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Freiheit unter dem Regenbogen: "Tannhäuser" in Bayreuth | BR24

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Die diesjährige Premiere wurde zum Triumph für Regisseur Tobias Kratzer und zum Debakel für Dirigent Valery Gergiev. Das Publikum war begeistert von der Inszenierung, die an ein buntes Roadmovie erinnerte und Wagners Anarchismus zum Thema machte.

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Freiheit unter dem Regenbogen: "Tannhäuser" in Bayreuth

Die diesjährige Premiere wurde zum Triumph für Regisseur Tobias Kratzer und zum Debakel für Dirigent Valery Gergiev. Das Publikum war begeistert von der Inszenierung, die an ein buntes Roadmovie erinnerte und Wagners Anarchismus zum Thema machte.

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Richard Wagner hat sich ja bekanntlich viele Freiheiten genommen, zum Beispiel die, keine Rechnungen zu bezahlen, immer nur das Beste zu bestellen und zu lieben, wen er wollte. Mag sein, dass das noch kein Anarchismus ist, aber die Richtung stimmt. Deshalb war es auch so folgerichtig wie unterhaltsam, dass Regisseur Tobias Kratzer für seinen "Tannhäuser" in Bayreuth Wagners Lebensmotto "Frei im Wollen, frei im Tun, frei im Genießen" in den Mittelpunkt stellte. Wahrhaft revolutionär, diese Einstellung, ziemlich egoistisch und gefährlich obendrein, wie Kratzer am Beispiel des Tannhäuser und seiner Muse, der Venus, eindrucksvoll vorführte.

Demolierte Gartenzwerge

Die beiden sind als Straßengang unterwegs, er als Clown, sie als Vamp im engen Pailletten-Einteiler, begleitet von einer Drag Queen namens Le Gateau Chocolat, auf deutsch "Schokoladenkuchen", und einem Kleinwüchsigen, der genauso aussieht wie Oskar Matzerath aus der "Blechtrommel". Diese vier Paradiesvögel erinnern in ihrem alten Lieferwagen an "Priscilla, die Königin der Wüste", die in dem legendären Film ja mit ein paar selbstbewussten Transvestiten das australische Hinterland aufmischt. Genauso rotzfrech bahnen sich Tannhäuser und Co. ihren Weg von der thüringischen Wartburg durch die Lande, klauen Benzin, prellen die Zeche beim Schnellimbiss, fahren einen Polizisten um, demolieren ein paar Gartenzwerge. Tannhäuser versucht es immerhin kurzzeitig mit dem bürgerlichen Leben, das hier so aussieht wie eine kreuzbrave Wagner-Inszenierung aus den fünfziger Jahren. Geordnete Verhältnisse!

© Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Oben Anarchie, unten Ordnung

Venus dagegen stürmt in einer Videoeinspielung mit ihren freakigen Freunden das Festspielhaus. Tobias Kratzer erzählt das voller Anspielungen für Bayreuth-Insider: So bleibt Le Gateau Chocolat in ihrem aufreizenden quietschgelben Tüllrock beim Abschreiten der Bayreuther Dirigentengalerie ausgerechnet vor Christian Thielemanns Bild stehen und gibt Küßchen, der Mann ist ja hier Musikchef und gilt als außerordentlich eigenwillig. Die alte, vom Publikum ungeliebte "Tannhäuser"-Inszenierung ("Biogas-Anlage") wird in einem Video demonstrativ "geschlossen", der Hase, mit dem Christoph Schlingensief einst seinen "Parsifal" dekorierte, ist als Galionsfigur präsent. Erfrischend, dass erstmals die Regenbogen-Fahne der Schwulenbewegung gehisst wird und damit deutlich wird, dass im Venusberg viel mehr möglich ist als heterosexuelle Ausgelassenheit.

© Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Unterwegs zum Anarchismus?

