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Schwimmend und schreibend raus aus der Krise | BR24

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Die eigenen Gedanken und Gefühle permanent zu überprüfen, ist eine politische Aufgabe, sagt Frank Witzel. 2015 erhielt er den Deutschen Buchpreis. In seinem neuen Werk ergründet er, warum das Scheitern im Denken auch Erkenntnis ist.

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Schwimmend und schreibend raus aus der Krise

Die eigenen Gedanken und Gefühle permanent zu überprüfen, ist eine politische Aufgabe, sagt Frank Witzel. 2015 erhielt er den Deutschen Buchpreis. In seinem neuen Werk ergründet er, warum das Scheitern im Denken auch Erkenntnis ist.

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Als "metaphysisches Tagebuch" bezeichnet Frank Witzel seine täglichen Eintragungen, die er vom 23. September bis 23. November 2018 notiert hat. 2015 erhielt der Autor von "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" den Deutschen Buchpreis. Unter dem Titel "Uneigentliche Verzweiflung“ hat er jetzt ein besonderes Schreibprojekt veröffentlicht. Alltägliche Ereignisse, Personen, Begegnungen werden zum Anlass für philosophische Reflexionen über Angst, Liebe, Glaube, Schuld. Vorgeführt wird ein Denken im Prozess des Schreibens, das alles andere als Gewissheiten oder Sicherheit produziert. Stephanie Metzger hat mit Frank Witzel über Grade des Authentischen, die Lust an der Hölle und Medien des Denkens gesprochen.

Stephanie Metzger: Zwei Monate, tägliche Einträge ins Tagebuch und immer wieder das Schwimmen: "Uneigentliche Verzweiflung" ist eine Art Experiment, manchmal hat man auch das Gefühl, es ist Therapie, immer ist es philosophisches Fragen zu ganz großen Themen. Was war für Sie der konkrete Anlass für dieses Tagebuch?

Frank Witzel: Der Anlass war eine Art Krise. Es beginnt ja damit, dass ich auf die Idee komme, mich gewissen Themen, gewissen Problematiken, das was mich beschäftigt, das was mich umtreibt, mich dem einmal anders zu nähern als ich es sonst mache, nämlich indem ich mich an den Schreibtisch setze und schreibe. Und zwar auf eine bestimmte Art und Weise schreibe. Das heißt, Texte verfasse, die auch fiktiv sind, eine Mischung aus Fiktion und immer auch autobiografischem Anlass. Hier ging es mir darum, tatsächlich beim Denken zu bleiben bei den kleinen Anlässen aus dem Alltag und diese zu überführen in ein Nachdenken. Deswegen hat das Buch auch den Titel "metaphysisches Tagebuch", weil es kein Tagebuch im eigentlichen Sinne ist.

Der Titel setzt mit "Uneigentliche Verzweiflung" eine ganz große Kategorie über dieses Projekt, das Sie gerade beschrieben haben. Darin stecken für mich zwei Setzungen, zum einen: Leiden und Unglück sind Ausgangspunkte solcher Denkprozesse. Und zum anderen ist Denken auch Distanzierungsmoment von diesem Leiden, denn das steckt ja in der Formulierung von der Uneigentlichkeit.

Ich glaube, dass der Begriff der Uneigentlichkeit mehrere Bedeutungen hat. Zum einen die, die Sie genannt haben. Also, dass die Beschäftigung mit dem Ausgangsmoment immer ins Uneigentliche hineinführt. Aber gleichzeitig versuche ich genau das zu hinterfragen, ob nicht auch das Leiden, was ich als Leiden annehme, oder das, was als Ängste auftaucht, ob das nicht uneigentlich ist. Ich habe mich ja immer im Verdacht, dass diese Gefühle auch keine wirkliche Authentizität haben. Also dass sich dort schon gleich von Anfang an eine Haltung hineinmischt, die vielleicht auch zu überdenken ist. Und zwischen diesen beiden Polen, also der Uneigentlichkeit des Schreibens aber auch der Reflexion, ob dieses Erleben eigentlich "eigentlich" ist oder nicht vielleicht auch "uneigentlich", da bewegt sich mein Denken in diesen zwei Monaten sehr stark hin und her.

Gibt es eine Ebene des Gefühls oder Emotionalen, das dem auskommen würde oder eben nicht? Gibt es Stufen des Authentischen?

