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François Ozons "Gelobt sei Gott" gerät zum Missbrauchs-Dokudrama | BR24

© Bayern 2

Mit großer Empathie versetzt sich François Ozon in seinem neuen Film "Gelobt sei Gott" in drei Missbrauchs-Opfer. Es geht ihm weniger um eine Abrechnung mit der Kirche als eine Aufforderung zu Solidarität und kritischer Aufklärung.

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François Ozons "Gelobt sei Gott" gerät zum Missbrauchs-Dokudrama

Mit großer Empathie versetzt sich François Ozon in seinem neuen Film "Gelobt sei Gott" in drei Missbrauchs-Opfer. Die Unmittelbarkeit und der dokumentarische Charakter sind ungemein intensiv. Auf der Berlinale 2019 gab es dafür den Silbernen Bären.

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Diese Szene vergisst man so schnell nicht mehr: Alexandre, der als Junge in einem Pfadfindercamp von dem Priester Bernard Preynat missbraucht wurde, trifft als Erwachsener Jahre später auf seinen Peiniger, begleitet von einer kirchlichen Mediatorin.

Ein Raum mit hohen Fenstern, durch die aber nicht viel Licht fällt. Ein großer Tisch in der Mitte. Rechts sitzt Alexandre. Links der Priester. In der Mitte die Mediatorin. Regisseur François Ozon hat die fünfminütige Szene wie ein kleines Kammerspiel innerhalb des Films inszeniert. Wechselnd wird auf die Gesichter der drei Beteiligten geschnitten. Der Hintergrund bleibt dunkel, die Köpfe bekommen genug Licht, der Zuschauer verpasst keine Regung.

Missbrauchsopfer ohne Voyeurismus in Szene gesetzt

Ozon schafft es, keinen Voyeurismus zu bedienen. Seine Erzählweise ist eher nüchtern als dramatisch, zurückhaltend und gegenüber den Opfern würdevoll. Priester Preynat fragt beim Hereinkommen Alexandre, wie es diesem gehe, was er mache, ob er Familie habe. Smalltalk. Man kann die Spannung im Raum greifen. Dann stellt Alexandre die wesentlichen Fragen.

Voller Selbstmitleid und ohne Verständnis für seine Opfer versucht Bernard Preynat seine Haut zu retten. Der Verweis auf seine Krankheit soll ihn der Verantwortung entbinden, nur – Konsequenzen haben weder er noch seine Vorgesetzten gezogen. Der Priester arbeitet nach wie vor mit Kindern. Wieder ist es Alexandre, der konstruktiv um Aufarbeitung kämpft.

Der große Kampf um Glauben und Zweifel

Einige der vielen Opfer von Bernard Preynat finden im Laufe des Films zusammen und bilden eine Solidargemeinschaft, die an die Öffentlichkeit geht. François Ozon fokussiert seine Erzählung auf die Geschichte von drei Betroffenen."Gelobt sei Gott" ist ein Triptychon, das schließlich zu einem großen Kampf um Glauben und Zweifel wird, zu einem Werk, das von einem unbedingten Ringen um Gerechtigkeit berichtet. Auch von der Scham und den Bedenken vieler ehemaliger Opfer, die sich anfangs scheuen, ihre eigenen Geschichten publik zu machen.

© Pandora Film

Alexandre Guérin (Melvil Poupaud) in Ozons "Gelobt sei Gott"

Man merkt dem Film an, dass er schnell entstanden ist, eher als eine Art Dokudrama denn als durchkomponiert fiktives Werk. Diese Unmittelbarkeit spürt man jede Sekunde. François Ozon hat "Gelobt sei Gott" in Frankreich ins Kino gebracht, bevor dieses Jahr im März die erste Klage der Missbrauchsopfer verhandelt wurde: Vor Gericht musste sich der Lyoner Kardinal Philippe Barbarin verantworten, der mehr als 70 Missbrauchsfälle des ihm unterstehenden Bernard Preynat vertuscht hatte. Er wurde zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten auf Bewährung verurteilt. Vor zwei Monaten dann hat ein Kirchengericht Preynat seines Amtes enthoben. Weitere Verfahren stehen noch an.

Auf der Berlinale in diesem Jahr wurde "Gelobt sei Gott" mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet – vollkommen zurecht. François Ozon beweist Haltung und hat sich in die Missbrauchsopfer mit großer Empathie hineinversetzt. Sein Film ist weniger eine Abrechnung mit der Kirche als eine Aufforderung zu Solidarität und kritischer Aufklärung.

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