Ende auf der Müllhalde

Ein paar Kenntnisse in deutscher Kulturgeschichte sind hier ebenfalls von Vorteil: Zum Beispiel kleidet sich die Drag Queen gern in schwarz-rot-gold, den Farben der Revolution von 1848, an der Richard Wagner ja aktiv beteiligt war. Und dass Noten verbrannt und zerrissen wurden, machte auch Sinn: Wagner träumte davon, ein Festspielhaus nur ein einziges Mal zu bespielen und danach abzufackeln. Eine fast dadaistische Performance, die es bisher aus naheliegenden Gründen nicht gab. So blieb es bei der Andeutung. Es macht durchgehend Laune, diesem gescheiten, gewitzten und gehetzten "Tannhäuser" auf seinem eigentlich sehr abschüssigen Weg ins Verhängnis zu folgen. Denn der Preis für eine anarchistische Lebenseinstellung, für die schrankenlose Freiheit wird im dritten Akt überdeutlich: Tannhäuser hält diese Freiheit anders als die kesse Venus nicht aus. Er hat letztlich kleinbürgerliche Glücksvorstellungen und findet sich als gescheiterter Stadtstreicher in einer tristen Landschaft wieder, wie sie typisch ist für das absurde Theater von Samuel Beckett. Laublose Bäume, eine protzige Reklametafel für Luxusuhren, rostige Autowracks - Endstation Müllhalde.

© Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Elisabeth macht sich locker

Damit stellt diese Inszenierung die Frage, wieviel Revolution sich mit dem Alltag verträgt, wieviel Freiheit möglich, wieviel Anpassung nötig ist. Die Bilder sind durchweg fesselnd, berührend, oft beißend komisch, technisch perfekt. Ein ganz großer Wurf des Regisseurs, der sich allerdings teilweise wiederholte: So ähnlich war der "Tannhäuser" von ihm schon 2011 in Bremen zu sehen. Gleichwohl reagierte das Publikum mit stehenden Ovationen.

Albtraum für Valery Gergiev

Für den russischen Dirigenten Valery Gergiev wurde die Premiere dagegen zu einem Albtraum: Der Vielbeschäftigte und Vielreisende hatte wohl doch nicht genug Muße gehabt, sich mit der Partitur zu beschäftigen. Einige Chorauftritte wackelten bedrohlich, das Klangbild wirkte aschfahl, konturenlos, teils gespenstisch, was zwar durchaus zur Romantik passt, in diesem Fall aber wohl doch eher zufällig war. Befremdlich auch Gergievs Verhalten beim Schlussapplaus: Mit den Sängern schien ihn wenig zu verbinden. Offenbar klebte er viel zu sehr an der Partitur, um mit ihnen Blickkontakt zu halten. Möglicherweise wurde er jedoch auch dafür ausgebuht, dass er wegen seiner ständigen, weltweiten Reisetätigkeit, ja Hetzerei, zu zwei Proben verspätet erschienen war und mit Putin eine enge Freundschaft pflegt: Der Mann ist sehr umstritten und wird im kommenden Jahr den "Tannhäuser" aus "Zeitgründen" auch nicht mehr dirigieren.

© Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Lebensmotto Wagners

Unter den Solisten beeindruckte Stephen Gould in der Titelrolle mit seiner Wandlungsfähigkeit vom derben Draufgänger zum gebrochenen Held. Der Tenor stemmt den Tannhäuser in dieser Saison neben dem Tristan, die wohl anstregendste Partie in diesem Fach überhaupt! Markus Eiche als Wolfram von Eschenbach war etwas arg ruppig und kühl für diese sanfte Bariton-Rolle, Lise Davidsen als Elisabeth stimmlich viel zu scharf und schauspielerisch zu unbeteiligt. Recht rau und metallisch sang auch die Einspringerin Elena Zhidkova als Venus, die allerdings furios spielte und noch im Applaus die Faust ballte - typisch Revolutionärin, "vorwärts immer, rückwärts nimmer". Ein beglückendes Wagner-Erlebnis zum Auftakt der Saison - und übrigens: Im Festspielhaus drinnen war es diesmal gar nicht so heiß wie befürchtet, davor allerdings unerträglich.

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