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Warum wir aufregende Abenteuergeschichten brauchen | BR24

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Pipi Langstrumpf mit ihren Freunden auf Bootstour

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    Warum wir aufregende Abenteuergeschichten brauchen

    Astrid Lindgren hilft mit "Pipi Langstrumpf", "Bullerbü" und Co. den Erwachsenen, "die Kinder zu verstehen", sagt Kinderbuchautorin Frida Nilsson im Gespräch. Und erkärt, wozu vor allem Kinder Abenteuergeschichten brauchen.

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    Frida Nilsson gehört zu den erfolgreichsten Kinderbuchautor*innen Schwedens. Ihre Bücher, darunter die Geschichten rund um Hedvig!, wurden in viele Sprachen übersetzt und sind vielfach ausgezeichnet worden. Zuletzt erhielt die Autorin sie den James Krüss Preis für internationale Kinder- und Jugendliteratur. Niels Beintker hat mit der 1979 geborenen Autorin über ihre Bücher und ihr großes Vorbild, Astrid Lindgren, gesprochen.

    Niels Beintker: Warum brauchen Kinder Abenteuer-Geschichten?

    Frida Nilsson: Kinder sind die größten Abenteurer. Ich habe vier Jungs zu Hause. Sie sind ständig auf Abenteuer-Tour. Im Grunde weiß ich nicht, warum sie solche Abenteuer brauchen, die ich aufschreibe. Sie regeln das selbst, auf großartige Weise. Was aber kann uns das Lesen eröffnen? Das ist Nahrung für unsere Seele, egal ob wir einen großen Abenteuerroman in den Händen halten oder eine kleine Geschichte aus Bullerbü. Ich selbst möchte Kindern gar nicht so viel beibringen. Ich will viel lieber mit ihnen diskutieren. Ich führe eine Konversation mit meinen Lesern. Ebenso mit mir. Es ist mein Weg, das auszudrücken, was ich denke und fühle. Fragen lasse ich dabei gerne unbeantwortet. Ich möchte meine Leser zum Denken einladen. Die Abenteuer sind ja ohnehin da, vom Morgen bis zum Abend. Wenn zum Beispiel die Sommerferien beginnen, sehe ich meine Kinder nicht mehr. Sie sind da, im Haus und im Garten. Und zugleich sind sie verschwunden, auf Abenteuer-Tour. Das liebe ich sehr.

    Kinder brauchen Abenteuer, um ihre eigene Welt zu erschaffen, um die Phantasie zu feiern...

    Vielleicht brauchen sie die Abenteuer auch, um sich mit der Welt der Erwachsenen zu beschäftigen. Ich schreibe keine Bücher, damit Kinder etwas lernen sollen. Vielleicht aber kann es für sie hilfreich sein, die Welt der Großen zu verstehen. Zum Beispiel, was gut und was schlecht ist. Darüber lässt sich auch in Büchern diskutieren.

    In ihrem jüngsten Roman "Sasja und das Reich jenseits des Meeres" erzählen Sie von Sasja, der seine Mutter vor dem Tod bewahren will – die Frau, die er jetzt Semilla nennt. Da sie so krank ist, kann er nicht mehr Mama zu ihr sagen. Eines Tages ist sie verschwunden. Ohne alles zu verraten: Was geschieht dann?

    Er will nicht akzeptieren, dass der Tod seine Mutter holt. Ohne sie kann er nicht leben. Also folgt Sasja dem Tod, seinem großen Schiff, mit dem dieser Semilla in sein Reich bringen möchte. Die Reise dorthin ist verdammt lang. Sasja freundet sich dabei mit anderen Kindern an. Und sie alle sind mit Rollenbildern konfrontiert, die ihnen aus der Welt der Erwachsenen vorgegeben werden. Schließlich erreichen sie das Haus, in dem der Tod lebt. Und er muss kämpfen.

    Mehr sollten wir nicht verraten. Ihr Roman kreist um eine große Frage: Können wir einen nahen Menschen vor dem Tod bewahren, können wir ihn retten. Was hat Sie daran interessiert?

