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Frieden - dafür geht Papst Franziskus fast jedes Risiko ein | BR24

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Papst Franziskus mit weißem Mund-Nase-Schutz

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    Frieden - dafür geht Papst Franziskus fast jedes Risiko ein

    Frieden gehört zu den Leitthemen von Papst Franziskus. Konsequent warnt das Kirchenoberhaupt seit Jahren vor einem "Dritten Weltkrieg in Stücken". Mit eindrücklichen Zeichen wirbt Franziskus für Frieden - und nimmt dafür auch große Risiken in Kauf.

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    Von
    • Corinna Mühlstedt
    • Martin Jarde

    "Krieg ist kein Gespenst der Vergangenheit, Krieg ist zu einer ständigen Bedrohung geworden", mahnt Papst Franziskus im Herbst 2020 am Ende seiner viel beachteten Enzyklika zur "Geschwisterlichkeit" aller Menschen: "Fratelli tutti". Der Grund für die aktuelle Krise der Welt liege auf der Hand, so der Papst: Größenwahn!

    Verantwortung für Mensch und Natur verloren

    Viele Menschen seien in Egozentrik gefangen und hätten die Wahrheit Gottes aus dem Blick verloren, ebenso wie ihre Verantwortung gegenüber ihren Mitmenschen und der Natur. Franziskus verweist auf einen Ausweg: "Aufrichtige Gottsuche, wenn sie nicht von ideologischen Interessen verdunkelt wird, hilft uns, einander als Brüder und Schwestern zu begreifen. Sie zeigt uns Wege zu einem friedlichen Zusammenleben als Kinder eines einzigen Gottes."

    Die Enzyklika fasst das ethische und theologische Denken von Papst Franziskus zusammen. Die hier geäußerten Gedanken begründen seine Haltung im Dialog mit Andersgläubigen und seinen Einsatz für den Weltfrieden. Beide Themen ziehen sich wie ein roter Faden durch das Pontifikat, erklärt Kardinal Miguel Ayuso, Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog.

    "Ich arbeite mit dem Papst seit Beginn seines Pontifikats zusammen, seit acht Jahren (…) Der Dialog steht wirklich im Mittelpunkt seines Engagements (...) Hier beginnen Respekt und Freundschaft [mit Andersgläubigen]." Kardinal Miguel Ayuso

    Franziskus' Ziel: Zusammenarbeit der Religionen

    Das Ziel von Franziskus sei es, durch interreligiöse Zusammenarbeit Ungerechtigkeiten und Gewalt auszumerzen - zum Wohl der Menschheit, so Kardinal Ayuso.

    2014, ein Jahr nach seiner Wahl zum Oberhaupt der katholischen Kirche, fliegt Franziskus nach Südkorea. Bei dieser Gelegenheit warnt er Journalisten erstmals vor einem "Dritten Weltkrieg", der "stückweise" ausgetragen werde. Niemand, so der Papst, dürfe sich an die zunehmende Grausamkeit in der Welt gewöhnen. Ein Jahr später greift er diesen Gedanken bei einer Rede in Rom wieder auf.

    Nicht alle Medien nehmen die Warnungen des Papstes ernst. Im Sommer 2016 schreibt Franziskus daher während einer Pressekonferenz zum Weltjugendtag in Krakau allen erneut ins Stammbuch: "Die Welt ist im Krieg! 1914, 1939-45, und nun wieder… Wir dürfen keine Angst haben, das auszusprechen."

    Geld, Bodenschätze, Herrschaft: "Die Welt ist im Krieg"

    Es gehe um Geld, wirtschaftliche Interessen, Bodenschätze und um die Herrschaft über Völker. Es sei kein Religionskrieg, so der Papst. "Die Religionen wollen Frieden, wir alle! Den Krieg wollen andere."

    Im Herbst 2016 fährt Franziskus zu einem interreligiösen Friedensgebet nach Assisi. Hochrangige Gäste aus allen christlichen Konfessionen und allen Weltreligionen werden erwartet. Am Ende des Tages unterschreiben die Vertreter der Weltreligionen feierlich einen Friedensappell, den sie Botschaftern aus vielen Ländern überreichen. Eine symbolträchtige Geste.

