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Extremes Wetter: Hurrikan Harvey wütet 2017 in Houston, Texas
© picture alliance / AP Photo
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Extremes Wetter: Hurrikan Harvey wütet 2017 in Houston, Texas

Die aus Deutschland stammende und in Oxford lebende Wissenschaftlerin Friederike Otto arbeitet in dem internationalen Klimaforscher-Team World Weather Attribution". Gemeinsam versuchen sie, den Einfluss des Klimawandels auf das Wetter zu erforschen. In ihrem Buch "Wütendes Wetter" berichtet Otto von der Arbeit ihrer Kolleginnen und Kollegen. Sie schreibt von so extremen wie folgenreichen Wetter-Ereignissen der vergangenen Jahre, darunter vom Hurrikan "Harvey". Im Interview erzählt sie, warum sie viele dieser Unwetter als Anzeichen einer existentiellen Veränderung des Weltklimas deutet.

Niels Beintker: Was kann das Wetter über den Klimawandel verraten? Warum erforschen Sie diesen Zusammenhang – gestützt auf ganz viele Computerdaten?

Friederike Otto: Wenn wir über den Klimawandel sprechen, sprechen wir normalerweise über die globale Mitteltemperatur: über ein Grad-, anderthalb Grad-, zwei-Grad-Ziele. Das sind sehr abstrakte Größen, die sich auch zum großen Teil auf die Zukunft beziehen. Aber das beschreibt nicht, wie wir den Klimawandel tatsächlich erleben.

Wir sind also zu wenig konkret?

Wir erleben den Klimawandel durch sich verändernde Wahrscheinlichkeiten und Intensitäten von Extremwetter. Mit unserer Forschung wollen wir herausfinden, was der Klimawandel für konkrete Extremwetter-Ereignisse bedeutet.

Nun gibt es immer noch Menschen, die den Wandel des globalen Klimas hartnäckig in Frage stellen. Auch davon handelt ihr Buch "Wütendes Wetter". Sie zeigen: Seit dem Beginn der industriellen Revolution hat sich die Erde um etwa ein Grad erwärmt, im vergangenen Jahrzehnt wurden die sieben wärmsten Jahre überhaupt verzeichnet. Was lässt sich heute allgemein sagen: Wie verändert diese Erwärmung das Wetter?

Es gibt im Wesentlichen zwei Effekte, die das Klima auf das Wetter hat. Den einen nennen wir den thermodynamischen Effekt: Dadurch, dass wir mehr Klimagase in der Atmosphäre haben, erhöht sich die globale Mitteltemperatur – die Temperatur der gesamten Atmosphäre. Das bedeutet lokal, dass sich die Wahrscheinlichkeit für Hitzewellen erhöht und die Wahrscheinlichkeit für Kältewellen verringert. Eine wärmere Atmosphäre kann außerdem mehr Wasserdampf enthalten. Der Wasserdampf muss dann als Regen wieder herauskommen. Das heißt, im globalen Mittel gibt es mehr extreme Regenfälle. Dieser thermodynamische Effekt ist im Prinzip überall auf der Erde gleich. Dann gibt es einen zweiten Effekt, wie Klima das Wetter verändern kann, den dynamischen Effekt: Dadurch, dass wir die Komposition der Atmosphäre verändern, verändern wir auch die atmosphärische Zirkulation – wie sich Wetter-Systeme entwickeln, wo sie sich entwickeln, wo sie hinziehen. Diese beiden Effekte spielen zusammen. Für manche Ereignisse in manchen Regionen der Welt wirken sie in die gleiche Richtung: Wir sehen mehr extreme Regenfälle aufgrund der Thermodynamik, aufgrund der Erwärmung allein. Aber wir haben auch mehr Tiefdruckgebiete, die Regenfälle bringen. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für Extrem-Regenfälle mehr, als wir es im globalen Mittel erwarten. Aber für manche Ereignisse und in manchen Bereichen sehen wir auch, dass beide Effekte in eine entgegengesetzte Richtung wirken. Wir würden zwar aufgrund der Thermodynamik mehr extreme Regenfälle erwarten. Aber weil gar keine Tiefdruckgebiete in dieser Saison mehr in das Gebiet kommen, gibt es tatsächlich entweder keine Veränderung in der Wahrscheinlichkeit oder sogar weniger Extrem-Regenfälle.

Das heißt, die bekannten Muster von extremen Wetterphänomen werden verrückt in Folge dieser Entwicklung?

Ja. Und das heißt vor allem auch, dass der Klimawandel nicht auf jedes Extremwetter-Ereignis gleich wirkt. Und auch nicht gleich auf jeden Typ von Extremwetter-Ereignis. Bei Hitzewellen im mediterranen Raum ist der Klimawandel zum Beispiel ein echter game changer. Da ändert sich die Wahrscheinlichkeit zehn bis hundert Mal. Woanders, zum Beispiel in Nordeuropa, sind Hitzewellen aufgrund des Klimawandels bisher nur fünfmal wahrscheinlicher geworden. Und bei Dürren sieht man, dass der Klimawandel in einigen Bereichen, zum Beispiel in Kapstadt eine Rolle spielt. Er hat das Ereignis dreimal wahrscheinlicher gemacht. Bei Dürren in Norddeutschland hingegen sieht man eigentlich keinen Einfluss des Klimawandels. Eben weil dieses Zusammenspiel von Dynamik und Thermodynamik von Region zu Region und auch von Wetterereignis zu Wetterereignis sehr unterschiedlich ist.

