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Der Cube 600 in der Fürther Straße 104 eröffnet mit einer digitalen Ausstellung über den russichen Kriegsfotografen Ewgenij Chaldej. Damit wird das Museum Memorium Nürnberger Prozesse um eine neue Ausstellungshalle ergänzt.

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Fotos über Krieg und Frieden – Ausstellung im neuen Cube 600

Das Memorium Nürnberger Prozesse hat eine neue Möglichkeit für Sonderausstellungen: den Cube 600. Die erste Schau präsentiert wegweisende Fotos aus dem 2. Weltkrieg und von den Nürnberger Prozessen des sowjetischen Starfotografen Ewgenij Chaldej.

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Von
  • Dirk Kruse

Das Memorium Nürnberger Prozesse mit dem berühmten Schwurgerichtssaal 600 hat eine neue Möglichkeit für Sonderausstellungen: eine umgebaute Autowerkstatt direkt vor dem Memorium. Da sie jetzt an einen weißen Kubus erinnert, wurde sie Cube 600 getauft. Am Abend wurde dort – coronabedingt digital – die erste Sonderausstellung eröffnet. Sie heißt "Krieg und Frieden" und zeigt Fotografien des berühmten sowjetischen Fotografen Ewgenij Chaldej vom 2. Weltkrieg und der unmittelbaren Nachkriegszeit.

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Bildrechte: Ewgenij Chaldej/matthaeus photographer

Ewgenij Chaldej Kriegsfoto vom Dach des Berliner Reichstages am 2. Mai 1945, auf dem ein Rotarmist die Fahne der Sowjetunion schwenkt.

Ikone der Fotografie

Der 1917 geborene Ewgenij Chaldej gehört zu den bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Weltberühmt und geradezu ikonisch wurde sein Kriegsfoto vom Dach des Berliner Reichstages am 2. Mai 1945, auf dem ein Rotarmist die Fahne der Sowjetunion schwenkt. Es ist das Symbolbild vom Ende des 2. Weltkriegs. Und natürlich ist es in der Nürnberger Ausstellung im Cube 600 zu sehen. Allerdings musste Ewgenij Chaldej dieses Foto retuschieren, erklärt der Kurator Steffen Liebscher. Denn der Soldat, der den Fahne schwenkenden Kameraden stützte, hatte zwei Armbanduhren um. Und Rotarmisten sollten keinesfalls als Plünderer dargestellt werden.

"Chaldej musste daraufhin mit einer kleinen Nadel die Uhr vom Handgelenk des stützenden Soldaten entfernen. Er hat diese Uhr auf dem Foto rausgekratzt und ist dann mit einer Speziallösung nochmal drübergegangen, um das fein zu retuschieren. Diese bearbeitete Fassung des Fotos wurde dann weltweit veröffentlicht, womit Chaldej schlagartig weltweit bekannt wurde." Steffen Liebscher, Kurator der Ausstellung
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Rentier Jascha trotzt den Bomben - Foto von Ewgenij Chaldej in der Ausstellung im Cube 600

Foto-Komposition: Rentier Jascha trotzt den Bomben

Das ist nicht das einzige Foto, das von Ewgenij Chaldej retuschiert oder verändert wurde. Chaldej arbeitete als Fotojournalist bei der Nachrichtenagentur Tass, als die Deutschen 1941 die Sowjetunion angriffen. Als Kriegsfotograf begleitete er dann den Vormarsch der Roten Armee. Ein besonders beeindruckendes Foto zeigt ein stoisches Rentier in der kargen Landschaft von Murmansk, dass sich auch durch eine Explosion im Hintergrund und englische Bomber des Typs Hawker Hurricane über ihm nicht aus der Ruhe bringen lässt. Das Rentier wurde von Soldaten gezähmt und hieß Jascha. Chaldej habe das Rentier und die Hawker Hurricanes getrennt voneinander fotografiert und beide Motive zusammengestellt. "Das Bild selbst ist eine Komposition, das hat Chaldej so auch beschrieben", sagt Kurator Liebscher.

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Eine Fotografie vom kriegszerstörten Nürnberg von Ewgenij Chaldej

Hoffnung in Ruinen

Doch so eine Collage ist eher die Ausnahme als die Regel beim Fotografen Chaldej. Er gibt viele überraschende Einblicke in den Kriegsalltag aus sowjetischer Sicht. Er dokumentiert das Leid, aber auch die aufkeimende Hoffnung. Etwa in der von den Deutschen fast völlig zerstörten Stadt Sewastopol, die im Sommer 1944 befreit wurde.

"Wir haben im Hintergrund des Bildes die Trümmer der Stadt, die Ruinen. Aber im Vordergrund des Bildes sehen wir Menschen, sehen wir Überlebende, die sich in der Sonne baden. Das ist eine ungewöhnliche Perspektive. Er arbeitet auch hier ganz stark mit Kontrasten. Im Hintergrund die zerstörte Stadt und im Vordergrund die Menschen, die versuchen irgendwie ihr Leben weiterzuführen und versuchen weiterzumachen." Steffen Liebscher, Kurator
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Das Memorium Nürnberger Prozesse hat eine neue Möglichkeit für Sonderausstellungen: den Cube 600. Die erste Ausstellung zeigt Fotos des sowjetischen Starfotografen Ewgenij Chaldej.

Fotograf der Nürnberger Prozesse

Nach dem Ende des Krieges erhielt Chaldej dann den Auftrag nach Nürnberg zu reisen. Dort fotografierte er nicht nur die zerstörte Stadt, sondern vor allem den ersten der Nürnberger Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher. Dabei kam er nicht nur den Richtern, sondern auch den Angeklagten ziemlich nahe.

"Wir sehen zum Beispiel auf der linken Seite Hermann Göring und Wilhelm Keitel. Das Foto ist auch insofern interessant, weil Chaldej hier eine sehr nahe Perspektive gefunden hat. Er zeigt die Angeklagten in einer Pause. Die Angeklagten wähnen sich anscheinend unbeobachtet, stehen beisammen, unterhalten sich und in diesem Augenblick hält Chaldej die Gruppe der Angeklagten fest. Es wirkt so als ob er hier noch eine andere Ebene findet. Nämlich er zeigt hier die Angeklagten als die Verschwörer unter sich." Steffen Liebscher, Kurator

Immerhin wurden Chaldejs Vater und seine drei Schwestern von deutschen Soldaten ermordet. Nach dem Krieg hat Ewgenij Chaldej nicht nur den Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess fotografiert, sondern auch die Moskauer Friedensparade und die Potsdamer Konferenz mit Stalin, Truman und Churchill.

Bestrafung, Vergessen und Wiederentdecken

Ende der 1940-er Jahre sei er aber in Ungnade gefallen und habe seine Anstellung bei der Tass verloren, erzählt Kurator Steffen Liebscher. Nur mit Gelegenheitsarbeiten, etwa für die Prawda, habe er sich über Wasser gehalten. Doch sein Werk geriet dennoch in Vergessenheit.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion unter Gorbatschow wurde Ewgenij Chaldej wiederentdeckt. Eine späte Würdigung, die der Fotograf noch erlebt hat. Er starb 1997 in Moskau. Seit 2017 ziert Chaldejs Portrait sogar eine russische Briefmarke.

Derzeit ist die Ausstellung "Krieg und Frieden – Fotografien von Ewjenij Chaldej"“ aufgrund der Coronabeschränkungen noch nicht geöffnet. Die Eröffnungsveranstaltung mit Einblicken in die Ausstellung ist auf der Homepage des Memoriums Nürnberger Prozesse abrufbar.

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