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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Brynn Anderson

Marie Schoeß über Geschlechtergerechtigkeit beim Festival in Cannes

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Frauen in Cannes: Geschlechterverhältnis immer noch verheerend

Es gab schon Barfuß-Protest gegen High-Heel-Zwang auf dem roten Teppich, die Jury ist heuer in weiblicher Hand. Das Filmfestival in Cannes will Frauen in der Filmbranche stärken, doch nur vier von 24 Wettbewerbs-Filmen drehten Regisseurinnen.

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Von
  • Marie Schoeß

Maggie Gyllenhaal sagte kurz nach der Eröffnung in Cannes, es mache einen Unterschied, dass die Jury nun in weiblicher Hand sei, dominiert von weiblichen Entscheiderinnen. Gleichzeitig zu dieser Statistik ist das Geschlechterverhältnis im Wettbewerb verheerend: vier Regisseurinnen kommen auf 24 Filme. Wie verhalten sich also die Filme und die Filmschaffenden vor Ort zur Genderfrage?

Eine Haarspange ist mehr als ein Accessoire, das weiß, wer Julia Ducournaus neuen Film gesehen hat: Die Protagonistin, eine auffallend große und schlanke junge Frau, nutzt ihre Haarspange zum Beispiel dafür, zu erstechen, wer sich in ihren Weg stellt. Ein cleveres Spiel mit Geschlechterbildern und nicht das einzige in diesem Film. „Titane“ ist einer von nur vier Filmen im Hauptwettbewerb, den Frauen verantworten.

Männer-Frauen-Verhältnis bei Regie: 20 zu 4

In anderen Kategorien haben wir wesentlich mehr Filme von Frauen, sagt Delphyne Besse, Sprecherin des Kollektivs 50-50: Ein Beispiel ist die Reihe "Semaine de la Critique". Vor allem weil es unter jungen Regisseuren, die ihren ersten oder zweiten Film machen, mehr Frauen gibt, erklärt Besse. Erst danach ändere sich das Verhältnis. Sie stellt daher die Frage in den Raum: "Ist es heuchlerisch, eine mehrheitlich weiblich besetzte Jury zu feiern und nur wenige Frauen im Wettbewerb zu haben? Ich weiß es nicht, aber es ist im Moment das beste Mittel, das wir haben, um Frauen in Cannes im Wettbewerb zu stärken. Ein kleiner Schritt in Richtung 50-50, auch wenn wir heute noch weit davon entfernt sind."

In vielen Gesprächen wird deutlich, wie sehr dieses Missverhältnis nachwirkt und verunsichert. Regisseurinnen werden hier oft nach ihrem spezifisch weiblichen Blick gefragt, auch nach autobiografischen Bezügen. Das wirkt hier und da, als seien sie verpflichtet, in ihren Filmen Zeugnis über das Frauenleben abzulegen. Aber auch die männlichen Regisseure und Schauspieler wissen, dass sie unter Beobachtung stehen.

Männer, die auf Frauen blicken

Joachim Trier zum Beispiel erzählt eine moderne Liebesgeschichte in Oslo, eine Frau Anfang 30 steht im Zentrum: Sie ist hin und hergerissen zwischen zwei Männern, überhaupt auf Identitätssuche, und darin vereint mit den beiden männlichen Figuren, was Schauspieler Anders Danielsen Lie im Gespräch betont – auch um zu verteidigen, dass die weibliche Figur von Männern geschrieben und gedreht wurde. "Auch wenn das Geschlecht eine wichtige Rolle für die Identität spielt, sind wir alle im selben Boot, was die Identitätssuche überhaupt betrifft," sagt Lie. Dieser Prozess achte nicht aufs Geschlecht. Und deshalb glaubt Lie auch, dass es für zwei Männer möglich ist, eine überzeugende Geschichte über eine Frau zu schreiben – und umgekehrt.

Im Grunde: eine Binsenweisheit, aber mit nur vier Frauen im Wettbewerb scheinen solche Verteidigungsreden gehalten werden zu müssen.

Freierer Umgang mit Geschlechteridentitäten

Dabei steckt im Wettbewerb auch eine gute Nachricht: Viele Filme wirken nämlich frei und unbefangen im Umgang mit Geschlecht, Sexualität, Liebe und anderen Identitätsfragen: Catherine Corsini zum Beispiel erzählte 2015 in ihrem Film "Eine Sommerliebe" noch von einer lesbischen Frau in den 70er Jahren, die sich nicht traut, zu ihrer Liebe zu stehen. Keine zehn Jahre später stellt Corsini dem Zuschauer nun wieder ein lesbisches Paar vor Augen. Aber sie zeigt in "La Fracture" nicht, wie dieses Paar um soziale Anerkennung kämpft, sondern wie es die Proteste der Gelbwesten erlebt. Dass die Frauen lesbisch sind, wird völlig beiläufig, selbstverständlich vermittelt.

Ein anderes Beispiel ist Joachim Triers Film "Worst Person in the World": Da ist noch eine alte Vaterfigur im Hintergrund, ein Typ, der sich aus der Verantwortung windet und mit den Frauen der Familie spielt, aber die beiden jüngeren Männerfiguren stellen Fragen nach Emanzipation und Familienmodellen mindestens so eindrücklich wie die weibliche Hauptfigur. Und wen die radikale Auflösung von Geschlechterrollen interessiert, ist bei Julia Ducournau gut aufgehoben. Überhaupt ist die blutbefleckte Haarspange aus "Titate" vielleicht das klarste Symbol dafür, dass die jungen Regisseurinnen sich in Zukunft nicht mehr mit einem Verhältnis von 4:20 zufriedengeben werden.

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