "bibbernden" und servilen Branche, dem von Jürgen Habermas so geziehenen "betreuenden Journalismus, der sich Arm in Arm mit der politischen Klasse um das Wohlbefinden von Kunden kümmert", statt zu recherchieren und die Dinge kritisch zu hinterfragen. Das ist die Geschichte des neuen Romans von Friedrich Christian Delius. Er heißt "Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich". Knut Cordsen hat mit dem 76-jährigen Büchner-Preisträger gesprochen.

Knut Cordsen: Herr Delius, Ihr Roman liest sich stellenweise wie ein Rant, wie die reflektierte Wutrede eines unfreiwilligen Frührentners aus Berlin-Friedenau, in der eigentlich alle ihr Fett abbekommen: ob das Angela Merkel ist, ob das die Finanzminister Schäuble und Scholz sind, ob das die von ihm so genannten "Verfassungsfeinde" der AfD sind, die rücksichtslos-rambolidenhaft über Bürgersteige fegenden Kampfradler oder eben die "handzahmen" und "kniefälligen" Kollegen der journalistischen Zunft. Ist Ihr Roman ein Tagebuch gewordener Rant über die deutschen Missstände 2017/18?

Friedrich Christian Delius: Ich weiß nicht genau, was ein Rant ist, aber ich weiß, dass es keine Wutbürgerrede ist, sondern dass das ein eigentlich sehr heiter gestimmter Mensch ist, der seine Beobachtungen und seine Gedanken frei in seinem Tagebuch für sich notiert und bei näherer Betrachtung dieser politischen Dinge natürlich deutlich wird. Das ist etwas ungewöhnlich, aber das ist nicht so pauschal wie jetzt der Eindruck entstehen könnte. Er schätzt ja sehr die recherchierenden Journalisten. Die gibt es ja auch, das ist also keine pauschale Abfertigung der Politik und der Journalisten, überhaupt nicht, sondern er versucht genau zu differenzieren. Und er geht eigentlich mit relativ gelassener Heiterkeit durch seine Tage.

Dennoch, er stellt fest, dass wir in einer Gesellschaft der "Wutbürger und Wutnazis" leben, in einem "Hysterikerland" voller "Hetzköpfe und Holzköpfe", wie er es mal treffend nennt. Aber er selbst ist ja auch ein ziemlicher Zacharias Zorngiebel, um es mit Erika Fuchs zu sagen. Nur, wo andere ventilieren in Form von Leserbriefen, Blogs oder "Facebook-Gefiepe" und "Twitter-Getröte" – in der Hoffnung auf Likes und Herzchen –, da wählt er die in den Augen mancher fast anachronistisch anmutende Form des Tagebuchs, um seinem Unmut Luft zu machen. Warum?

Ja, er hat auch nicht – im Gegensatz zu allen anderen – die Absicht, das, was er da schreibt, zu veröffentlichen. Er schreibt das für sich beziehungsweise vornehmlich an seine Nichte, die Abiturientin und politisch sehr wach ist, und er denkt: Was wird die denn mal denken, wie das am Anfang des 21. Jahrhunderts war, um das Jahr 2017/18 herum, wenn sie etwas älter ist und zurückschaut? Er versucht festzuhalten, was für unsere Zeit typisch ist oder ihm zu sein scheint – er relativiert ja ständig seine Aussagen – und für Leserinnen und Leser in 20 oder 30 Jahren zu schreiben.

Seine Nichte Lena, die 19 Jahre alt ist, hat Kritik anzumelden an dem, was ihr Onkel da sagt. Sie versteht nämlich nicht, warum er ein Thema konsequent ausblendet: das "Klimathema". Das ist in gewisser Weise der Greta-Thunberg-Moment Ihres Romans.

Das kann man so sehen, aber das spüren wir ja alle, dass die Jugend dieses Thema ganz deutlich in den Vordergrund rückt. Das kriegt er auch zu spüren, dass er da zu wenig tut oder als Journalist sowieso eigentlich nur schreibt. Natürlich kriegt er da auch Zunder. Warum denn auch nicht?

Es gibt in Ihrem Roman den schönen Satz: "Je weniger sich bewegt in der Gesellschaft, desto mehr Meinungsgewusel." Figurenrede, klar – oder auch Ihre Ansicht?

