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Der Fotograf Thomas Müller hat insgesamt 16 ehemalige Häftlinge porträtiert.
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Der Fotograf Thomas Müller hat insgesamt 16 ehemalige Häftlinge porträtiert.

Weimar steht für Goethe und Schiller, die Weimarer Klassiker, denen die Stadt ein doppeltes Denkmal aus Bronze gesetzt hat. Weimar steht außerdem für das Bauhaus, das Walter Gropius dort 1919 gründete, weshalb in diesem Jahr das 100-jährige Jubiläum ausgiebig gefeiert wird. Zu Weimar gehört aber auch das ehemalige KZ Buchenwald. Dieses schwere Erbe soll auch im Bauhausjahr nicht verdrängt werden. Deshalb wurde dort nun überlebensgroße Fotos von Überlebenden des Konzentrationslagers aufgestellt, die die Straße vom Weimarer Bahnhof zum Bauhausmuseum säumen. Thomas Müller hat die Überlebenden fotografiert.

Christoph Leibold: Ihre Fotos sind auf wetterfeste Aluplatten gedruckt, denn sie stehen im Freien. Und Sie sind überlebensgroß – damit sie wirklich unübersehbar sind, dass man gar nicht weggucken kann? Ist das der Grund?

Thomas Müller: Genau, das ist der Grund. Dass sie so groß sind, hängt außerdem damit zusammen, dass sie auch noch auf Aluständern aufgebracht sind und man tatsächlich auch ein bisschen zu ihnen aufschauen muss und die Zeitzeugen auf die Bürger hinabschauen, um diesen Dialog zu finden zwischen Betrachter und Betrachteten.

Wegschauen, verdrängen ist das eine. Verharmlosen ist noch eine Nummer drüber. Thüringen ist eine Hochburg der AfD, jener Partei also, deren Spitzenmann Alexander Gauland "Hitler und die Nazis“ als nur einen "Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ bezeichnete. Darüber hat sich nicht nur das Internationale Auschwitz-Komitee empört. Tut dieses Bekenntnis zur Geschichte, das die Bilder darstellen, in einem Land wir Thüringen besonders Not?

Meiner Ansicht nach ja. Leider, muss ich dazu sagen. Natürlich geht es darum, durch die überlebensgroßen Porträts zum Nachdenken anzuregen und die menschliche Tragik, aber auch die Hoffnung darzustellen. Aber vor allen Dingen geht es gerade im Jahr der Landtagswahlen in Thüringen darum, mit dieser Ausstellung nochmal darauf hinzuweisen: Wir haben einerseits eine Verantwortung mit unserer Geschichte umzugehen. Andererseits geht es natürlich auch darum, dass wir jetzt die Weichen für die Zukunft legen.

Es sind Fotos von insgesamt 16 ehemaligen Häftlingen. Wie waren denn deren Reaktionen? Waren die sofort offen für das Projekt. Gerade wenn Bilder im öffentlichen Raum stehen, muss man immer befürchten – selbst wenn sie erhöht angebracht sind –, dass sie beschmiert werden. Was dann eine neuerliche Verhöhnung dieser Menschen wäre. Gab es da Bedenken, gerade auch seitens der Porträtierten?

Interessanterweise sind die Fotos zunächst entstanden, als noch nicht geplant war, sie als übergroße Porträts im öffentlichen Raum zu zeigen. Wir haben dann im Nachhinein, nachdem die Idee für die Ausstellung gereift war, natürlich mit den ehemaligen Häftlingen Kontakt aufgenommen, um ihr Einverständnis einzuholen. Und im Rahmen dessen, muss ich sagen, habe ich von allen positive Resonanz bekommen und auch von allen das Einverständnis erhalten.

Fotograf Thomas Müller neben einem seiner Fotos.

Fotograf Thomas Müller neben einem seiner Fotos.

Was haben Sie denn versucht, in diesen Menschen hervorzukehren in den Portraits. Unbeugsamkeit? Überlebenswillen? Oder auch Schmerz? Worauf kam es Ihnen an?

Mir kam es vor allen Dingen darauf an, die Menschen so zu fotografieren, wie sie sich selber gerne sehen. Das heißt, ich habe beim Fotografieren tatsächlich so gut wie keinen Einfluss auf die Menschen genommen. Ich habe weder gesagt, sie sollen mich bitte anlächeln noch sie sollen bitte schmerzlich bedrückt schauen. Sondern ich habe einfach gesagt: Schauen Sie so, wie sie das möchten. Ich möchte einfach nur, dass Sie frontal und zentral in meine Kamera blicken. Als Ergebnis habe ich größtenteils fröhliche Menschen vor der Kamera gehabt und auch porträtiert, die glücklich waren; die natürlich auch ihre Geschichte kennen, aber in keinerlei Trauer oder Hass verstrickt waren.

Es sind Schwarzweißfotos. Das scheint fast klassisch angesichts des Themas. Wieso ist es aber trotzdem doch mehr als eine Konvention?

Ich habe mich bewusst für Schwarz-Weiß entschieden, weil ich nicht wollte, dass irgendwelche Flecken auf der Haut ablenken. Oder ein orangefarbenes T-Shirt. Oder Goldschmuck am Ohr oder um den Hals. Ich wollte wirklich die Reduzierung auf die Gesichter. Außerdem wirken in Schwarz-Weiß einfach auch die Falten intensiver. Falten sind ja ein Spiegel des Lebens. Falten im Gesicht vor allen Dingen. Deswegen die Entscheidung für Schwarzweißfotos.

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