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Frauen starten durch: "The Band" am Deutschen Theater München | BR24

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Der Titel ist missverständlich, geht es doch gar nicht um "Take That", sondern um das Älterwerden und die Frage, wie viele Träume im Alltag übrig bleiben. Das "Feel Good"-Stück von Tim Firth überzeugte in jeder Hinsicht und begeisterte die Zuschauer.

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Frauen starten durch: "The Band" am Deutschen Theater München

Der Titel ist missverständlich, geht es doch gar nicht um "Take That", sondern um das Älterwerden und die Frage, wie viele Träume im Alltag übrig bleiben. Das "Feel Good"-Stück von Tim Firth überzeugte in jeder Hinsicht und begeisterte die Zuschauer.

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Um welches Band geht es eigentlich in diesem Musical mit dem scheinbar so einfachen Titel? Na klar, fünf Jungs treten auf und singen einige Hits von "Take That", also ist wohl diese Band gemeint. Doch tatsächlich sind die Freundschaftsbändchen von fünf jungen weiblichen Fans in diesem Fall viel wichtiger, geht es doch um die Begeisterung dieser Schülerinnen, ihre Träume, ihre Pubertät, ihre Geheimnisse. Die fünf werden erwachsen, bekommen Kinder oder auch nicht, haben ihr Coming Out, ihre Midlife-Krise oder ihre Gewichtsprobleme, entfernen sich jedenfalls immer weiter von ihrer Jugend - und deshalb ist hier auch das Band zwischen Gegenwart und Vergangenheit gemeint, die Erinnerung, die mal schmerzlich, mal bittersüß ist.

So düsen sie nach Prag

"The Band" ist also gerade keine "Take That"-Party, kein Stück über deren Erfolge und kein Revival-Konzert, sondern ein überraschend berührender Abend über das Älterwerden und die Frage, wie viel Pubertät mit 40 oder 50 eigentlich noch angesagt ist. Und so düsen die Freundinnen Rachel, Heather, Zoe und Claire nach all den gelebten Jahren von Manchester nach Prag, wo die von ihnen angehimmelte Boyband noch einmal auftreten soll - Debbie, die fünfte im Bunde von einst, starb bei einem Unfall, und gerade deshalb ist sie irgendwie auch dabei, denn der Abschied von ihr, der steht noch aus.

© Alexotto/Deutsches Theater München

Jung und voller Elan

Es ist ein wirklich ganz starkes Musical, das der englische Dramatiker und Songschreiber Tim Firth da 2017 geschrieben hat, es geht zu Herzen, es begeisterte auch gestern Abend im Deutschen Theater in München das Publikum, es reißt mit, es rührt zu Tränen, es macht Mut und Freude, es ist das, was die Briten ein "Feel Good"-Stück nennen. Firth ging es nach eigenen Worten um einen Abend über die "Kraft der Musik", also darum, dass Lieder grundsätzlich mehr sein können als Stimmungsaufheller. Mit anderen Worten: Das Musical zeigt Menschen im Kampf mit dem Alltag, die nicht aufgeben, sondern durchstarten - übrigens ist das wörtlich zu verstehen, die Maschine hebt lautstark ab.

Talentwettbewerb der BBC

Entstanden ist "The Band" 2017 nach einem Talentwettbewerb der BBC, wobei von Anfang klar war, dass die dort siegreichen Jungs im Musical eben gerade nicht die Hauptrollen spielen, sondern lediglich für die musikalische Untermalung zuständig sind. Das machte die Vermarktung leider schwierig, denn "Take That"-Fans dürften sich ganz falsche Vorstellungen von der gezeigten Geschichte gemacht haben, waren womöglich sogar enttäuscht. Entsprechend dürftig waren die Ticketverkäufe in Berlin, wo das Musical seit April zu sehen war.

© Alexotto/Deutsches Theater München

Boys aus dem Spind

Auch im Deutschen Theater in München, wo "The Band" noch bis Anfang November zu sehen ist, womöglich zum vorläufig letzten Mal, ist der Vorverkauf schleppend - leider und völlig zu Unrecht! Silke Geertz, Laura Leyh, Heike Kloss und Yvonne Köstler sind vier wunderbare Powerfrauen, die sich nicht unterkriegen lassen. Klar, dass erinnert etwas an das sehr erfolgreiche Wechseljahre-Musical "Heiße Zeiten", aber es hat sehr viel mehr Tiefgang, ist vom Regieteam Kim Gavin und Jack Ryder viel professioneller in Szene gesetzt und von Deutschlands größtem Musicalveranstalter Stage Entertainment opulent ausgestattet. Prince Damien, Helge Mark Lodder, Taddeo Pellegrini, Alex Charles und Sario Solomon bringen ihre Gesangs- und Tanz-Nummern schwungvoll rüber, aber als emsige Flugabfertiger, Reinigungskräfte und Hotelpagen sind sie noch viel unterhaltsamer.

© Alexotto/Deutsches Theater München

Reise von England nach Prag

Stehende Ovationen sprachen für sich, das Deutsche Theater hofft auf Mundpropaganda, wobei sich noch herausstellen muss, ob dieses sehr britische Stück bei den bayerischen Musical-Fans tatsächlich ankommt. Mag sein, dass sich Engländerinnen in gesetzteren Jahren wesentlich unbekümmerter und häufiger "verrückte Momente" gönnen als hierzulande, diverse Auftritte bei Pferderennen und Weihnachtspartys sprechen ja für sich, und im Urlaub sind sie ja kaum zu bremsen. Am Ende lassen die Frauen die Luftballons steigen, die sie ihrer Jugend platzen ließen: Das Band lassen sie also los, und lauschen dabei den Hits der Band. Ein Gänsehaut-Moment!

Bis 3. November 2019 am Deutschen Theater München.

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