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"Identität": Francis Fukuyama scheitert wieder an der Gegenwart | BR24

© picture alliance/DPR

Francis Fukuyama

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    "Identität": Francis Fukuyama scheitert wieder an der Gegenwart

    Anfang der 1990er-Jahre war die Welt im Umbruch. Francis Fukuyama wollte das Erklärbuch dazu liefern, sein "Ende der Geschichte" wurde zum Bestseller. Nun schreibt er ihn fort - und verstrickt sich in der Komplexität seines Hauptbegriffs: Identität.

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    Es gibt Autoren, die werden mit einem einzigen Text weltbekannt. Zu ihnen gehört der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama: Anfang der 90er-Jahre veröffentlichte er einen Essay mit dem Titel "Das Ende der Geschichte". Die Hauptthese war von Hegels Geschichtsphilosophie inspiriert. Sie lautete, mit dem Zerfall des Sowjetkommunismus hätten sich Marktwirtschaft und Demokratie endgültig als historisches Ziel gesellschaftlicher Entwicklung erwiesen.

    Das Verlangen nach Respekt

    Die einen feierten Fukuyama als modernen Klassiker der politischen Theorie, die anderen kritisierten seine These als naives Fortschrittsdenken, das blind sei für die inneren Widersprüche des Kapitalismus. Und bekanntlich ging sie ja dann doch weiter, die Geschichte. Sie spitzte sich sogar mit neuen Konfliktlinien zu, dem politischen Islamismus etwa. Francis Fukuyama kam nicht selten in die Lage, seine Diagnose zu verteidigen und mit der Wirklichkeit abzugleichen. Auch seinen neuen Band will er nicht als Revision verstanden wissen, sondern als Fortschreibung des "Endes der Geschichte": als Versuch zu verstehen, wie es möglich ist, dass die liberale Demokratie auch wieder verfallen und sich rückwärtsentwickeln könne.

    Ohne Donald Trump wäre das Buch nicht geschrieben worden, das konstatiert der Autor gleich im ersten Satz: Wie konnte es passieren, dass Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde? Dass die Briten für den Brexit stimmten und populistische Führer weltweit an Zulauf gewinnen? All das hat für Francis Fukuyama auch ökonomische Gründe, doch die Kernbegriffe seiner Analyse sind Identität, Würde, Anerkennung. Fukuyama bezieht sich auf Platons Konzept des "Thymos", jenes Seelenteils, der mit Zorn, Stolz, Ehrgeiz und dem Verlangen nach Respekt zu tun hat. Für Fukuyama ist das ein universeller Teil der menschlichen Psyche, den Wirtschaftstheorien kaum erfassen, wenn sie ein Kalkül der Nutzenmaximierung ihren Modellen menschlichen Verhaltens zugrunde legen.

    Bei Platon waren es vor allem die Krieger und Wächter, denen der Thymos zugesprochen wurde und die entsprechenden Respekt für sich einfordern konnten. Die Moderne dagegen spricht dieses Recht grundsätzlich jedem zu, sie "demokratisiert" diese Würde gewissermaßen. Womit wir nach Francis Fukuyama bereits mitten in den Verstrickungen der Identitätspolitik wären: Wo jeder in seiner Besonderheit wahrgenommen und anerkannt werden will, wird es immer schwieriger, sich auf Gemeinsamkeiten zu verständigen. Die Linke, so der Autor, konzentriere sich dann auf Vielfalt und die Belange von Migranten, Homosexuellen oder Schwarzen, die Rechte reagiere mit einer Politik im Dienste von Nation, Rasse oder Religion – auch Islamismus ist für Fukuyama wesentlich Identitätspolitik.

    Nationalbewusstsein statt Gruppenidentität

    Und was wäre der Zersplitterung der Gesellschaft auf der einen, dem populistischen Flirt mit dem Autoritären auf der anderen Seite entgegenzusetzen? Fukuyamas Antwort lautet: Die Lösung liege nicht darin, die Idee der Identität aufzugeben, die er inzwischen ohnehin für zu mächtig hält. Vielmehr gelte es, "größere und einheitlichere nationale Identitäten zu definieren, welche die Mannigfaltigkeit liberaler demokratischer Gesellschaften berücksichtigen." Wir bräuchten also ein neues Nationalbewusstsein. Eines, das nicht mit Rasse, Ethnie oder Religion verknüpft sei, sondern mit einem staatsbürgerlichen Bekenntnis zu Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung und demokratischen Prinzipien.