    Papst Franziskus hat in seinem Pontifikat die Impulse seiner Vorgänger aufgenommen. Sein Schwerpunkt liegt dabei auf den politisch heiklen Gesprächen mit den drei monotheistischen Religionen, insbesondere mit dem Islam. 2014 bereist er das Heilige Land: Israel und Jordanien. Er reagiert damit nicht zuletzt auf Dialoginitiativen des jordanischen Königshauses. 2019 wird er, motiviert durch dortige interreligiöse Aktivitäten, das nordwestafrikanische Marokko besuchen.

    Eine der spektakulärsten Reisen: die Friedenskonferenz von Al Azhar

    Dazwischen liegt - geographisch und zeitlich - 2017 eine der spektakulärsten Reisen des Papstes: Sie führt ihn nach Ägypten, wo er in Kairo an der Universität Al Azhar Groß-Imam Ahmed Al Tayyeb trifft. Al Azhar gilt als höchste Lehr-Autorität der sunnitischen Richtung des Islams. Zu ihr bekennt sich die Mehrheit aller Muslime weltweit, nach Schätzungen etwa 80 Prozent. Franziskus nimmt in Kairo an einer internationalen Friedenskonferenz (von Al Azhar) teil und erklärt:

    "Wir sagen hier deutlich Nein zu allen Formen von Gewalt, Rache und Hass, die im Namen der Religion oder Gottes begangen werden… Religionen sind aufgerufen, das Böse zu entlarven und den Frieden zu fördern - heute wohl mehr denn je!" Papst Franziskus

    Zwei Jahre nach seinem Besuch in Kairo entschließt sich Franziskus zu einem weiteren Aufsehen erregenden Schritt: Im Februar 2019 reist er als erster Papst in ein arabisches Land, nach Abu Dhabi. Dort trifft er erneut Groß-Imam Al Tayyeb und unterzeichnet mit ihm ein neues Dokument: "Über die Geschwisterlichkeit aller Menschen und das friedliche Zusammenleben in der Welt". Darin heißt es gleich zu Anfang: "Der Glaube lässt uns in anderen Brüder oder Schwestern sehen, die man liebt und unterstützt."

    Kritik von christlichen und muslimischen Fundamentalisten

    Der Text wird von der internationalen Presse begeistert aufgenommen. Der Schweizer Bischof Paul Hinder, der seit 2004 in Abu Dhabi lebt, erinnert sich aber auch an einige skeptische Stimmen aus Deutschland, die die Rechtgläubigkeit des Papstes in Frage stellen.

    Ahmed Al Tayyeb muss sich nach der Unterzeichnung des Dokumentes der Kritik aus muslimisch-fundamentalistischen Kreisen stellen. Allen Widerständen zum Trotz stehen er und Franziskus aber weiterhin zu dem Text und zu dem in ihm enthaltenen Appell: "Wir erklären (daher), dass (wahre) Religionen niemals zum Krieg aufwiegeln, Gefühle des Hasses oder des Extremismus wecken und auch nicht zu Gewalt oder Blutvergießen auffordern (…) Hört auf, die Religionen zu instrumentalisieren, um Hass, Gewalt, Terror oder blinden Fanatismus zu entfachen!"

    "Hohes Komitee" vereint Religionen

    Um den Idealen der Geschwisterlichkeit einen festen Stand in der Gesellschaft und Strahlkraft zu geben, wird noch im August 2019 ein internationales Komitee gegründet: Zunächst besteht dieses "Hohe Komitee" nur aus Katholiken und Muslimen. Aber schon im September tritt ihm als Repräsentant des Judentums Rabbi Bruce Lustig bei, Ober-Rabbiner der jüdischen Gemeinde von Washington.

    Der Ökumenische Rat der Kirchen in Genf schließt sich dem Hohen Komitee ebenfalls an. Er vertritt mehr als 500 Millionen Christen aus 350 Kirchen rund um den Globus: Zu ihnen gehören Anglikaner, Lutheraner, Reformierte, die meisten orthodoxen Christen und viele andere.

    Nicht zuletzt unterstützt auch UN-Generalsekretär, António Guterres, die interreligiösen Friedens-Initiativen. 2019 ernennt er einen Repräsentanten der Vereinten Nationen für das "Hohe Komitee". 2020 regt er eine Resolution an, gemäß der alle Nationen einen weltweiten Waffenstillstand vereinbaren sollten, um vorrangig gemeinsam die Pandemie zu bekämpfen.

