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Frankfurt, Amazonas, Rom: Die Kirche muss sich neu erfinden | BR24

© picture alliance / Sodapix AG

Regenbogen hinter Kirchturm über der Gemeinde Hilterfingen am Thunersee.

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    Frankfurt, Amazonas, Rom: Die Kirche muss sich neu erfinden

    Die katholische Kirche steckt in einer der schwersten Krisen ihrer Geschichte: Der Missbrauchsskandal hat viel Vertrauen gekostet. Einer eigenen Studie zufolge halbiert sich die Zahl der Gläubigen bis 2060. Reformen sollen jetzt die Wende bringen.

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    Selten gab es so viele Demonstrationen als Begleitmusik einer Bischofskonferenz wie vergangene Woche in Fulda. Zum Beispiel die Kundgebung der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (KFD) zum Auftakt der Herbstvollversammlung. Und selten gab es auch so viele Bischöfe, die offen den Dialog mit den Demonstrierenden gesucht haben.

    Reformprozess: "Synodaler Weg" beginnt am 1. Advent

    In Fulda gab es einen kleinen Vorgeschmack auf den Synodalen Weg, bei dem Bischöfe und Vertreter der Kirchenbasis gemeinsam über mögliche Reformen nachdenken werden. Ab dem 1. Advent im Frankfurter Dom. Bei diesem Weg soll als Reaktion auf den Missbrauchsskandal über die Rolle von Frauen in der Kirche, über Sexualmoral, den Zölibat und Macht gesprochen werden.

    Der letzte Punkt ist Rebekka Biesenbach von der Katholischen Jungen Gemeinde (KjG) besonders wichtig: "Kirche ist ein hierarchisches System, das ist uns allen klar. Und dadurch, dass es nur Männer sind, entstehen Männerbünde. Und um das aufzubrechen, ist ein Weg, Macht zu teilen, im Team. Und das nicht nur unter Männern, sondern unter der Beteiligung von Frauen."

    Einsprüche aus Rom: Vatikan äußert Bedenken

    Beim Abschlussgottesdienst der Bischofskonferenz in Fulda vergangene Woche trat die Männerdominanz der katholischen Kirche wieder deutlich zum Vorschein, beim feierlichen Einzug der Kardinäle, der Bischöfe und Weihbischöfe in den Fuldaer Dom. Doch auch viele deutsche Bischöfe wollen mittlerweile Reformen: In Fulda haben sie beschlossen, den "synodalen Weg" weiterzugehen - trotz Einsprüchen aus Rom.

    Vor zwei Wochen kam ein Brief aus dem Vatikan. Es sei doch offensichtlich, dass die Themen des Synodalen Wegs nicht nur die Kirche in Deutschland, sondern in der ganzen Welt betreffen, heißt es in einem Gutachten des "Päpstlichen Rates für Gesetzestexte". Wie könne da eine Teilkirche verbindliche Beschlüsse fassen? Kardinal Marx zeigte sich empört:

    "Dass also hier nur die Idee aufkommen konnte, von wem auch immer, die Kirche in Deutschland wolle einen Sonderweg gehen, sich von der Weltkirche lösen. Ich finde das abenteuerlich, solche Unterstellungen, die kein Bischof je gesagt hat." Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz

    Entscheidungen des Synodalen Wegs sollen verbindlich sein

    Allerdings hatten sich die Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken darauf verständigt, dass die Verbindlichkeit der getroffenen Entscheidungen ein wesentliches Kriterium des Reformprozesses ist. Nur mal angenommen, die Synodalversammlung würde beschließen, dass Frauen in Deutschland zu Diakoninnen geweiht werden können. Was geschieht dann?

    Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick ist Kirchenrechtsexperte und sozusagen der Chefjurist der Deutschen Bischofskonferenz. Für ihn ist klar, dass "wenn ein Votum kommt, das die Gesamtkirche betrifft, dann wird es auch an die Gesamtkirche weitergeleitet. Und Repräsentant der Gesamtkirche ist der Papst. Und dann muss man mit ihm dieses Votum besprechen und sehen, was dabei herauskommt."