    Das klingt beinahe dialektisch aufklärerisch, hat aber einen Haken: Populistischen Bedürfnissen wäre damit schlicht nicht beizukommen. Denn deren Forderung nach Respekt ist keineswegs auf Gleichberechtigung aus, sondern auf Privilegien – für das deutsche Volk, den weißen Mann oder das heterosexuelle Paar. Hierzulande zeigt sich das etwa an der leidigen Leitkultur-Debatte, die auch bei Fukuyama vorkommt: Wenn Leitkultur meinen soll, sich zur Verfassungsordnung zu bekennen, heißt das zum Beispiel: Christliche Kreuze haben eben gerade nicht mehr Recht auf öffentliche Präsenz als die Symbole anderer Religionen. Das bedeutet aber auch: Die Forderung von Minderheiten nach Gleichberechtigung und das neue Selbstbewusstsein populistischer Nationalisten sind als verwandte Spielarten von Identitätspolitik nicht wirklich zu packen.

    Thymos als gerechter Volkszorn

    Genau das aber versucht Francis Fukuyama in seinem Buch. Neu ist das freilich ebenso wenig wie die noch einmal aufgerufene Debatte um einen überschießenden Multikulturalismus, der gefährlich nahe an eine Aufhebung universaler Menschenrechte geraten kann. Das alles ist in der jüngeren Vergangenheit bereits bis auf die konkrete Ebene von Schwimmunterricht für muslimische Schülerinnen diskutiert worden. Auch sonst wiederholt der Autor bekannte Thesen: Die "Thymos"-Theorie stammt aus seinem Bestseller vom "Ende der Geschichte", in Deutschland wurde sie von Peter Sloterdijk adaptiert und von AfD-Theoretikern wie seinem Schüler Marc Jongen als Beschreibung gerechten Volkszorns politisch ausgebeutet. Fukuyamas historische Exkurse zur Geburt des modernen Subjekts aus dem Geiste der Reformation versammeln – mitunter etwas handbuchartig – ebenfalls weitgehend Bekanntes.

    Doch einige konkrete Vorschläge hat Fukuyama auch noch zur Hand: die Ablegung eines Treueeids bei der Einbürgerung von Zuwanderern zum Beispiel, die Einführung eines zivilen oder militärischen Pflichtdienstes für alle, die zur "Bekenntnisnation" dazugehören wollen, entschlossene Kontrolle von Außengrenzen und eine Politik, "die sich auf die Assimilation von Ausländern konzentriert". Dass sich damit allerdings, wie Fukuyama fast schon treuherzig annimmt, den "aufstrebenden Populisten" der "Wind aus den Segeln" nehmen ließe, darf bezweifelt werden.

    Donald Trump und das aufgeschobene "Ende der Geschichte"

    Und Donald Trump? Auch der kam bereits im "Ende der Geschichte" vor, in Kapitel 31 – als positives Beispiel eines persönlichen Geltungsdrangs, den die historisch siegreiche Marktwirtschaft sozusagen gezähmt habe, indem sie ihm Betätigungsfelder zur Verfügung stellt, die die Demokratie nicht gefährden. So zumindest hatte sich das Fukuyama Anfang der 1990er-Jahre gedacht. Er stellte allerdings zugleich schon die etwas bange Frage, wie lange sich die "Megalothymia", der Ehrgeiz, von anderen als überlegen betrachtet zu werden, mit den "metaphorischen Kriegen und den symbolischen Siegen" der Reichen und Berühmten einhegen lasse.

    Das ist wohl tatsächlich fraglich, doch die Lage ist noch viel komplizierter - und war es auch damals schon. Die Demokratie ist gefährdet, akut und grundsätzlich. Sie ist niemals ein faktisch erreichter Zustand, sondern stets ein Ideal, ein System von Normen. Wenn das klar ist, dann lassen sich auch gerechtfertigte von ungerechtfertigten Forderungen nach Respekt unterscheiden. Die Thymos-und-Identitäts-Anthropologie von Francis Fukuyama hilft dabei allerdings nicht weiter.

    Francis Fukuyama, "Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet" ist in der Übersetzung von Bernd Rullkötter bei Hoffmann und Campe erschienen.

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    Diwan - Das Büchermagazin

    Von
    • Beate Meierfrankenfeld
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