    "Zayad"-Preis für Frieden und Völkerverständigung

    Im Februar 2021 - genau zwei Jahre nach der Unterzeichnung des Dokuments zur "Geschwisterlichkeit" - kehren Franziskus und Ahmed Al Tayyeb nach Abu Dhabi zurück - allerdings Pandemie-bedingt nur in einer virtuellen Schalte. Gemeinsam ehren sie an diesem Tag einen Christen und eine Muslima mit dem in Abu Dhabi gestifteten "Zayad"-Preis für besondere Verdienste um Frieden und Völkerverständigung. Der erste Preisträger ist António Guterres.

    Die zweite Persönlichkeit, die an diesem Tag mit dem Zayad-Preis gewürdigt wird, ist die marokkanische Muslima Latífa Ibn Ziátan. Sie lebt schon lange in Frankreich. Als ihr Sohn Imad 2012 bei einem Terror-Attentat ermordet wurde, gründete sie einen Verein, der Jugendliche in schwierigen Situationen unterstützt und verhindert, dass sie in die Fänge von Extremisten geraten.

    Solche Gesten, die im Weltgeschehen wie Tropfen auf den heißen Stein wirken, gewinnen zusätzliche Kraft, wenn man bedenkt, welche Risiken der Papst und Al Tayyeb auf sich nehmen: Beide haben nicht nur verbal mit Fundamentalisten zu kämpfen. Mindestens Al Tayyeb weiß, dass manche Extremisten ihn aufgrund seiner Friedens-Initiativen lieber tot sehen würden.

    Papst plant Reise in den Irak im März

    Der nächste Schritt zur Umsetzung des Dokuments von Abu Dhabi soll eine Reise in den Irak sein, die Franziskus für Anfang März plant. Es wäre das erste Mal, dass ein Papst diese Region besucht.

    Einerseits geht es darum, der im Irak lebenden christlichen Minderheit den Rücken stärken. Sie umfasst kaum ein Prozent der Bevölkerung und leidet seit Jahren extrem unter Krieg, Vertreibung sowie den brutalen Übergriffen von Terroristen des IS. Der Dominikaner und Berater des päpstlichen Dialogrates, Claudio Monge, hat kürzlich in den Vatikan-Medien eine weitere Dimension der Reise unterstrichen:

    "Der Besuch des Papstes hätte auch einen starken interreligiösen Symbolgehalt. Denn er führt in das Land, in dem nach ältesten Überlieferungen Abraham berufen wurde, also dorthin, wo alle drei monotheistischen Religionen ihre Wurzeln haben: das Judentum, das Christentum und der Islam. Die Reise hätte daher eine außergewöhnliche spirituelle Bedeutung." Claudio Monge

    Sie wäre zudem ein umfassendes Symbol der Solidarität, meint Claudio Monge. Denn unter Krieg und Terror haben im Irak nicht nur Christen gelitten, sondern ebenso andere Volksgruppen, nicht zuletzt die Schiiten, die zwei Drittel der Bevölkerung ausmachen.

    Einsatz für Frieden ist Franziskus fast jedes Risiko wert

    Franziskus plant daher auch einen Besuch in der Stadt Al-Najaf, südlich von Bagdad. Hier befindet sich das weltweit bedeutendste schiitische Heiligtum. Es entstand um das Grab von Imam Ali, dem Schwiegersohn des Propheten Mohammed. In Najaf residiert heute der international angesehenste Repräsentant des schiitischen Islams: Ayatollah Al Sistani. Er ist 90 Jahre alt und gilt als erfahrener Brückenbauer zwischen den verschiedenen politischen und religiösen Kräften in der Region.

    Nach offiziellen Kommentaren sehen die Christen dem Papstbesuch im Irak genauso hoffnungsvoll entgegen wie die Schiiten. Angesichts der Gefahr von terroristischen Übergriffen ist der Plan von Franziskus dennoch ein großes Wagnis. Und auch Corona könnte einen Strich durch die Rechnung machen. Der Papst weiß aber genau, wie wichtig Friedensinitiativen gerade in dieser Region sind. Der Einsatz dafür scheint ihm fast jedes Risiko wert.

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