BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

"Freies Land": Psychothriller im düsteren Nachwende-Deutschland | BR24

© Verleih Telepool

Krimi in der ostdeutschen Provinz: Die Ermittler Stein (Trystan Pütter) und Bach (Felix Kramer)

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

"Freies Land": Psychothriller im düsteren Nachwende-Deutschland

Bedrohlicher Matsch statt blühender Landschaften: Christian Alvarts neuer Film "Freies Land" spielt im Mecklenburg-Vorpommern der frühen 1990er – und zeigt ein Ermittlerpaar, in dem west- und ostdeutsche Mentalitäten aufeinanderprallen.

Per Mail sharen
Teilen

Christian Alvart hat seine Filme schon immer gern anders gemacht. Anders im Sinne von undeutsch. Bildgewaltig und düster sind die Werke des gebürtigen Hessen, immer wieder finden sich Horrorelemente, Genre geht über Realismus. Diese Herangehensweise öffnete dem Regisseur, der nie eine Filmschule besucht hat, mit Anfang 30 die Türen zu Hollywood. Hier drehte er 2009 mit Renée Zellweger und Dennis Quaid. Der Erfolg blieb aus, seinem Stil blieb er trotzdem treu. Aus des Deutschen Lieblingskrimi "Tatort" hat Alvart in Zusammenarbeit mit Til Schweiger schon mehrmals ein Actionspektakel im Stile von "Stirb langsam" gemacht. Für seinen neuen Kinofilm schaltet er drei Gänge zurück und entwirft ein Szenario, in dem noch Trabbis das Straßenbild prägen. "Freies Land" ist ein im Jahr 1992 angesiedelter Nachwende-Thriller. Typisch deutsch ist nichts daran.

Überall Matsch und Morast, auch seelischer

In "Freies Land" bilden zwei Polizisten ein Zwangsteam. Der eine ist aus Görlitz, Typ rustikale Eiche: beeindruckender Schnautzer, beeindruckende Plautze und wenn es sein muss, schlägt er zu. Der andere ist aus Hamburg, mehr Birke als Eiche, werdender Vater und ein Mann mit Prinzipien. Ermitteln sollen die beiden in Löwitz in Mecklenburg-Vorpommern. Blühende Landschaften gibt es hier nicht – dafür jede Menge Matsch und Morast, auch seelischen.

Bach und Stein, so heißen die beiden Polizisten, haben es nicht leicht. Sie suchen zwei Schwestern, die als vermisst gemeldet wurden. Doch selbst unter Alkoholeinfluss sprudeln die Informationen aus den Einheimischen nur spärlich. Und nicht einmal die Eltern der Teenager sind eine große Hilfe.

© Verleih Telepool

Mit ihnen glänzt der Film: Hauptdarsteller Trystan Pütter und Felix Kramer

Christian Alvart, der auch das Drehbuch verfasst und die Kameraarbeit übernommen hat, setzt auf vielsagendes Schweigen und sprechende Bilder. Immer wieder lässt er Drohnen aus großer Distanz langsam über die winterlichen Seenplatten Mecklenburg-Vorpommerns fliegen. Ein Anblick, der nicht romantisch ist, sondern bedrohlich. Es liegt kein Schnee, sondern Raureif, an jedem frei einsehbaren Fleckchen Erde könnten Teile einer Leiche aufblitzen. Alvarts Psychothriller spielt mit den Erwartungen des Betrachters – und das sehr gekonnt und ohne Effekthascherei.

Wie eine ostdeutsche Variante von "True Detective"

"Freies Land" ist extrem atmosphärisch, der kühle Blick erinnert stark an US-Vorbilder wie "Mississippi Burning" und "True Detective". Auch hier wird in trostlosen Gegenden ein Verbrechen untersucht, sind die Ermittelnden fremd im eigenen Land. Dass die Handlung streckenweise holpert und manche Nebenfiguren holzschnittartig angelegt sind, verzeiht man. Denn die volle Aufmerksamkeit gilt ohnehin den beiden großartigen Hauptdarstellern. Felix Kramer und Trystan Pütter sind ein Gespann, das sich nachhaltig ins Gedächtnis brennt. Und dank Kramers Schimanski-Machismo gibt es immer wieder Momente, in denen man lachen kann und den zuvor aufgebauten Druck vergisst – wenn auch nur kurz.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!