Eine Frau liest im Koran

Eine Frau liest im Koran

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    Frauen und Islam: Ist der Koran ein feministischer Text?

    Frauen und Islam: Ist der Koran ein feministischer Text?

    Lange Zeit haben muslimische Feministinnen darauf bestanden, der Koran sei kein patriarchaler Text. Kritikerinnen haben diese Überzeugung in den vergangenen Jahren jedoch ins Wanken gebracht.

    Muslimische feministische Bestrebungen gibt es seit dem 19. Jahrhundert. Im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert entstand daraus eine feste Bewegung: Feministinnen veröffentlichen Bücher, halten Konferenzen, demonstrieren und beten gemeinsam. Für viele von ihnen ist der Koran nicht frauenfeindlich oder patriarchal. Geschlechtergerechtigkeit sei ein fester Bestandteil der koranischen Botschaft, sogar ein von "Gott gewolltes ethisches Prinzip". So fasst Nimet Seker, Professorin für islamische Textwissenschaft an der Humboldt Universität in Berlin, die Überzeugungen islamischer Feministinnen zusammen. Eines der wichtigsten Werke dieser Strömung: Das Buch "Quran and Women" der Islamwissenschaftlerin und Imamin Amina Wadud.

    Keine Hierarchie zwischen Frau und Mann

    Eine Koranstelle, bei der dieser Ansatz sehr gut funktioniert, ist der erste Vers der vierten Sure des Korans. Dort heißt es "O ihr Menschen, fürchtet euren Herrn, der euch erschaffen hat aus einer einzigen Seele und aus dieser Seele ihren Partner erschaffen hat". In der traditionellen Exegese wurde diese Seele als männlich verstanden, als Adam aus dessen Rippe Eva erschaffen wurde. Aber: "Der Vers selbst auf der rein sprachlichen Ebene stellt auch gar keine Hierarchie zwischen diesen beiden Wesen her. Und es ist auch auf den ersten Blick gar nicht mal als klar von Mann und Frau die Rede. Das heißt, erst auf dieser späteren Stufe werden Menschenwesen, die geschlechtslos benannt werden, als Männer und Frauen erschaffen und auf der ganzen Welt verstreut, wie es heißt", so Nimet Seker.

    Vieles von dieser feministischen Bewegung wirkt bis heute weiter. Saboura Naqshband vom selbst organisierten Kollektiv Berlin Muslim Feminists hält Vorträge, gibt Workshops und publiziert zum Thema islamischer Feminismus in Deutschland:

    "Also wenn ich jetzt an die Glaubenspraxis denke, muss ich sagen, dass ich aber in queeren und feministischen muslimischen Communities schon sehr wichtige religiöse Erfahrungen gemacht habe, auch einfach deshalb, weil ich das Gefühl hatte, dass man als Frau oder eigentlich egal welches Geschlecht man hat, einfach vor Gott stehen kann. Und das hat, das war so eine Art Erfahrung von Menschlichkeit oder Vermenschlichung, die mir auch auf einer spirituellen Ebene sehr wichtig war." Saboura Naqshband vom selbst organisierten Kollektiv Berlin Muslim Feminists

    Doch auch schon in den frühen 2000er-Jahren gab es bereits Ansätze einer Kritik an der feministischen Methodik von Amina Wadud und anderen, die in den nächsten Jahren noch größer werden sollte. Und diese Kritik kam nicht von außen, sondern von Teilen der muslimischen feministischen Bewegung selbst. Das Problem: Wie in der Bibel oder anderen religiösen Büchern, lassen sich nicht ausnahmslos alle Verse feministisch interpretieren.

    "Meidet sie im Bett oder trennt euch"

    Das berühmteste Beispiel: Vers 4:34. Über fast keinen anderen Vers haben sich Muslime, Islamwissenschaftler und andere so sehr den Kopf zerbrochen. Darin heißt es, die Männer haben Verantwortung für die Frauen, erklärt Nimet Seker: "Oder die Männer sind den Frauen übergeordnet, je nachdem, wie man das übersetzt und interpretiert. Und ganz am Ende des Verses sind drei Maßnahmen für den Fall, dass die Frau widerspenstig ist, was auch immer das bedeuten soll, ermahnt sie, meidet sie im Bett oder trennt euch, trennt euch und schlagt sie nach der mehrheitlichen Interpretation."