    Vatikan kritisiert ausgeglichene Zusammensetzung von Bischöfen und Laien

    Der Vatikan hat auch die ausgeglichene Zusammensetzung der Synodalversammlung aus Bischöfen und Nichtbischöfen kritisiert: "Die Parität von Bischöfen und Laien kann kirchenrechtlich keinen Bestand haben." Außerdem wird die Entscheidungsfähigkeit des Synodalen Wegs in Frage gestellt: "Die Erarbeitung ist eine synodale Aufgabe, die Entscheidung ist eine Verantwortung des Amtes", steht fett gedruckt in dem Brief. Soll heißen: Die Bischöfe dürfen nicht überstimmt werden.

    Dieser Sorge hat die Bischofskonferenz Rechnung getragen. Die Hürden für die Annahme eines Vorschlags sind hoch. Kardinal Marx erklärt, dass es neben der Abstimmung in der gesamten Versammlung eine Abstimmung der Bischöfe geben werde. "Und wenn die Zweidrittel-Mehrheit der Bischöfe nicht erreicht wird, ist die Vorlage abgelehnt. So ist das", sagt Marx und ergänzt: "Da ist der Druck, Einmütigkeit herzustellen, auch unter den Bischöfen, hoch. Das ist nun mal ein synodaler Weg und kein parlamentarischer. Das muss man wissen."

    Kardinal Marx freut sich auf "kontroverse Diskussionen"

    Der synodale Weg stellt allerdings die "Einmütigkeit" der Bischöfe auf eine Bewährungsprobe - noch bevor er überhaupt losgegangen ist. Während der Konferenz in Fulda veröffentlichte der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer eine Stellungnahme, warum er prinzipielle Bedenken gegen den Reformprozess habe. Die Erklärung des Bischofs erschien auf einigen konservativ-katholischen Internetseiten, ein Interview wollte der Bischof dem BR aus Zeitgründen nicht geben. An den Synodalversammlungen will er trotz seiner Bedenken teilnehmen.

    Der Vorsitzende der Bischofskonferenz Kardinal Marx freut sich auf kontroverse Diskussionen beim synodalen Weg. Endlich werde mal direkt gesprochen und nicht Diskussionen indirekt über die Medien ausgetragen. Eine Minderheit im deutschen Episkopat fremdelt aber ganz offensichtlich mit dem neuen Stil. Nicht nur der Regensburger Bischof, auch der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hat gegen den Satzungsentwurf für den synodalen Weg gestimmt. Tenor der Kritik: Die katholische Kirche muss sich um die Glaubenskrise im Land kümmern, und nicht um Strukturfragen. Voderholzer wirft den Initiatoren des Synodalen Wegs außerdem "Unaufrichtigkeit" vor. Die Missbrauchskrise werde nach dieser Logik verzweckt, um den Forderungskatalog reformorientierter Katholiken abzuarbeiten.

    Konservative machen Stimmung gegen Amazonas-Synode

    Dasselbe Muster konservativ-klerikaler Kritik findet sich auch bei der Auseinandersetzung um die Amazonas-Synode, die am kommenden Wochenende in Rom beginnt. Die Synode könnte dem Papst empfehlen, auch verheiratete Männer zu Priestern zu weihen. Begründet wird das mit einem pastoralen Notstand im riesigen Amazonien. Hier kommen auf einen Priester 6.700 Gläubige - und die leben meist weit verstreut. In manchen Gemeinden findet nur einmal pro Jahr eine Eucharistiefeier statt.

    Der Lateinamerika-Bischof der deutschen Bischofskonferenz Franz-Josef Overbeck versucht die Kritiker zu beschwichtigen: "Wir wollen nicht den Zölibat abschaffen. Das ist falsch. Aber die Möglichkeit über den Weg der Dispens, den Weg zum Priesteramt zu finden, sollte auf jeden Fall bedacht werden. Wir von Seiten der Kirche in Deutschland, die wir über Adveniat Mitverantwortung in der Unterstützung der Kirche in Südamerika und der Karibik tragen, sind der Meinung, dass wir auf jeden Fall über einen solchen Vorschlag ernsthaft nachdenken müssen."

    Reformen in der Kirche: Kettenreaktionen nicht ausgeschlossen

    Bewegt sich etwas in der katholischen Kirche? Kettenreaktionen sind nicht ausgeschlossen. Denn wie kann etwas, das in einer Weltregion möglich ist, in einer anderen Region verboten sein? Und wenn sich nichts bewegt? Ein Bischof in Fulda malte für dieses Szenario ein düsteres, vielleicht zu düsteres Bild an die Wand:

    "Wenn wir das jetzt nicht machen, dann können wir den Laden zusperren."