Ja, mein Denken in diesem Tagebuch versucht ja etwas zu lösen, versucht herauszufinden, was ich bin, was diese Gefühle bedeuten. Ob diese Gefühle von außen an mich herangetragen werden und ich darauf nur reagiere, oder ob diese Gefühle natürlich auch eine Wahrnehmung meiner Außenwelt sind. Und ich merke natürlich, dass meine Wahrnehmung eingeschränkt ist, dass meine Reflexionsmöglichkeiten eingeschränkt sind. Das ist ein ständiger Prozess, aber er zielt natürlich schon auf eine Lösung, sonst gäbe es gar nicht diesen Eifer, mit dem ich jeden Tag wieder ran gehe.

Diese Lösung, das ist ja diese Frage nach dem Immer-Gleichen, sich gar nicht mehr einer Leidenschaft oder dem Leiden stellen müssen, sondern einfach das Annehmen. Diese Paradies-Vorstellung, die aber zugleich immer auch eine Art von abschreckender Idee in sich trägt für jemanden, der an diesem Leiden durchaus noch Lebendigkeit empfindet.

Wenn man leidet, dann stellt man sich ja automatisch etwas vor oder man sehnt etwas herbei, was man als das Nicht-Leiden bezeichnen könnte. Aber, wie sieht das denn aus? Das heißt, ich denke dann natürlich: Ja, dieses Leiden, was ich jetzt empfinde, ist dann nicht da. Aber reicht das eigentlich aus oder ist das überhaupt eine Option? Ist es eine Alternative? Und dann kommt man automatisch auf solche aus der Religion stammenden Begriffe oder Vorstellungswelten, nämlich eben Hölle oder Paradies. Und wenn man die von außen ansieht – wenn man allein das nimmt, was Dante sehr ausführlich beschrieben hat – dann drängt sich zumindest mir der Eindruck auf, dass das Paradies doch irgendwie sehr langweilig, sehr statisch ist. Was geschieht denn da überhaupt noch? Während in der Hölle noch viel passiert. Und dann gibt es auch noch so einen Zwischenbereich, den der Vorhölle, des Fegefeuers, des Purgatoriums, den man vielleicht am ehesten mit dem Leben oder unserem Leben oder der Welt vergleichen könnte, weil man die Möglichkeit hat in beide Richtungen zu gehen.

© Matthes & Seitz Berlin

Frank Witzel - "Uneigentliche Verzweiflung"

Dieses Tagebuch spiegelt auch einen Lektüreprozess wider, was natürlich bei jedem Schreiben der Fall ist, aber wie würden Sie diesen Lektüreprozess beschreiben? Wie gesteuert war er, also etwa auch die Entscheidung, ich interessiere mich jetzt für Schriften von Simone Weil (1909–1943) zum Beispiel?

Simone Weil spielt da eine besondere Rolle, denn ich kannte sie in diesem Sinne nicht und sie begleitet mich sozusagen in der Lektüre, aber auch in ihrer Biografie. Weil ich gewisse Parallelen entdecke. Sie bewegt sich sehr stark im Denken. Gleichzeitig hat sie eine große Praxis, sie ist ja zu den Arbeitern zu Renault gegangen – in den 1930er-, 1940er-Jahren – also sie hat auch immer versucht, ihr Denken irgendwie umzusetzen. Gleichzeitig hat sie sich sehr stark mit Religion auseinandergesetzt, sie war Jüdin, hat sich aber vor allem mit dem christlichen Glauben beschäftigt, sich aber nie taufen lassen. Sie bewegt sich also zwischen verschiedenen Welten und ich habe sie tatsächlich wie eine Begleiterin empfunden, nicht nur ihr Werk, sondern auch immer ihre Biografie.

Ist dieser Weg vom Denken hin in die Gesellschaft zu wirken, also hin zum Tun und zum Handeln, ein Dilemma, das Sie jetzt gerade in Bezug auf Simon Weil angedeutet haben, auch Ihres?

Ja. Ich stelle ja immer meine Gefühlswelt oder auch meine Position, also auch die recht privilegierte Position, dass ich mich zwei Monate nur mit meinen Gefühlen und Gedanken beschäftigen kann, die stelle ich natürlich auch in Frage. Ich habe diesen Pascal-Satz, der sehr bekannt ist...

....Sie meinen: "Alles Unglück kommt daher, dass wir nicht daheim in unserem Zimmer bleiben können, um zu verstehen, was es mit unserer Existenz auf sich hat..."

