BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

"Fotografieren war für mich Freiheit" | BR24

© Bild: Harald Hauswald/OSTKREUZ/Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur / Audio: BR

Ausstellungskurator Felix Hoffmann bezeichnet den Fotografen Harald Hauswald als „beobachteten Beobachter“, dessen Bilder „ein Stachel im Fleisch der DDR“ waren. Ein Gespräch mit ihm.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

"Fotografieren war für mich Freiheit"

Sie seien eben mit dem Verfall aufgewachsen, sagt der Fotograf Harald Hauswald. Jahrelang dokumentierte er den Alltag in der DDR und wurde selber dafür von der Stasi dokumentiert. Jetzt gibt es eine Retrospektive mit seinen Bildern: "Voll das Leben".

Per Mail sharen

Der Fotograf Harald Hauswald, 1954 in Radebeul geboren, fing in den 1970er und 1980er Jahren auf ausgedehnten Streifzügen durch Ost-Berlin das Leben in der damaligen DDR ein. Im Ausstellungshaus C/O Berlin ist nun eine Retrospektive mit seinen Bildern zu sehen. Weil die Stasi Hauswald argwöhnisch observierte, bezeichnet Ausstellungskurator Felix Hoffmann den Fotografen als "beobachteten Beobachter", dessen Bilder "ein Stachel im Fleisch der DDR" waren. Christoph Leibold hat mit Harald Hauswald über seine Arbeit und die Ausstellung gesprochen.

Christoph Leibold: Drei Männer, eingekeilt nebeneinander in der U-Bahn sitzend, gekleidet in Wintermäntel, teils mit Aktentasche auf dem Schoß oder Pelzmützen auf dem Kopf. Sie stieren leeren Blicks vor sich hin – eines Ihrer Motive. Ein anderes: Einfach nur die bröckelnde Fassade eines einst schmucken Mietshauses, aus dem an einem einzelnen Fenster eine Frau herausschaut, die man erst beim zweiten Hinschauen entdeckt. Zwei der ca. 250 Fotos, die gerade zu sehen sind in der Ausstellung, die den Titel "Voll das Leben" trägt. Das klingt irgendwie prall und sinnenfroh. Wie verträgt sich das mit der Tristesse der beschriebenen Motive?

Harald Hauswald: Da muss ich ganz ehrlich sagen, dass wir die Tristesse gar nicht gemerkt haben. Das war unser Alltag, und wir hatten ja keinen Vergleich. Wir wussten nicht, wie alles top saniert aussehen könnte, wie es dann heute alles eingetreten ist. Wir sind ja mit dem Verfall aufgewachsen. Je älter wir wurden, umso mehr bröckelten die Häuser. Aber gelebt haben wir ja trotzdem, getanzt und gelacht, getrunken und uns vergnügt.

Harald Hauswald, heißt es im Begleittext zur Ausstellung, "war Teil der Szenen und dadurch gleichzeitig immanent in seinen Bildern. Er hat sie gelebt und nicht fotografiert." Was genau heißt das?

Na ja, ich habe schon versucht einzutauchen, da, wo ich jetzt gerade bin. Peter Wawerzinek, mein Freund und inzwischen Ingeborg-Bachmann-Preisträger, hat einmal gesagt, Hauswald konnte zum Punk werden oder zum Hooligan. Wenn man sich bewusst darauf einlässt, in Bereiche vorzustoßen der Gesellschaft, die es ja damals eigentlich gar nicht gab, jedenfalls nicht offiziell, dann muss man sich auch einlassen. Ich habe zwar nie geprügelt mit den Hooligans, aber ich wollte ergründen, was Gewalt ist und wie sie zustande kommt und warum. Deswegen habe ich mich darauf eingelassen. Und wenn die gerannt sind in einen anderen Block, dann musste ich mit, ganz klar. Da mit Abstand ranzugehen, das hätte gar nichts gebracht. Es ist natürlich spannend. Ich bin sehr neugierig auf die Welt, und ich möchte gerne andere Leute kennenlernen und in Bereiche vorstoßen, wo ich als Nicht-Fotograf keine Chance gehabt hätte, hinzukommen.

Ihre Fotos sind von der Stasi als politisch brisant erkannt worden, sonst wären Sie nicht überwacht worden. Das war natürlich alles andere als erfreulich. War es für Sie aber auch der Beleg, dass Sie gemerkt haben: Ich mache was richtig, denn ich treffe offenbar einen empfindlichen Nerv?

Da kann ich nur dazu sagen: Das haben Sie gut erkannt!

Danke!