    Ich musste diesen Roman schreiben. Mein ältester Sohn war drei Jahre alt, als er einen kleinen Bruder bekam. Für ihn war das damals wie ein Schock: Plötzlich hat er einen Bruder. Und auch für mich war das wie ein Schock. Ich musste mich intensiv um das Baby kümmern, es war sehr fordernd, hat viel geschrien. Ich dachte, ich entferne mich von meinem älteren Sohn. Und ich hatte das Gefühl, er empfindet das genauso. Wir werden auseinander gerissen. Etwas anderes kam dazu: Ich hatte damals Angst vor dem Tod – davor, den Menschen weggenommen zu werden, die mich lieben und die mich brauchen. Als das kleine Baby auf der Welt war, wurde diese Angst intensiver. Damals sind wir außerdem aufs Land gezogen. Es war Winter: viel Schnee und minus 20 Grad. Unser Haus war komplett ausgekühlt. Wir haben erst einmal geheizt. Dadurch sind lauter Fliegen aufgewacht. Mein Sohn bekam Angst. Wo immer wir uns im Haus bewegt haben, mein Sohn, ich, mit dem Baby – überall waren Fliegen. Mein Sohn hat sich immer wieder erschreckt. Und ich konnte ihm nicht helfen, da ich mich um das Baby kümmern musste. Ich war total frustriert und traurig. Eine harte Zeit. Und so begann der Roman. Die Fliegen spielen darin eine große Rolle. Denn sie fliegen von unserer Welt in das Reich des Todes. Sie teilen ihm mit, wenn es an der Zeit ist, dass ein Mensch stirbt. Ich habe die Fliegen in das Buch gesteckt.

    Und so geht die Geschichte weiter. Die Beschäftigung mit dem Kampf gegen Tod spielt eine große Rolle in der Literatur. Denken wir nur an die berühmte mythische Erzählung von Orpheus und Eurydike. Der Sänger, der die Liebe seines Lebens aus der Unterwelt zurück ins Leben holen möchte. Haben Sie solche Geschichten beschäftigt, als Sie Ihren Roman geschrieben haben?

    Ich bin Schwedin und in den 80er-Jahren aufgewachsen. Natürlich habe ich "Die Brüder Löwenherz" von Astrid Lindgren gelesen. Da geht es darum, wie man von unserer Welt in eine andere gerät, in die Welt nach dem Ende unseres Lebens …

    Wir können gerne auch über dieses Buch sprechen. Oder über „Mio, mein Mio“ …

    Ja, das ist auch eine Geschichte über das, was nach unserem Leben kommen könnte. Vielleicht nicht ganz so offenkundig. Bei den "Brüdern Löwenherz" ist das deutlicher: Sie kommen in das Königreich des Todes. Und natürlich haben mich die Bücher von Astrid Lindgren inspiriert. Alle ihre Bücher. Ich kann nicht sagen wie. Ich trage sie seit meiner Kindheit in mir. Astrid Lindgren ist für mich ein wichtiger Bezugspunkt. Orpheus eher nicht (lacht).

    Keine Sorge. Das war nur mein Gedanke, während der Lektüre Ihres Romans. Wir können gerne auch über Astrid Lindgrens Romane sprechen, über "Die Brüder Löwenherz" und andere Bücher. Was hat ihre Literatur so wichtig für Sie selbst gemacht?

    Das Wichtigste an ihrer Literatur ist die Stimme, die aus ihren Büchern spricht. Ihre Stimme. Es ist die Stimme ihrer Bücher und auch ihrer Hauptfiguren. Für mich ist diese Stimme auf eine gewisse Art heilig. In dieser Art möchte auch ich schreiben. Und ebenso entscheide ich, wenn ich ein neues Buch lese, ob es mir gefällt oder nicht. Das hängt davon ab, ob es eine ähnlich klare Stimme hat. Ihre Stimme ist so markant. Astrid Lindgren hat nicht über Kinder geschrieben. Sie hat aus den Kindern heraus geschrieben, auf eine ganz klare Art und Weise. Ihre Bücher sind wichtig, weil Astrid Lindgren den Erwachsenen hilft, die Kinder zu verstehen. Es ist so leicht zu vergessen, wie es war, ein kleiner Mensch zu sein. Die Bücher können uns sofort daran erinnern. Und das ist für mich so entscheidend, gerade in unserer Zeit. Wir brauchen Hilfe, um die Kinder zu verstehen. Wir können mit dem Kind in Verbindung treten, das wir einmal gewesen sind. Es ist alles in uns. Das ist wie ein Schlüssel.