    Es gibt Wege, diesen Vers anders zu interpretieren. Man könnte das Wort für "schlagen" auch mit "trennen", also "trennt euch von euren Frauen" übersetzten. Man könnte den Vers als einen verstehen, der in einer Gesellschaft, in der das schlagen normal war, den Männern kommuniziert hat: Körperliche Gewalt darf nicht das erste Mittel zur Konfliktlösung sein. Und trotz allem bleibt die Frage: Warum offenbart Gott einen Vers, bei dem es zumindest das Potential gibt, ihn als Aufforderung zur Gewalt zu verstehen?

    "Wenn ich davon ausgehe, dass Gott absolut gleich alle Menschen behandelt und gleich erschaffen hat und dass er für alle Gerechtigkeit und auch Barmherzigkeit für alle möchte: Wie kann es denn sein, dass so ein Vers im Koran steht?" Nimet Seker

    Auch Amina Wadud kommt bei diesem Vers an ihre Grenzen. Ihre Lösung zum Umgang mit diesem Vers war "Nein" zu dem Text zu sagen. So nennt sie das in ihrem 2006 erschienen Werk "Inside the gender Jihad: women's reform in Islam". Die feministische Koranexegese scheint hier in einer Sackgasse angelangt zu sein. Kritikerinnen wie Aysha Hidayatullah und Kecia Ali – selbst feministische Musliminnen und Islamwissenschaftlerinnen – schlagen deshalb vor: Wir müssen den Koran grundlegend anders lesen, und zwar historisch. Das heißt als geprägt von der patriarchalischen Gesellschaft, in die der Islam hineingeboren wurde.

    Mehr als tausend Jahre alter Text

    Allerdings haben genau davor Muslime teilweise Angst, sagt Nimet Seker, weil sie glauben, dass sie etwas aufgeben in ihrem Glauben, wenn sie sehr stark historisieren.

    "Das ist eben unsere Aufgabe in der Forschung zu sagen Nein, ganz im Gegenteil. Das heißt nicht, dass wir unseren Glauben oder die Wahrheit des Korans und des Propheten infrage stellen, sondern das bedeutet eben, dass wir uns darüber bewusst werden, dass wir mit der Distanz, kulturellen Distanz, sprachlichen Distanz, soziologischen Distanz auf den Koran schauen und uns fragen: Wie können wir das für uns heute aktualisieren? Wie können wir das? Oder sollten wir das für uns neu interpretieren?" Nimet Seker

    Historisieren – und sich von der Annahme verabschieden, dass ein mehr als tausend Jahre alter Text - sei es die Bibel oder der Koran - feministischen Überzeugungen des 21. Jahrhunderts entsprechen kann: Das ist definitiv sehr schmerzhaft, findet Nimet Seker. Die Frage sei, wie Musliminnen damit umgingen. Noch haben sie keine klaren Antworten darauf gefunden: "Das ist noch ein Prozess, dem wir gemeinsam durchlaufen müssen."

    Botschaften von Vergebung, Barmherzigkeit und Hoffnung

    Vielleicht ist dieser Prozess schon längst in Gang gesetzt. Und das Historisieren des Korans etwas, das viele Musliminnen in ihrem Alltag schon längst tun: Sich die Kernbotschaften herausfiltern, die für sie heute noch Relevanz haben, und einen Teil des Textes als Ort und Zeit geschuldet sehen. Das muss dem Koran seinen spirituellen und religiösen Wert nicht nehmen, sagt Saboura Naqshband. Auch sie glaubt, dass der historische Kontext von Bedeutung für das heutige Verständnis des Korans ist. Für sie persönlich ist der Koran eher eine Art spirituelle Ressource. Sie ist mit den koranischen Gesängen groß geworden, sie haben eine beruhigende Wirkung auf sie: "Das ist für mich was sehr, sehr Spirituelles. Für mich sind immer ganz viele Botschaften von Vergebung und Barmherzigkeit und Hoffnung mit dem koranischen Text verbunden."

    Für Saboura Naqshband und Nimet Seker ist eine feministische Lesart des Korans, trotz mancher herausfordernder Verse, immer noch möglich, wenn nicht sogar notwendig. Das Potential dafür sei im Koran enthalten. Selbst wenn dabei neue Wege beschritten werden müssten.

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