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Wie die Autorin Franziska Seyboldt lernte, ihre Angst zu mögen | BR24

© Colourbox, Montage: BR

Angst begleitet überall hin

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    Wie die Autorin Franziska Seyboldt lernte, ihre Angst zu mögen

    Beim Arzt, im Job, am Tresen: Franziska Seyboldt kämpft überall mit ihrer Angststörung. Das BR-Hörspiel "Rattatatam, mein Herz" erzählt davon. Ralf Homann hat mit der Autorin über den Umgang damit gesprochen – den praktischen und den literarischen.

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    Es hat einige Jahre gedauert, bis sich Franziska Seyboldt entschloss, ihre Angststörung öffentlich zu machen. Sie "outete" sich mit einem Text in der taz, es folgte das erzählende Sachbuch "Rattatatam, mein Herz". Im gleichnamigen BR-Hörspiel wird die Angst zu einer Person, die das Leben ständig begleitet. "Wie eine nervige Mitbewohnerin, nur eben im eigenen Körper", sagt Seyboldt – eine Mitbewohnerin, die wohl immer zu Hause ist. Das Schreiben hat ihr tatsächlich geholfen. Warum sie es trotzdem nicht als Therapie sehen möchte und was sie Betroffenen rät, erzählt sie im Interview mit Ralf Homann.

    Ralf Homann: In Deutschland sind Angstzustände häufiger als Depressionen, sagt das Robert-Koch-Institut. Können Sie sich erklären, warum trotzdem mehr über Depressionen als über Angststörungen gesprochen wird?

    Franziska Seyboldt: Das mit den Zahlen ist ein bisschen kompliziert. Laut Zahlen sind nämlich zum Beispiel auch viel mehr Frauen betroffen als Männer. Es gibt aber auch Vermutungen, dass sich Frauen häufiger outen als Männer, da Angst ja oft auch mit Schwäche gleichgesetzt wird. Das ist also ein bisschen schwierig zu analysieren, zumal ich ja auch weder Forscherin noch Psychologin bin. Ich bin eben eine, die selbst erfahren hat, wie das ist mit Angststörungen. Das Buch und auch das Hörspiel sind zu hundert Prozent biografisch.

    Im Hörspiel steht die Protagonistin ja im ständigen Dialog mit der eigenen Angst. Diese Personifikation, dieses Reden mit der eigenen Angst – ist das vielleicht auch eine Möglichkeit, mit Angst umzugehen? Oder ein rein ästhetischer Kunstgriff, um die Angst überhaupt erzählen zu können?

    Lustigerweise ist das eigentlich beides. Bei mir war es zunächst ein ästhetischer Kunstgriff während des Schreibens, weil es ja wirklich schwierig ist, Leserinnen und Lesern zu vermitteln ist, wie sich etwas anfühlt, was sie selbst vielleicht noch nie gefühlt haben. Und als ich überlegt habe, wie ich diese Gefühle ausdrücken kann, kam mir die Idee, die Angst zu personifizieren. Im Verlauf des Schreibens hat sich dann aber etwas ganz Interessantes entwickelt: Ich habe irgendwie diese Person der Angst, die ich selbst geschaffen habe, lieben gelernt. Oder zumindest mochte ich sie. Ich fand sie nervig, aber auch irgendwie witzig und konnte mich so eigentlich besser an sie annähern. Und im Rückblick hat es mir dann auch tatsächlich geholfen, noch mal mit der Angst umzugehen. Seit das Buch fertig ist, schaffe ich das in bestimmten Situationen, in denen die Panik wiederkommt oder eine Angstattacke, dass ich ganz bewusst in diesen Dialog reingehe.

    Ist dann das Schreiben auch eine Art Selbsttherapie gewesen?

    In meinem Fall war es das auf gar keinen Fall. Und ich glaube, das wäre auch falsch gewesen. Ich habe sehr, sehr lange vorher überlegt, ob ich überhaupt den Text schreibe, auf dem das Buch basiert. Der war zuerst da, damals in der taz als Titelgeschichte, und das hat jahrelang gedauert. So habe ich mit meinem Therapeuten lange gesprochen, mit meinen Eltern, mit Freunden. Das hätte ich niemals einfach so gemacht. Und das würde ich auch niemandem raten. Es gibt einen bestimmten Zeitpunkt, an dem, glaube ich, ist man bereit und vorher nicht. Und zur Selbsthilfe: Die Therapie selbst, die gehört in die Therapiesitzung und nicht ins Buch.

    Sie selbst sprechen vom "Outen", also, davon sich "zu präsentieren". Woher kommt denn die Angst, sich zu präsentieren?