    Noch einmal zurück zu Ihren eigenen Büchern. Zum Roman über Sasja, ebenso aber zu anderen. Sie verbinden immer wieder realistische und phantastische Ebenen. Man kann das auch an Ihrem Roman über Jagger sehen – dieser tolle Hund, der dem Jungen Bengt helfen will. Der Junge wird gemobbt und Jagger will ihn rächen. Warum vermischen Sie phantastische und realistische Elemente?

    Vielleicht sehe ich die reale Welt so… (lacht). Ich vermische sie in meinem Kopf mit der phantastischen Welt, oft auch im Alltag. Zu Hause habe ich einige Tiere. Wir leben zusammen. Und ich mag es, ihnen eine Persönlichkeit zu geben. Ich spreche mit ihnen wie zu Menschen. Ich mag die fiktive Welt sehr (lacht). Die reale Welt dagegen weniger. Die reale Welt ist so schwierig. Sie ist hart und düster. In der Welt der Fiktion – eine Welt, die du dir bauen kannst – ist alles einfacher. Da bin ich viel lieber. Vielleicht ist das auch eine Art Flucht. Was die Geschichte von Jagger betrifft: Ich habe bislang drei Geschichten über Menschen oder auch Tiere geschrieben, die besonders sind – und die nicht so recht in die Gesellschaft passen. Sie sind sehr sonderbar. Ich vermute, alle diese Geschichten sind Geschichten über mich, über die Schwierigkeit, sich anzupassen, normal zu sein wie jeder andere (lacht). Insofern handelt die Geschichte vom Hund auch von mir.

    Und wie entdecken Sie Ihre Geschichten? Der Roman von Jagger ist ja auch sehr traurig. Es geht um Mobbing unter Kindern. Warum wollten Sie darüber schreiben?

    Weil ich nicht wirklich in der Lage bin, wie jeder andere zu sein. Ich weiß, ich könnte immer einen besseren Job machen und eine ganz normale Frau sein (lacht). Das wollte ich aber nie. Ich vermute, das Schreiben ist meine Art, mich mit diesen Dingen zu beschäftigen. Aber ich vermische das auch. Es geht nicht nur um mich. Es geht zum Beispiel auch um meinen Vater. Als er ein Kind war, wurde er gemobbt. Niemand spielte mit ihm. Er war übergewichtig. Als Kind habe ich meinen Vater gefragt: Was wärst Du lieber, ein Kind oder ein Erwachsener? Bevor er antwortete, wusste ich, dass er sagen würde: Natürlich ein Kind. Denn das war das Größte, so jedenfalls habe ich das gefühlt. Ich habe es so geliebt, ein Kind zu sein. Das war paradiesisch. Ich wollte auf keinen Fall erwachsen werden. Seine Antwort kam rasch. Er sagte, er wäre viel lieber erwachsen. Ich war erstaunt. Warum? Er gab mir damals keine klare Antwort. Jahre später habe ich dann begriffen, dass seine Kindheit nicht wirklich glücklich war. Nicht nur, weil er gemobbt wurde. Er hatte auch einen sehr strengen Vater. Ich habe begriffen, das eine Kindheit auch schlecht sein kann – so schlecht, dass du viel lieber ein Erwachsener als ein Kind sein möchtest. Und das hat etwas in mir in Gang gesetzt. Ich habe über meine eigene Kindheit nachgedacht. Ich liebe diese Zeit bis heute. Immer wieder wünsche ich mir, ich könnte zurück gehen. Entsprechend schwer ist der Gedanke, dass es auch so viele Kindheiten gibt, die überhaupt nicht gut sind. Ich denke, das ist einer der Gründe, warum ich schreibe. Ich will, wie Astrid Lindgren, aus einem Kind heraus schreiben und die Welt der Erwachsenen erreichen. Ich will ihnen sagen: Hört auf die kleinen Menschen! Und ich will sie daran erinnern, wie es ist, ein Kind zu sein. Wie es ist, allein zu sein und niemanden zu haben, der dir zuhört.

    Die Literatur kann die Perspektiven ändern.

    Ich hoffe es. Und ich glaube, Astrid Lindgren hat die Art und Weise, in der wir unsere Kinder erziehen, sehr beeinflusst. Wir begegnen den Kindern verständnisvoll. Wir vermeiden Strenge. Wir sind liberal. Aus meiner Sicht hängt das mit Astrid Lindgrens Literatur zusammen.

