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Nina George
© Helmut Henkensiefken/Frauen zählen

Autoren

Peter Jungblut
© Helmut Henkensiefken/Frauen zählen

Nina George

"Sichtbarkeit von Frauen in Medien und im Literaturbetrieb" heißt die Studie, die das Forschungsprojekt #frauenzählen in Kooperation mit dem Institut für Medienforschung der Universität Rostock durchgeführt hat – 2.036 Rezensionen in 69 Medien wurden ausgezählt. Das Ergebnis: Zwei Drittel aller besprochenen Bücher seien von Männern verfasst, und zwar sowohl in den Zeitungen und Zeitschriften, als auch in Radio und Fernsehen. Frauen seien damit "deutlich weniger sichtbar". Eine Ausnahme gelte nur für Frauenzeitschriften. Auch die Kritiker seien überwiegend männlich, und zwar im Verhältnis 4:3. Sie besprächen ganz überwiegend Werke von ihren Geschlechtsgenossen, nämlich zu etwa drei Vierteln. Rezensentinnen dagegen seien bei der Auswahl der von ihnen besprochenen Bücher viel ausgewogener. Besonders krass sei das Ungleichgewicht im Bereich Sachbuch und Kriminalliteratur. Nur jedes fünfte dort kritisierte Werk stamme von einer Frau.

Literaturkritik männlich dominiert

Und nicht nur das: Männliche Rezensenten dürften auch "deutlich ausführlicher" schreiben. Nur im Radio sei das anders, da kämen weibliche Literaturfachleute ebenso umfassend zu Wort wie männliche. Das Fazit der Studie: "Autoren und Kritiker dominieren den literarischen Rezensionsbetrieb: Zwei Drittel aller Rezensionen würdigen die Werke von Autoren, Männer schreiben weit überwiegend über Männer und ihnen steht ein deutlich größerer Raum für Kritiken zur Verfügung. Einzig das Kinder- und Jugendbuchgenre erscheint als ausgeglichenes Genre; die als intellektuell oder 'maskulin' empfundenen Genres wie Sachbuch und Kriminalliteratur werden von Autoren wie Kritikern vereinnahmt."

Laut einer anderen Studie, einer Studie des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels von 2015, kaufen 54 Prozent der Männer jährlich mindestens ein Buch, bei den Frauen sind es 63 Prozent – wobei die ihre gekauften Titel deutlich häufiger als Männer auch tatsächlich lesen. Überhaupt sind Leserinnen vielfältiger bei der Auswahl ihrer Lektüre. Bei Sachbüchern allerdings liegen die Männer leicht vorn. Eine Debatte gibt es auch über Literaturpreise. So ging der prestigeträchtige Deutsche Buchpreis zwar zu 55 Prozent an Autorinnen, die allerdings stellten nur 29 Prozent der Titel auf der "Longlist", waren also in der Vorauswahl zahlenmäßig benachteiligt.

"Es vertiefen sich überkommene Bilder"

Die Autorin Nina George ("Das Lavendelzimmer"), die auch im Beirat des deutschen PEN sitzt, ist Koordinatorin des Projekts #frauenzählen und kommentierte die Ergebnisse der Analyse: "Aus den Studienergebnissen lässt sich ein struktureller Bias in den Medien ableiten, dem allerdings nicht nur Männer, sondern mitunter auch Frauen unterliegen. Die Überrepräsentanz des männlichen Blicks auf die Welt ist kein unbekanntes Symptom. Die Ergebnisse decken sich mit jenen anderer Studien zur Sichtbarkeit von Frauen in Medien. So vertiefen sich überkommene Bilder: Die Frau, das andere, das zweitklassige Geschlecht. Hier müssen wir in fortlaufenden Analysen untersuchen, wie die Unsichtbarkeit von Autorinnen zu Stande kommt: Was haben Veröffentlichungsraten, Verlagswahl, Themen oder redaktionelle Gewohnheiten damit zu tun?"

Zoe Beck

Zoe Beck

Die Übersetzerin, Drehbuchautorin und Journalistin Zoe Beck will ebenfalls persönliche Erfahrungen gemacht haben, die das Fazit der Studie bestätigen: "Die Studienergebnisse zeigen, was viele Autorinnen bereits ahnten: Männer werden – auch in der Literaturkritik – offenbar ernster genommen. Warum das so ist, wird ebenfalls untersucht werden. Ein Blick auf die Leselisten an Schulen und Universitäten gibt bereits deutliche Hinweise: Hier dominieren Autoren. Ebenso zeigt ein Durchblättern der Hardcoverprogramme renommierter Verlage ein Ungleichgewicht der Wertigkeiten. Ich wünsche mir, dass die Sichtbarmachung dieses Ungleichgewichts zu einem radikalen Umdenken führt."

Die Studie soll am 10. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt werden und steht jetzt schon im Netz.

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