Da muss ich eigentlich nix weiter dazu sagen (lacht). Natürlich, der Staat hat provoziert in seiner Einseitigkeit und in seiner Ausrichtung, die kein Links und kein Rechts zugelassen hat. Ich wollte am Rande dieser Gesellschaft Freiheit suchen. Und Fotografieren war für mich Freiheit.

Ihre Kollegin Ute Mahler, wie Sie Mitbegründerin der Agentur "Ostkreuz", sagt, Ihre Bilder seien klassische Straßenfotografie, und dazu brauche man gewisse Charaktereigenschaften. Man müsse schnell sein, unerschrocken, auch ein bisschen frech. Stichwort Schnelligkeit: So wie Sie fotografiert haben, da blieb ja immer wenig Zeit, um über die Bildkomposition nachzudenken. Welchen ästhetischen und künstlerischen Anspruch hatten Sie trotzdem an Ihre Bilder?

© Harald Hauswald / OSTKREUZ / Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Fahnenflucht, 1. Mai-Demonstration, Alexanderplatz Berlin Mitte 1987

Genau darum ging es: um den Bildausschnitt; dass der stimmt! Ich habe unbewusst viel geübt. Ich habe mich wie viele Fotografen am Anfang nicht an Menschen herangetraut. Im Laufe der Zeit hat sich das entwickelt. Am Anfang habe ich Landschaften fotografiert oder Wurzeln oder Wasser. Ich bin ja an der Elbe aufgewachsen, in Radebeul. Das war sozusagen eine Jugend zwischen Karl May und Karl Murks. Und ich habe sehr viele grafische Sachen probiert. Als ich dann nach Berlin gekommen bin, 1978, habe ich als Telegrammbote angefangen. Da musste ich die Telegramme zu Fuß durch den Prenzlauer Berg austragen, dabei bin ich in jeden Hinterhof gekommen. Das war natürlich ein ästhetisch eigener Reiz, den der Prenzlauer Berg damals noch hatte, aber den Verfall, den haben wir gar nicht so gesehen. Aber sich dort auszuprobieren, sozusagen Trockenübung zu machen, das hat dann irgendwann auch die Sicherheit mit sich gebracht, bei der Straßenfotografie eine Schnelligkeit zu entwickeln und trotzdem das Bild perfekt zu gestalten.

Die Zeit verändert unseren Blick auf Bilder. Sie haben schon gesagt, die Tristesse damals hätten Sie gar nicht wahrgenommen. Wie es ist, wenn Sie jetzt die Fotos betrachten? Sehen Sie heute so etwas wie Tristesse, oder sehen Sie irgendwie andere Dinge in diesen Bildern, als Sie sie damals gesehen haben?

Ich sehe die Tristesse natürlich. Was ich aber immer wieder sagen muss, was ganz wichtig ist: Wir gehen mit dem Abstand von 30 Jahren an die alten Dinge ran, also auch ideologisch. Und das ist gefährlich, finde ich. Wenn heute alle mit dem Abstand rangehen und das alles anders machen würden wie damals, dann hätte die Mauer keine 28 Jahre gestanden. Dann hätte die nicht mal zwei Jahre überlebt. Übrigens sehe ich in den alten Bildern nicht nur die alte Tristesse. Ich rieche sie auch noch. Ich habe auch noch den Kohlengeruch in der Nase oder die Trabis.

Die Bilder sind schwarzweiß. War das auch damals schon ein ästhetisches Bekenntnis oder ging's einfach nur darum, dass das leichter zu entwickeln war?

Beides. Wir haben ja schon in der Tradition der Straßenfotografie von "Magnum" fotografiert. Teilweise unbewusst. "Magnum" kannte ich, als ich angefangen habe zu fotografieren, gar nicht. Für mich das Wichtige bei Schwarzweiß, dass die Fantasie des Betrachters angeregt wird. Er kann sich seine Farbe selber dazu denken. Später habe ich für "Geo" fotografiert, für ein Berlin-Special, dass sie zur 750-Jahr-Feier gemacht haben, 1986. Das musste dann in Farbe sein. Da hat man mir Filme zukommen lassen, von Kodak. Was später enttäuschend war: Als ich die Stasi-Akte gelesen habe, habe ich ein Gutachten gefunden, in dem stand geschrieben: "Hauswald zeichnet ein düsteres Schwarzweißbild der Hauptstadt" – obwohl es doch meine erste Farbreportage war.

"Harald Hauswald. Voll das Leben" bis zum 23.1.2021 im C/O Berlin. Die zugehörige Buchpublikation ist im Steidl-Verlag erschienen.

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!