    Ich glaube, die Angst, sich zu präsentieren, ist gleichzeitig auch schon so ein bisschen die Krux mit der Angststörung. Das hängt ja genau zusammen. Ich hatte mit vielen Betroffenen Kontakt nach dem Text und nach dem Buch, alle erzählen eigentlich das Gleiche. Bei den meisten geht es darum, sich bloß nicht zu blamieren und diese Maske aufzubehalten, schnell sind einem Situationen peinlich, und man möchte ja nicht auffallen. Also diese ganzen blöden Angewohnheiten, die man an den Tag legt, um nicht aufzufallen. Da habe ich manchmal das Gefühl, dass die möglicherweise so ein bisschen der Nährboden dafür sind, dass eventuell eine Angststörung entsteht. Dazu kommen natürlich noch andere Sachen. Das ist dann halt so ein bisschen ein Teufelskreis. Und dann läuft man immer mit dieser Maske rum, das ist wahnsinnig anstrengend.

    © Linda Rosa Saal

    Franziska Seyboldt, Autorin des BR-Hörspiels "Rattatam, mein Herz" hat auch durch Schreiben einen besseren Umgang mit der Angst gelernt.

    Das ist jetzt eine gute Gelegenheit, einmal aus dem Hörspiel zu zitieren. Und zwar eine Stelle, die mir besonders in Erinnerung geblieben ist: Es geht um die Verkehrsinsel in Berlin ...

    Ich stehe auf der Mittelinsel an der Brandenburgischen Straße, dort, wo sie die Konstanzer Straße kreuzt, auf vier Spuren rasen Autos vorbei, je zwei vor und zwei hinter mir. Nachdem ich die eine Straßenhälfte überquert habe, ist die Ampel auf Rot umgesprungen, so dass ich jetzt warten muss auf diesem Streifen Asphalt, auf dem ein paar Grashalme traurig tanzen und der so schmal ist, dass ich, wenn ich umkippen würde, zur Hälfte auf der Straße landen würde mit dem Kopf auf dem Beton. Wenn ich umkippen würde! Warum würde? Die Sonne brennt auf meinen Kopf. Du fällst jetzt! Es ist kurz nach zwölf Uhr mittags ...

    Die Angst kommt hier wie ein Überfall aus dem heiteren Himmel, oder?

    Ja, genau das ist eigentlich ein sehr gutes Beispiel dafür, wie Panikattacken oder Angstattacken gerne losgehen. Nämlich dieses Gefühl des Kontrollverlusts und der Machtlosigkeit. Also man steht da, in diesem Fall jetzt auf dieser Verkehrsinsel, und auf einmal, als würde so ein Schalter im Kopf umgelegt: Klick! Dann geht da irgendwie eine Stimme los, die die eigenen Gedanken wiedergibt. Aber man denkt das auch nicht bewusst. Das ist eben das, was ich als Angst sozusagen outgesourct habe bei meiner Figur. Es ist schrecklich, wenn man diese eigenen schlimmen Gedanken nicht im Griff hat, aber zum Glück auch etwas, das man mit der Zeit lernen kann, mit verschiedenen Strategien.

    Was heißt denn lernen? Lernen hieße für mich jetzt nicht Heilung, sondern lernen heißt, ich gehe permanent mit Angst um?

    Ja, das auf jeden Fall. Lernen heißt, sich bestimmte Mechanismen anzueignen, mit deren Hilfe man die Angst so gut wie möglich im Griff hat. Zum Beispiel, indem man sich bewusst macht, dass man durchaus die Kontrolle hat, dass man seinen Gedanken nicht ausgeliefert ist, dass man diese Angstspirale, die vor allem bei einer generalisierten Angststörung immer losgehen kann, stoppen kann. Das muss man aber üben. Das ist auch etwas, was Verhaltenstherapie zum Beispiel macht. Meditation kann auch helfen, denn dabei merkt man erst mal, was im Kopf eigentlich alles so los ist. Es ist ziemlich schwer, dieses Rauschen im Kopf abzustellen. Das ist aber ein wahnsinnig guter Trick, um auch die Angststörungen in den Griff zu kriegen.

    War es auch eine Intention, als Sie das Buch geschrieben haben, andere anzustupsen, zu sagen: Löst das Problem, geht zu Leuten hin, die euch helfen können?

    Ich wollte anderen Betroffenen mit dem Buch auf jeden Fall helfen. Also erstmal war mir wichtig, denen zu zeigen: Ihr seid nicht alleine, denn das ist ein Gefühl, das ganz ganz oft vorherrscht, und ich finde, deshalb muss man eben auch darüber reden und darüber schreiben. Das mit dem Anstupsen: Ja klar, im besten Fall auch. Und wen ich auch erreichen wollte, das sind die Menschen, die Angststörungen selbst nicht kennen. Wenn jeder Sechste betroffen ist, dann hat man auch vermutlich im Freundes- oder Familienkreis jemanden, der das auch hat. Dafür Verständnis zu schaffen, das war mir wichtig. Und eben das große Ganze: Darüber zu reden, es öffentlich zu machen. Tatsächlich auch mit meinem Klarnamen, weil das mit dieser Stigmatisierung wirklich endlich mal aufhören muss. Es ist jetzt 2020, es wird langsam Zeit. Man ist deshalb nicht verrückt. Das ist nervig, so eine Angststörung, aber nicht peinlich. Trotz allem.

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