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Frauen mit bischöflicher Macht – Vorbild für die Kirche heute? | BR24

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Tausend Jahre lang übten Frauen als Äbtissinnen bischöfliche Macht über ihr Territorium aus. Kann dieses historische Modell heute Vorbild und Idee in der Diskussion um die Weihe von Frauen sein?

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Frauen mit bischöflicher Macht – Vorbild für die Kirche heute?

Welche Rolle hat die Frau in der Kirche? Darüber wird nicht erst seit der Initiative Maria 2.0 gestritten. Neue Forschungen zeigen, dass es 1.000 Jahre lang Frauen mit bischöflicher Vollmacht in der Kirche gab – und dies auch heute möglich wäre.

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Nicht erst seit der Initiative Maria 2.0 fordern Frauen - vor allem in Deutschland - mehr Rechte in der Kirche. Immer wieder geht es dabei auch um die Weihe zur Priesterin. Für die Priesterweihe von Frauen, sieht Hubert Wolf, Professor für Kirchengeschichte in Münster keine belastbaren Belege in Dokumenten. Frauen mit der Vollmacht von Bischöfen habe es aber 1.000 Jahre lang in der Kirche gegeben, sagt Wolf.

Quer durch Europa gab es Frauen, die Diözesen leiteten

Quer durch Europa, vom italienischen Conversano über das spanischen Las Huelgas und das irische Kildare bis nach Regensburg oder Essen gibt es Belege, dass Äbtissinnen - also Leiterinnen von Frauenklöstern - auch die bischöfliche Jurisdiktionsgewalt über ein Territorium innehatten. Es gab 40 Abteien in Europa, zu denen eine kleine Diözese mit bis zu 70 Pfarreien gehörte.

Die Äbtissinnen agierten dort rechtlich gesehen als Bischöfe, erklärt Hubert Wolf: "Die Frauen setzen den Pfarrer ein und können ihn wieder absetzen. Sie erlassen einen Katechismus, sie dispensieren von Ehehindernissen, sie errichten Pfarreien und heben sie wieder auf. Sie machen alles das, was ein Bischof rechtlich macht."

Das Zweite Vatikanische Konzil definiert Bischofsamt neu

Das Modell der Äbtissinnen mit bischöflichen Vollmachten ist keine Randerscheinung in der Tradition der katholischen Kirche. Tatsächlich war es bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil in den 1960er Jahren möglich. Dort wurde das Verständnis eines Bischofs und seiner Vollmachten neu geregelt: Mit der Bischofsweihe wurde nun neben dem Amt der Heiligung auch die Ämter der Lehre und Leitung übertragen.

Die sogenannte Weihegewalt, das Heiligen durch die Sakramente und das Lehren, bildet seitdem gemäß den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils also eine Einheit mit der Leitungsgewalt, also der Verwaltung einer Diözese durch den Bischof. Doch gerade das war in der Geschichte der Kirche nicht immer so, sagt Wolf.

Bischöfinnen? Trennung von Leitungs- und Weihevollmacht möglich

Der Kirchenhistoriker sieht darin eine Möglichkeit, ganz grundsätzlich auch über die Diskussion zur Stellung der Frauen in der katholischen Kirche nachzudenken - ein heißes Eisen erneut anzufassen, es aber unter einem neuen Blickwinkel zu betrachten: "Wenn die Kirchengeschichte ein theologischer Erkenntnisort ist, dann muss man ihn ganz einbringen, und nicht nur selektiv. Ich stelle eine Frage und die Geschichte gibt Antworten. Und wenn die Antwort heißt: Eine Priesterweihe von Frauen finde ich nicht, dann kann mir das gefallen oder nicht gefallen. Aber erst einmal sage ich: Ich habe keine Priesterweihe von Frauen gefunden. Wenn ich aber sage: Ich finde aber Frauen, die Leitungsvollmachten ausüben, wie ein Bischof, dann hab ich die eben über 1.000 Jahre. Und das ist für mich der entscheidende Punkt."

Für die deutliche Trennung von Leitungs- und Weihevollmacht hat Wolf in der Geschichte der Kirche zahlreiche Vertreter gefunden, die ganz rechtmäßig ohne Bischofsweihe Stab und Mitra trugen und als Bischöfe agierten. Mitra und Hirtenstab sind also in der Tradition der Kirche zunächst nichts anderes als die Zeichen der bischöflichen Leitungsvollmacht, nicht aber Symbol der liturgisch-sakramentalen Bischofsweihe, sagt Wolf.

Totschlagargument "Frauenweihe" wäre erst einmal umgangen

Durch die Reform des Bischofsamts des Zweiten Vatikanums kam es dann zu einem "Kollateralschaden", wie Wolf es nennt: "Wer nicht die Bischofsweihe hat, kann auch nicht mehr Leitungsvollmacht kriegen." Das sei aber nur eine rechtliche Bestimmung, die sich leicht wieder aufheben ließe. Die Idee des Kirchenhistorikers: "Dann könnte es Frauen geben, die wie ein Bischof oder eine Bischöfin eine Diözese leiten und sich wie früher die hochadligen Herren in der Reichskirche für die Sakramentenspendung einen Weihbischof halten."

Damit wäre das Totschlagargument "Weihe geht nicht" umgangen, so Wolf. Es gehe nicht mehr um eine sakramententheologische Frage, sondern es würde nur etwas weitergeführt, was es 1.000 Jahre lang gab.

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