Bei einem Roman über einen Journalisten fließt natürlich immer mal wieder etwas ein, was ich ähnlich denken könnte. Ich kann mich aber nicht festlegen, ob das nun meine Ansicht ist, was er auf Seite 117 oder in der Passage drei Seiten später sagt. Es ist ein Roman. Ich wollte nach längerer Zeit mal wieder einen Roman schreiben, der direkt in unsere Gegenwart reinspringt. Ich bin in einem Alter, wo man auch ein bisschen altersradikal sein darf und deutlich sein muss. Das ist doch ein Privileg, dass wir das dürfen in unserer Gesellschaft. Es ist aber meiner Meinung nach keine pauschale Abfertigung von irgendwas, sondern immer die Suche nach Argumenten.

Wir müssen über die Titel gebende "fixe Idee", den "Chinesenfimmel" Ihres Erzählers sprechen. Er schreibt immer wieder über die "schleichende Sinisierung Europas", wobei es ihm nicht um die altbekannte "gelbe Gefahr" geht. Sondern worum?

Chinas Weg nach Europa und in andere Kontinente wie Afrika – das zeichnet sich jetzt, wo das Buch erscheint, viel deutlicher ab als in der Zeit, als ich das Buch anfing – ist inzwischen so manifest geworden, dass man schon mal darüber nachdenken darf. Diese Vorstellung, dass wir in einer "prächinesischen Epoche" leben, ist vielleicht eine ganz gute Hypothese oder Folie, um uns zu besinnen auf das, was eigentlich unsere Grundwerte sind und wie unsere Demokratie aussehen sollte, über die ja so viel gemeckert wird. Da wacht mein Erzähler, weil er so eine emotionale Beziehung zur Insel Rügen hat, mit dieser fixen Idee auf, mit diesem Satz "Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich". Als eifriger Zeitungsleser findet er natürlich ständig Beispiele dafür, die in diese Richtung gehen, und dieses Thema ist ja zweifelsohne auch ein Thema.

Er sieht mit dem "stalinistischen Digitalkapitalismus" chinesischer Prägung unsere Meinungsfreiheit bedroht. Er hat Angst vor einer auch in Europa aufkommenden "Gehorsamsgesellschaft" und "Wohlverhaltensdiktatur", die in China schon längst am Werk ist mit Wortschöpfungen wie "Meinungsökologie". Ist das eine Furcht, die Sie teilen?

Es ist in dem Sinne keine Furcht, aber ich denke, man muss aufpassen. Man weiß zum Beispiel, was in Australien in dieser Richtung schon alles passiert. Man sollte da einfach hellhörig sein. Das ist die Devise meines Erzählers. Er sagt: An dem Punkt passen wir zu wenig auf, wir definieren uns viel zu wenig als Gegenpol im demokratischen Sinne und darum geht's.

Die Ironie will es, dass der chinesische Künstler Ai Weiwei vor kurzem in einem Interview gesagt hat, Deutschland sei "keine offene Gesellschaft": Es gibt seiner Ansicht nach "kaum Raum für offene Debatten, kaum Respekt für abweichende Stimmen". Wenn man liest, auf wie verlorenem Posten sich Ihr Erzähler als mundtot gemachte, kaltgestellte "Kassandra" wähnt, klingt das fast, als wären Ai und er einer Meinung.

Überhaupt nicht. Ich kann das mit Ai Weiwei nicht beurteilen. Der hat so viele Möglichkeiten hier in Berlin und in Deutschland. Ich glaube, der ist einfach nicht gewohnt, dass es auch Leute gibt, die sagen: Es ist nicht alles gut, was du machst. Das scheint mir eher das Problem zu sein, aber ich bin da nicht kompetent. Nein, das ist was ganz anderes. Mein Erzähler ist ja ein Teil der aufgeweckten Gesellschaft, und die ist vielleicht öfter in der Minderheit als uns lieb ist, aber sie ist ja da und die offene Diskussion findet ja statt in unserem Lande. Es finden viele Diskussionen leider nicht statt, so wie die über Griechenland. Die ganze Yanis-Varoufakis-Geschichte ist eine Sache, mit der die deutsche Gegenwart ungeheuer belastet ist. Das wird völlig verdrängt, und mein Erzähler pocht auf diesen Punkt. Wenn wir da keine Ehrlichkeit herstellen, werden wir Europa auch nicht wieder zusammenkriegen. Aber das hat mit Ai Weiwei überhaupt nichts zu tun.

"Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich" von Friedrich Christian Delius ist bei Rowohlt Berlin erschienen.

© Rowohlt Verlin

"Wenn die Chinesen Rügen kaufen ..." von Friedrich Christian Delius

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