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Treffen in Lindau: Wie sich Religionen für den Frieden einsetzen | BR24

© picture alliance/Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Besucher aus Afrika lassen sich zum Auftakt der Konferenz in der Inselhalle fotografieren.

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    Treffen in Lindau: Wie sich Religionen für den Frieden einsetzen

    Über 900 Repräsentanten aus über einem Dutzend Religionen und rund 100 Ländern – in Lindau tagt derzeit die weltweit größte interreligiöse Friedensbewegung. Der Nichtregierungsorganisation "Religions for Peace" aber geht es um mehr als fromme Worte.

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    Mahatma Gandhis Enkelin Ela, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Friedensnobelpreisträgerin und Direktorin der "Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Nuklearwaffen" (ICAN), Beatrice Fihn – die Gästeliste ist in Lindau prominent besetzt. Seit 1970 lädt die Organisation mit Sitz in New York alle fünf bis sieben Jahre ein, zum Gebet und zur Diskussion. Es geht aber auch um den Austausch über ganz konkrete Projekte und Maßnahmen.

    Gegen Atomwaffen, für Frieden

    So ist "Religions for Peace" etwa seit einigen Jahren aktives Mitglied von ICAN. 2017 gelang es ihr mit der Unterstützung von 122 Staaten, bei der UNO einen Vertrag einzureichen, der Atomwaffen weltweit ächtet. ICAN erhielt daraufhin den Friedensnobelpreis.

    💡 Was ist "Religions for Peace"?

    "Religions for Peace" wurde 1961 als Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg und die atomare Bedrohung im Kalten Krieg gegründet. Heute gehören der Organisation nationale Gruppen in über 100 Ländern an. Bei "Religions for Peace" geht es um den Versuch, durch interreligiösen Dialog Friedensarbeit zu leisten, nicht zuletzt auch in Konfliktgebieten.

    Frieden für die Welt durch Versöhnungsprojekte

    Auch beim diesjährigen Treffen in Lindau, der zehnten Weltkonferenz, steht das Thema "Entwaffnung" auf dem Programm, genauso wie die Berichte aus einzelnen Ländern. Denn seit vielen Jahren stößt die Organisation Versöhnungsprojekte an. Das Thema ist derzeit nicht nur im Nahen Osten brisant, sondern auch in Korea, im Kongo, im Sudan oder in Myanmar:

    Das südostasiatische Land, das jahrzehntelang unter einer Militärdiktatur litt, ist zutiefst gespalten. Vor zwei Jahren kamen die Probleme aufgrund des aggressiven Vorgehens des Militärs gegen den Volksstamm der Rohingya in die Schlagzeilen der Weltpresse.

    Myanmar braucht ebenso dringend Hilfe wie die Rohingya, die heute im benachbarten Bangladesch unter elenden Verhältnissen in Flüchtlingslagern leben, meint der Ehrenpräsident von "Religions for Peace", Bischof Gunnar Stalsett. Er war kürzlich mit einer Delegation vor Ort, wo nun das Projekt "Beratendes Forum für Frieden und Versöhnung" gestartet ist. "Das Projekt trifft nach unserer Ansicht den Kern des Problems: Die verschiedenen Kräfte in Myanmar müssen sich versöhnen." Dann werde man auch Lösungen für die Rohingya finden. "Wir versuchen derzeit, alle Konfliktparteien an einem Tisch zu versammeln und auch Religionsvertreter aus Bangladesch mit einzubeziehen."

    Natur schützen als Teil der Friedensarbeit

    Frieden sei nicht einfach nur die Abwesenheit von Krieg, meint Stalsett. Frieden habe mit Menschenrechten, Würde und Wohlbefinden zu tun. Und das ist es auch, was "Religions for Peace" mit ihrer Vision vom Frieden meint, eine neue Art von Lebensqualität für die Menschen und ein Friede, der auch die Natur mit einschließt. Zu den rund 20 Religionsgemeinschaften, die die Weltkonferenz rund um den Globus vereint, gehören daher auch indigene Gruppen. Die sogenannten Naturreligionen würden anderenorts leider oft ausgegrenzt, bedauert Gunnar Stalsett, und versichert: Die indigenen Religionen hätten bei "Religions for Peace" schon immer einen festen Platz gehabt. Eine besondere Rolle hätten sie derzeit in der sogenannten "Regenwald-Initiative", die auch in Lindau unter dem Stichpunkt Klima auf dem Programm steht. Denn der Regenwald sei ihr Lebensraum und für das ökologische Gleichgewicht der Welt überaus wichtig. "Religions for Peace" setzt allerdings nicht nur auf Diskussion: "Wir kooperieren mit den Vereinten Nationen, Regierungen und Glaubensgemeinschaften. Wo Wald gerodet wird, unterstützen wir die Wiederaufforstung."

    Klare Kante gegen Fundamentalismus

    Klare Worte findet die Nichtregierungsorganisation auch beim Thema religiöser Fundamentalismus. 2016 hat "Religions for Peace" bereits die "Erklärung von Marrakesch" aktiv unterstützt. In ihr sprechen sich Hunderte von islamischen Geistlichen aus aller Welt für Dialog, Religionsfreiheit und den Schutz religiöser Minderheiten in muslimisch geprägten Ländern aus. Abschließend heißt es: "Wir fordern die Vertreter der verschiedenen Religionen auf, gemeinsam allen Formen des Fanatismus entgegenzutreten!" In Lindau wollen die Delegierten deshalb über eine "weltweite Allianz der Werte" diskutieren. Auf das Ende der Beratungen dürfe man gespannt sein, meint Gunnar Stalsett. Dass die Versammlung dieses Mal in Europa stattfindet, sieht er als große Chance. Man könne säkularen Gesellschaften zeigen: Religion sei nichts Zweitrangiges, nichts Überholtes. "Die Religionen sind vielmehr Schlüssel, um aktuelle Herausforderungen zu bewältigen: Kriege, die Flüchtlingsfrage, das Aufflammen rassistischer Ideologien. Die Religionsvertreter, die wir in Lindau in Austausch bringen, können Europäern die heutige Bedeutung der Religionen bewusstmachen."