Genau, diesen Satz, den ich ja auch auf mich beziehe und auch tatsächlich einen tollen Satz finde, aber gleichzeitig wird der ja auch aus einer privilegierten Position gesagt. Nämlich aus der Position dessen, der es sich leisten kann, den Raum nicht zu verlassen. Die meisten Menschen müssen aus dem Haus, um ihrer Arbeit und oft auch sogar einer entfremdeten Arbeit nachzugehen. Und denen dann diesen Satz zu sagen, das hat für mich auch fast etwas Zynisches. Ohne damit die Aussage von Pascal schwächen zu wollen. Und früher, also in der Zeit, in der ich aufgewachsen bin, ich erinnere mich da an ein Gespräch, was mich damals sehr beeindruckt hat, zwischen Franz Xaver Kroetz und Peter Handke. Wo Kroetz zu Peter Handke gesagt hat, na ja, er müsse einfach mal – das ist Anfang der 1970er-Jahre – an der Tankstelle arbeiten, da würden ihm schon diese Gedanken vergehen. Das fand ich damals eine fürchterliche Position, weil ich natürlich auf Seiten von Peter Handke immer war und eigentlich auch noch bin, also dass man etwas verfeinert, zum Beispiel die Wahrnehmung. Aber Franz Xaver Kroetz hatte auch einen Punkt, den ich immer im Hinterkopf habe, als Kind der 1960er-Jahre ohnehin: Was bedeutet das denn für andere? Was bedeutet das gesellschaftlich? Also, was kann ich gesellschaftlich leisten. Vielleicht, mich zumindest in meiner privilegierten Position in Frage stellen.

Das wäre die Antwort auf die Frage nach der gesellschaftspolitischen Dimension?

Nein, das wäre mir zu wenig.

Was wäre noch die Antwort?

Ich glaube, ich bin auf der Suche nach einer Antwort. Ich komme auch dahinter, dass natürlich dieses Denken – das kann ja auch stellvertretend stattfinden: Hier setzt sich jemand hin, denkt zwei Monate und denkt vielleicht auch in Richtungen, bei denen man von außen erkennen kann, das sind ja Sackgassen oder Holzweg oder Fehlschüsse, die er da zieht. Und daraus kann man vielleicht etwas lernen, das ist das eine. Also praktisch an meinem Scheitern etwas lernen. Aber das andere, was mich auch interessiert, ist, das zu hinterfragen, was wirklich Denken ist, was Gefühle sind, was auch Praxis ist. Also zum Beispiel auch dahin zu kommen, dass ich mein Denken, mein Fühlen und damit auch gewisse Ressentiments natürlich infrage stelle. Das heißt, dass ich nicht nach außen gehe und sage, da passiert das und ich habe sofort eine Meinung dazu, sondern ich komme darauf, dass meine Meinungen doch sehr fragwürdig sind, dass selbst meine Gedanken, mit denen ich mich über längere Zeit auseinandersetze, recht fragwürdig sind.

Es ist praktisch die Vorführung einer Übung im sich befragen als produktive Kraft vielleicht auch für eine Gesellschaft, die das immer mehr verlernt?

Genau, also das würde ich als einen Effekt sehen. Es ist auch eine Reaktion teilweise darauf, dass ich denke, es wird immer dem anderen vorgeworfen, dass er dumm ist, und ich versuche herauszufinden, wo ich dumm bin.

Ich habe noch eine Frage nach dem Medium dieses Denkens, nämlich der Sprache. Im Vergleich zu dem, was Sie auch als Prozess beschreiben, nämlich das Schwimmen, also der Körper. Diese Analogien, die Sie da immer wieder ziehen oder auch die Abgrenzungen. Ich frage Sie auch als jemand, der Musik macht oder zeichnet, nach der Medialität des Denkens.

Denken ist für mich letztendlich ein Schreiben, also wenn ich das Schreiben aufhöre, dann wird es recht schnell konfus, es sei denn ich übertrage das Schreiben in mein Denken, also ich formuliere sozusagen in fertigen Sätzen. Trotzdem gibt es ja eine andere Form von Denken. Das Schwimmen ist da eine Körperlichkeit. Ich überlege ja auch da: Es gibt gewisse Überforderungen beim Schwimmen, kommen die jetzt durch den Körper, möchte der Körper weiter, kann sich ein Körper überfordern? Oder kann ich selbst beim Schwimmen das Denken nicht rauslassen? Gleichzeitig strebe ich das an. Dann merke ich, dass ich auch im Körperlichen Vorstellungen habe, wie das Schwimmen aussehen könnte. Also, ich versuche das Denken in verschiedenen Medien aufzugreifen.

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