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Frankfurter Buchmesse: Eröffnungsfeier ohne Feier und Publikum | BR24

© dpa/pa Arne Dedert

Harte Zeiten für den Buchmarkt: Direktor Jürgen Boos bei der Eröffnungsfeier gestern Abend. Von der Sonderedition der Frankfurter Buchmesse soll in der Corona-Krise ein Signal der Hoffnung ausgehen.

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Frankfurter Buchmesse: Eröffnungsfeier ohne Feier und Publikum

Messestart via Zoom: Gestern Abend wurde die Frankfurter Buchmesse eröffnet – ohne Publikum, das lediglich am Bildschirm dabei sein konnte. Kulturstaatsministerin Monika Grütters nutzte die Gelegenheit für Kritik an Shitstorms und Cancel Culture.

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Kann eine Eröffnung feierlich sein, die ohne Feier und Publikum auskommt? Kann eine Messe eröffnet werden, die nur im Digitalen stattfindet? Und welche Worte findet ein Eröffnungsredner, der gar nicht anwesend ist? Es sind Fragen wie diese, die einen zur Eröffnungsfeier begleiteten.

Die Buchbranche und das Prinzip Hoffnung

David Grossman, israelischer Bestseller-Autor und Friedensaktivist, ließ die Zweifel zumindest für die Dauer seiner Eröffnungsrede vergessen. Nach der Begrüßung "Shalom, dear friends!" sandte Grossman von seiner Wohnung in Jerusalem aus eine bewegende Botschaft. Die Buchmesse hatte ihn gebeten angesichts der Corona-Pandemie über das Thema Hoffnung zu sprechen. Grossman erklärte, die Hoffnung sei ein Substantiv, enthalte aber ein Verb, das in die Zukunft treibe: "Immer in die Zukunft. Immer mit Vorwärtsbewegung. Man könnte die Hoffnung als eine Art 'Anker' betrachten, der aus einer erstickten, verzweifelten Existenz in eine bessere, freiere Zukunft geworfen wird – in Richtung einer noch nicht existierenden Realität, die hauptsächlich aus Wünschen besteht, aus Fantasie." Werde der Anker geworfen, halte er an der Zukunft fest, und die Menschen würden beginnen, sich auf sie zuzuziehen. Laut Grossman ein "Akt des Optimismus".

© dpa/pa Arne Dedert

Messe ohne Publikum: Nur wenige Pressevertreter*innen und Eröffnungsredner*innen durften leibhaftig an der Eröffnungsfeier teilnehmen.

Hoffnung, Nähe, Zusammenhalt – diese Worte fielen immer wieder bei dieser vielleicht ungewöhnlichsten Eröffnungsfeier, die die Buchmesse je erlebt hat. Karin Schmidt-Friderichs, neue Vorsteherin im Börsenverein des Deutschen Buchhandels, erinnerte an die außergewöhnlichen Kräfte, die in den vergangenen Wochen und Monaten aus diesem Zusammenhalt entstanden sind – und sprach vom "Wunder der Buchbranche": "Beinahe über Nacht wandelten sich Präsenzbuchhandlungen in Online-Shops. Leser*innen stöberten im Netz, Buchhändler*innen berieten per Whatsapp, Fahrradkuriere versorgten die Menschen mit dem 'Grundnahrungsmittel Buch'."

Ehrung für Monika Grütters

Tatsächlich wäre der Buchhandel wohl kaum so glimpflich durch die bisherige Corona-Krise gekommen, hätte er nicht großzügige Mittel aus den Fördertöpfen des Bundes erhalten, die Kulturstaatsministerin Monika Grütters vor allem über ihr Förderprogramm "Neustart Kultur" verteilt hat. Auch deshalb erhielt die Staatsministerin zur Eröffnung der Buchmesse die Ehren-Plakette des Börsenvereins und darf sich ab sofort "Förderin des Buches" nennen. Grütters bedankte sich mit einer Liebeserklärung an das Buch: "Eine Förderin des Buches bin ich vor allem als leidenschaftliche Leserin. Wenn jeder so viele Bücher lesen und kaufen würde wie ich, würde es dem Buch noch besser gehen als es ihm schon geht."

Monika Grütters war eine der wenigen hohen Gäste, die zum Eröffnungsfestakt überhaupt nach Frankfurt gekommen waren. Ihre Rede nutzte sie auch für Kritik an aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und erklärte: "Immer wieder allerdings gerät auch die Literatur, gerät auch die Kunst zwischen die Fronten, wo einzelne gesellschaftliche Gruppen mit kompromissloser Selbstgerechtigkeit um Deutungshoheit ringen und ihr Terrain für sakrosankt erklären. Mich beunruhigt das."

© dpa/pa Arne Dedert

Hoffnungsvoll und optimistisch bleiben in der Krise – der Appell kam vom Autor David Grossman, der live aus Israel zugeschaltet war.

Die Kulturministerin spielte auf Shitstorms an, die in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder Künstler, Autoren oder Kabarettisten getroffen haben, weil sie in ihrer Kunst eine vom Mainstream abweichende Meinung vertreten: "Es gehört zum Wesen eines Kunstwerks, dass es verschiedene Interpretationen zulässt – und die Mehrdeutigkeit poetischer Sprache ist genau das, was ein Gedicht von einer amtlichen Verlautbarung unterscheidet," so Grütters. Es war das politischste Statement an diesem Abend, der sonst vollkommen auf die Hindernisse der Pandemie für die Buchmesse fokussiert war.

Erleichtert, aber etwas blass und geschafft nahm Messedirektor Jürgen Boos auf der Bühne Platz und erklärte: "Das war ein sehr anstrengendes Jahr. Wir haben gekämpft für die Buchmesse. Und wir probieren das jetzt aus." Er glaubte es wohl selbst noch kaum. Die digitale Buchmesse 2020 ist eröffnet. Der Rest bleibt ungewiss.

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