Die Klima-Wissenschaftlerin Friederike Otto. In ihrem Buch "Wütendes Wetter" will sie auch von ihren Forschungen erzählen.

Die Klima-Wissenschaftlerin Friederike Otto. In ihrem Buch "Wütendes Wetter" will sie auch von ihren Forschungen erzählen.

Eine wichtige Rolle in Ihrem Buch spielt der Hurrikan Harvey, der im Sommer 2017 über die Karibik und die Südstaaten der USA hinweg zog und gewaltige Schäden verursachte. Die Erforschung eines Zusammenhangs zwischen diesem extremen Wetterphänomen und der Erderwärmung war für Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen Neuland. Sie wollten mit ihren Analysen Klarheit schaffen und nicht Verwirrung stiften – und das noch in Echtzeit, unter großem Zeitdruck und eventuell sogar ohne zusätzliche unabhängige Überprüfung durch andere Wissenschaftler. Was haben Sie bei dieser Untersuchung schließlich herausgefunden?

Rein quantitativ haben wir herausgefunden, dass der Klimawandel die extremen Regenfälle, die mit dem Hurrikan Harvey einhergingen, ungefähr dreimal wahrscheinlicher gemacht hat. Wir haben auch herausgefunden, dass Harvey wirklich ein sehr extremes und ein sehr seltenes Ereignis war – und nach wie vor ist. Das war das erste Ereignis, wo nicht nur wir mit unserem "World Weather Attribution"-Team eine Attributionsstudie quasi in Echtzeit gemacht haben, sondern tatsächlich ein unabhängiges Forscherteam in Berkeley.

Insofern ist es dann tatsächlich wissenschaftlich standardisiert?

Es ist nicht standardisiert in dem Sinn, dass es jetzt nicht die eine Methode gibt, von der die Wissenschaftler sagen: Ja, das ist best practice, so macht man attribution und nicht anders. Es gibt verschiedene Methoden, verschiedene Wissenschaftler wenden verschiedene Methoden an. Aber was sich bei Harvey sehr deutlich gezeigt hat, ist eben, dass das, was wir machen, robust ist und wissenschaftlich verschiedenen Methoden und Überprüfungen und Daten standhält. Insofern war Harvey für die Klimawissenschaft sehr wichtig. Was man bei Harvey besonders deutlich gesehen hat: Dass es diejenigen am unteren Ende der Gesellschaft sind, die mit wenig Geld, die unter den Schäden des Klimawandels am meisten zu leiden haben. Und zwar nicht nur global, sondern auch innerhalb einer eigentlich eher reichen Gesellschaft wie den USA. Insofern zeigt sich bei Harvey wieder einmal sehr deutlich, dass diejenigen, die die Schäden ausbaden, eben nicht die sind, die primär für den Klimawandel verantwortlich sind.

Es geht Ihnen nicht allein um die Beschreibung von extremen Wetterphänomen und ihren Zusammenhang mit der Erderwärmung und der Veränderung des Klimas. Es geht Ihnen eben auch um eine nachhaltige Planung etwa mit Blick auf die Architektur von Städten, von einer Großstadt wie Houston, aber auch mit Blick auf die Landwirtschaft, etwa in Afrika. In welchem Umfang können die Analysen von Ihnen und Ihren vielen Kolleginnen und Kollegen, diese Attributionsstudien Anstöße geben?

Anstöße geben ist die richtige Formulierung. Unsere Studien allein werden sicherlich nicht komplett verändern, wie mit extremen Wetterereignissen umgegangen werden kann oder wie Planung erfolgt. Aber eben gerade dadurch, dass wir solche Studien schnell machen können, dass wir mehrfach gezeigt haben, dass sie robust sind, und dass wir darum Fakten liefern können in einem Zeitraum relativ kurz nach dem Auftreten eines Extremwetter-Ereignisses, wenn sich politische Entscheidungen Fenster öffnen – dadurch können wir einen Teil beitragen und zeigen: Hier ist der Klimawandel wirklich ein echter game changer, hier müsste man vielleicht wirklich komplett neu überdenken, welche Daten man hinzuzieht, um eine Infrastruktur-Planung zu machen. Da denke ich, dass die Attributionswissenschaft, wie wir sie jetzt machen, einen relativ großen Beitrag leisten kann, weil Menschen sich dann bewusst werden, wofür sie verwundbar sind, wenn etwas passiert. Weil eben dann Schwachstellen in der Planung deutlich werden, wenn etwas passiert. Auch wenn man natürlich theoretisch die Planung genauso machen könnte ohne eine Attributionsstudie, wenn man einfach nur die Vorhersagen und die Klima-Prognosen anguckt. Aber dann weiß man eben nicht so richtig, worauf man überhaupt schauen muss.

Friederike Ottos Buch "Wütendes Wetter. Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen, Hochwasser und Stürme" ist bei Ullstein erschienen.

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