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Frau im Kühlhaus: "Lady Macbeth von Mzensk" in Frankfurt | BR24

© Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

Sehnsucht nach Liebe: Im Straflager

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    Frau im Kühlhaus: "Lady Macbeth von Mzensk" in Frankfurt

    Dmitri Schostakowitschs effektvoller Opern-Reißer um eine Frau, die sich ihren Weg zur Liebe frei mordet, wird bei Regisseur Anselm Weber zu einem wuchtigen Sozialdrama weitab jeder Groteske. Das ist musikalisch von spätromantischer Opulenz.

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    Ist das ein Kühlhaus oder ein Lagerkeller? Ganz egal, jedenfalls ein eisiges, kahles Betonverlies, in dem jede Menge Ratten hausen. Kein Wunder, dass sich Katerina Ismailowa, die Frau des Fabrikchefs, in molliges Kaschmir hüllt. So hält sie die Kälte auf Abstand - aber nicht die Langeweile. Denn außer regelmäßig neues Gift auszustreuen, die Ratten-Kadaver zu entsorgen und das Personal zu schikanieren, bleibt ihr offensichtlich wenig zu tun.

    Wuchtig und archaisch

    Regisseur Anselm Weber, im Hauptberuf Intendant des Frankfurter Schauspiels, und sein Ausstatter Kaspar Glarner zeigen an der Oper Frankfurt eine derb realistische „Lady Macbeth von Mzensk“, keine Karikatur, keine Satire oder Groteske, wie dieser Schostakowitsch sonst oft zu sehen ist, sondern eher ein Schauerdrama. Die Bilder sind wuchtig, archaisch, überwältigend: Der Arbeitskluft der Beschäftigten nach zu urteilen, ist der Schauplatz eine Kohlegrube oder eine Ölförderanlage, jedenfalls hat es irgendwas mit Energie zu tun, denn das Schlafzimmer der Lady sieht verdächtig nach einer Trafostation aus, soviele Drähte und Isolatoren, wie zu sehen sind.

    © Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

    Mörderin in Trauer

    Und Starkstrom hat der damals 26-jährige Schostakowitsch ja tatsächlich komponiert, ein funkenschlagendes Werk geschrieben über eine Frau, die sich so sehr nach Liebe und Zuneigung sehnt, dass sie dafür bereit ist, mehrfach zu morden. Es sind die falschen Verhältnisse, die kein richtiges Lebensglück zulassen, das wusste schon Nikolai Leskow, der 1865 die Novelle schrieb, die als Textvorlage diente, und die Kommunisten, die wollten das natürlich gründlich ändern, nämlich die Frauen aus männlicher Bevormundung befreien, zu gleichberechtigten Arbeitskräften machen.

    © Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

    Familienaufstellung: Katerina mit Mann Sinowi (im Pelzmantel)

    Kein Wunder, dass die "Lady Macbeth von Mzensk" nach der Uraufführung 1934 im damaligen Leningrad von sowjetischen Kritikern zunächst hymnisch gefeiert wurde: Eine Frau, die über Leichen geht, um das alte System zu erledigen, schien eine ideale Heldin zu sein. Schostakowitsch wollte sogar noch zwei weitere Opern über die Frau im Sozialismus zu Papier bringen, aber weil Stalin seine "Lady Macbeth" musikalisch so abscheulich fand, dass sie de facto verboten wurde, verlegte sich der Komponist, der um sein Leben fürchtete, fortan auf weniger gefährliche Kammermusik und Symphonien.

    Ätzend war am Sound wenig

    In Frankfurt erinnert die großformatige, herbe Optik an ein expressionistisches Werk von Richard Strauss, etwa "Elektra" oder "Salome", und Dirigent Sebastian Weigle steuert dazu passend ein fast spätromantisches Klangbild bei - er liebt es opulent und pathetisch, so dick aufgetragen, dass die Zwischenspiele an epische Monumentalfilme erinnern. Das mag manchen erschüttern, ja Schauer über den Rücken jagen, aber was völlig fehlte, war Schostakowitschs Sarkasmus. Ätzend war wenig an diesem Sound, die Persiflage fehlte ebenfalls, mit anderen Worten: Böse war die Musik nicht, es gab deutlich weniger Lacher als in anderen Inszenierungen, die allerdings auch oft ein allzu schablonenhaftes Russland mit lauter besoffenen Machokerlen zeigen.

    © Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

    Die Polizei relaxt

    Da war Regisseur Anselm Weber als "Karikaturist" weit zurückhaltender, selbst die Popen durften bei ihm halbwegs lebensechte Schlawiner bleiben und mussten nicht mit roter Nase albern herumhampeln. Sehr effektvoll und eingängig die Idee, die Hauptdarsteller mit Hilfe einer Virtual-Reality-Brille in eine vermeintlich bessere Welt sehen zu lassen. Die Blumen, die aus dem Computer sprießen, sind schließlich immer bunter als die, die echtes Wasser brauchen. Die Personenführung war so kraftvoll und wohl überlegt, dass hier lauter faszinierende Charakterköpfe beim gegenseitigen Schikanieren zu erleben waren.

    © Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

    Auf der Rutschbahn in den Tod

    Muster-Macho zu introvertiert

    Anja Kampe in der Titelrolle begeisterte mit ihrem zunächst lässigen, dann immer verzweifelteren Auftreten und ihrer ganz großen Stimme, die allen Ausbrüchen gewachsen war, und davon gibt es in diesem Part einige, deren Intensität und Lautstärke sich stetig steigert. Der ukrainische Bass Dmitry Belosselskiy war als tyrannischer Schwiegervater Boris eine erstaunlich moderne Führungskraft, eher sittenstreng als moralisch verkommen. Der russische Tenor Dmitry Golovnin, der in Petersburg als Trompeter begonnen hat, bevor er sich auf den Gesang verlegte, war als Muster-Macho Sergei etwas zu schüchtern, gehemmt und introvertiert, ja fast höflich. Der brutale Aufsteiger war ihm auch stimmlich nicht so recht anzumerken.

    Insgesamt eine sehr ungewöhnliche "Lady Macbeth von Mzensk", als Sozialstudie absolut überzeugend, tiefernst, aber auch etwas altmodisch. Nicht alles, was früher mal futuristisch war, muss ja auch heute noch wie Science-Fiction aussehen.

    Wieder am 14., 17., 22. und 29. November an der Oper Frankfurt, weitere Termine.

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