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"Frankfurt-Touch" in Tirol: Neustart bei Festspielen in Erl | BR24

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Er will nach den Skandalen seines Vorgängers in die Zukunft schauen: Am 15. Dezember beginnen in Erl unter der neuen Leitung von Bernd Loebe die Winterfestspiele. Erstmals sollen Regisseure eine wichtige Rolle spielen, bisher dominierte die Musik.

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"Frankfurt-Touch" in Tirol: Neustart bei Festspielen in Erl

Er will nach den Skandalen seines Vorgängers in die Zukunft schauen: Am 15. Dezember beginnen in Erl unter der neuen Leitung von Bernd Loebe die Winterfestspiele. Erstmals sollen Regisseure eine wichtige Rolle spielen, bisher dominierte die Musik.

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Traum oder Albtraum, was ist dieses Erl nun eigentlich? Jetzt, im Winter, lockt das Dorf an der Inntalautobahn mit märchenhafter Schneelandschaft, einem luxuriösen Theaterbau, kostenlosem Parkhaus und erlesenen Restaurants. Alles traumhaft also, aber die jüngere Vergangenheit der Festspiele, die war eher gruselig, musste sich der langjährige künstlerische Leiter Gustav Kuhn doch wegen seines ruppigen Führungsstils und sexueller Belästigung verantworten.

Was macht der Neue eigentlich?

Viele böse Schlagzeilen waren die Folge, das Publikum teilweise irritiert. Der neue Chef Bernd Loebe, im Hauptberuf Intendant der Oper Frankfurt, muss also erst mal das Vertrauen nach innen und außen wiederherstellen: "Insgesamt war es nicht so, dass da alles nach dem Rückzug von Gustav Kuhn zusammengebrochen ist und ich würde mir wünschen, dass wir uns doch tatsächlich auf die Zukunft konzentrieren und nicht ständig neue Nebenkriegsschauplätze gefunden werden. Das haben die Mitarbeiter der Festspiele verdient, denn die freuen sich auf die Zukunft, das hat hoffentlich auch ein Publikum verdient. Es gibt natürlich einige Hartgesottene, die seit 20 Jahren zu dem einen Maestro gepilgert sind, die vielleicht jetzt erstmal eine Pause einlegen wollen und werden, um zu schauen, was macht der Neue eigentlich und bringt der vielleicht jetzt das schreckliche deutsche Regietheater nach Erl."

© APA/Picture Alliance

Finanzier Hans-Peter Haselsteiner

Tatsächlich sollen nicht wenige Zuschauer vor dem Regietheater nach Tirol geflüchtet sein, übrigens auch vor den umstrittenen Inszenierungen in Bayreuth. In Erl gab es stattdessen gediegene Bebilderungen, die keinen aufregten – das soll sich nun, mit der kommenden Wintersaison, ändern: "Für mich ist Oper grundsätzlich nur zu ertragen, wenn man alles zusammenbringt, oder das zumindest versucht, es gelingt ja nicht immer. Aber das sollte schon der Ansporn sein. Also kostümierte Konzerte, wenn ich das so sagen darf, wie in der Vergangenheit, die wird es hoffentlich weniger geben. Ich möchte aber auch nicht ein Publikum, das bestimmte Traditionen mitgelebt hat, vor den Kopf stoßen. Ich möchte das Publikum bei der Hand nehmen und vorsichtig, um es so zu formulieren, in eine neue Richtung führen."

Bühne wird aufgerüstet für größere Kulissen

Bernd Loebe hat viel vor, und sein Hauptfinanzier, der ehemalige Bau-Industrielle Hans-Peter Haselsteiner, stellt dafür private Mittel bereit. So werden sowohl das moderne Winterfestspielhaus, als auch das Passionsspielhaus aus den fünfziger Jahren technisch auf Vordermann gebracht. Bernd Loebe: "Wir sind dabei, den Bühnenboden so zu verstärken, dass wir dann tatsächlich etwas schwerere Bühnenteile auf die Bühne bringen können. Das eine oder andere wird auch noch 'unsichtbar' geschehen, so dass diese Bühne, die eigentlich eine Konzertbühne ist, tauglich sein wird für anspruchsvolle Operninszenierungen."

Der Inn spielt mit

In diesem Winter hat Bernd Loebe neben einigen Konzerten und Klavierabenden die Opern „Rusalka“ von Antonin Dvorák und den „Liebestrank“ von Gaetano Donizetti auf den Spielplan gesetzt – da kann eigentlich nicht viel schief gehen: "Ich habe mich in den letzten Jahren in 'Rusalka' verliebt, es ist doch ein unglaublich interessantes, hochromantisches, an die Nieren gehendes Werk, und ich konnte mir vorstellen, dass das als erste Oper meiner Ära in Erl sein Publikum finden könnte. Zum 'Liebestrank' brauche ich nicht viel zu sagen: Wenn man die Sänger zusammenbekommt, von denen man glaubt, dass sie das sehr schön singen, dann ist das schon die halbe Miete." In der "Rusalka" wird übrigens der nahe gelegene Inn eine Rolle spielen, und im "Liebestrank" geht´s etwas sentimental zu, wenn ein altes Ehepaar auf seine Jugendjahre zurückblickt.

© XiomaraBender/Tiroler Festspiele Erl

"Kostümierte Konzerte" soll es nicht mehr geben

Im kommenden Sommer wartet ein neuer „Lohengrin“ auf das Erler Festspielpublikum, im darauffolgenden Jahr (2021) startet mit dem „Rheingold“ ein neuer „Ring“ in der Regie der langjährigen Innsbrucker Intendantin Brigitte Fassbaender. Richard Wagner ist sozusagen der Brot- und Butter-Komponist der Festspiele. Und klar ist: Die Inszenierungen werden deutlich ehrgeiziger sein als bisher. Bernd Loebe fühlt sich da in der Pflicht: "Erl wird in den nächsten Jahren sicherlich einen 'Frankfurt-Touch' haben, denn viele Künstler, die in Frankfurt groß geworden sind, die werden sich auf diese Weise bei mir bedanken. Da geht´s auch um Dirigenten, denen ich am Anfang ihrer Karriere zur Seite gestanden habe und diese Karriere erst mit ermöglicht habe. Die fragen nicht erst nach der Gage, wenn sie nach Erl kommen, sondern sie kommen aus Freundschaftsgründen. Das ist meine Hoffnung, dass ich auf diese Weise auch das musikalische Niveau weiter steigern kann."

Die Wintersaison in Erl beginnt am 15. Dezember 2019 mit dem "Weihnachtsoratorium" von Johann Sebastian Bach, vom 26. Dezember 2019 bis 06. Januar 2020 stehen u.a. die Opern "Rusalka" und "Der Liebestrank" auf dem Spielplan.

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