    Zurück zur Geschichte von Sasja – der Junge, der seine Mutter vor dem Tod retten will. Er reist in das Land des Todes. Am Ende besucht er dort ein tolles Landhaus, mit Apfelbäumen und Himbeerbüschen. Viele Kinder spielen dort. Und der Tod sagt zu ihnen: In der Welt der Erwachsenen müsst ihr Kinder so schnell wie möglich groß werden. Ihr sollt rasch selber Erwachsene sein. Was macht – umgekehrt – die Kindheit für Sie so besonders?

    Das hängt natürlich vor allem damit zusammen, dass ich selbst eine wunderbare Kindheit hatte. Für mich war das eine ganz unbeschwerte Zeit. Es ist so leicht, ein Kind zu sein. Als Erwachsener hat man es dagegen schwer. Ich wünsche mir, dass so viele Kinder wie möglich eine ähnlich paradiesische Zeit wie ich erleben können. Das bedeutet nicht, dass sie ein Haus mit Garten haben, auf dem Land, mit vielen Tieren. Das Paradies kann überall sein. Was zählt, ist, dass Kinder Erwachsene an ihrer Seite haben, die sie verstehen. Etwas anderes kommt dazu. Das Leben ist kurz. Die Kindheit ist ein Teil des Lebens. Die Jugend ein anderer. Wir werden erwachsen. Schließlich werden wir alt. Irgendjemand hat einmal entschieden, dass die Lebensphase, in der wir erwachsen sind, die wirklich wichtige Zeit sein soll. So wie ich jetzt: Ich bin erwachsen. Ich bin die, die ich wurde. Aber ich meine, das stimmt nicht. Als Kind war ich vielmehr ich selbst. Wir müssen doch nicht all unsere Aufmerksamkeit auf das Erwachsenenalter richten. Es ist ebenso gut möglich, dass die Kindheit die wichtigste Zeit im Leben ist. Bei mir war das so, bei Ihnen vielleicht auch. Und auch bei unseren Hörern. Vielleicht ist die Kindheit die beste und wichtigste Zeit ihres Lebens gewesen. Wir sollten uns einfach immer wieder an die Kindheit erinnern. Und wir sollten unsere Kinder nicht beständig hetzen. Eltern sollten gelassener sein. Denn die Kinder sollten so lange wie möglich Kinder bleiben dürfen. Das Erwachsenenalter kommt sowieso. (lacht)

    Wohl wahr. Mit Ihnen können wir die Blickrichtung ändern. Wir können – mit Ihren Worten – sagen, die Kindheit ist der Höhepunkt unseres Lebens. Was können wir dabei entdecken?

    Dass so vieles, was wir machen, im Grunde unwichtig ist. Wenn wir unseren Kindern etwas beibringen sollten, dann das: liebenswürdig zu sein im Umgang mit anderen Menschen. Das ist am wichtigsten. Wir sollten ihnen zeigen, wie sie ihren Nachbarn begegnen, ihren Mitschülern und allen anderen – mit Respekt und Güte. Darauf sollten wir unsere Energie verwenden (lacht). Eben auch, weil das Leben so kurz ist. Und weil ein jeder von uns etwas dazu beitragen sollte, dass die Welt ein bisschen besser wird. Es geht nicht um Karriere, Geld und Ruhm. Das zählt alles nicht. Niemand wird damit glücklich, nicht einmal du selbst. Ein Kind sollte solange wie möglich spielen dürfen. Lasst sie spielen!

    Was macht das Spielen so wichtig?

    Weil du Fehler machen darfst. Ich schaue meinen Jungs zu, wie sie in den Garten gehen. Und wie sie alles erobern, Schritt für Schritt. Sie sind Könige.

    Könige und Ritter. Oder Piraten.

    Was immer sie machen, sie sind erfolgreich. Es gibt kein Scheitern. Es ist eigentlich ein bisschen wie beim Schreiben. Das Schreiben ist allerdings etwas langweiliger und schwieriger. Beim Spielen kannst du eine Welt erschaffen. Und es gibt keine Möglichkeit zu scheitern. Für die Selbstachtung von Kindern ist das sehr wichtig. Noch einmal: Kinder sollten so lange wie möglich spielen. Sie sollten Könige sein. Das hilft ihnen, später ein guter Mensch zu sein. Lasst sie spielen. Legt nicht so viele Verpflichtungen auf ihre Schulten. Die Schule fordert genug. Gebt ihnen Zeit und Sicherheit, damit sie spielen können. Das ist alles.

    © Gerstenberg Verlag/ Montage BR

    Sasja und das Reich jenseits des Meeres, Cove

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