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Im Dienst der Malerei? Frühe Fotografien im Münchner Stadtmuseum | BR24

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Im Dienst der Malerei? Frühe Fotografien im Münchner Stadtmuseum

Fotografie galt in ihrer Frühzeit nicht als eigene Kunst, sondern diente der "richtigen" Kunst – als Vorlage zum Beispiel. Die Ausstellung "Vorbilder / Nachbilder" zeigt erstmals Lehrfotografien aus der Universität der Künste Berlin. Eine Entdeckung.

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Das prominenteste Beispiel sind die aufbrechenden Knospen, die sich entrollenden Blütenblätter, all die wundersame Skulpturalität der Natur, die Karl Blossfeldt auf seinen Fotografien herausgearbeitet hat: Astspitzen wie Totempfähle, Fruchtkapseln, die anmuten wie keramische Kelche. So eigen ist diese fotografische Erkundung des pflanzlichen Bauplans, dass diese Bilder zu Ikonen der Fotografiegeschichte wurden. Dabei hatte Blossfeldt sie zunächst nur zu Lehrzwecken aufgenommen, reines Anschauungsmaterial für seine Schüler im kunstgewerblichen Unterricht, zwischen 1890 und 1930. Als Kunst galt das nicht. Und da war er nicht der einzige Fotograf.

Ein Medium, das sich seiner Kraft noch nicht bewusst ist

"Die Fotografie war ein Gebrauchsartikel und wurde nicht als künstlerisches Medium angesehen und deswegen auch häufig nach Gebrauch entsorgt, nicht unbedingt aufbewahrt", sagt Ulrich Pohlmann, Leiter der fotografischen Sammlung des Münchner Stadtmuseums. Immerhin rund 40.000 Blätter finden sich dann aber doch in der fotografischen Lehrsammlung der Universität der Künste Berlin, die ihre Schätze in einem Dornröschenschlaf hütete. Erst eine Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung ermöglichte es, in den letzten vier Jahren die Fotografien zu inventarisieren, zu digitalisieren und zu identifizieren – Fotografennamen oder Entstehungsdaten fehlten ja oft zu den auf dicke Kartons montierten Fotos.

Zum ersten Mal ist diese Archivfülle nun öffentlich zu sehen, Landschaften, Blüten, Architektur, Akt, Tiere und Militärmanöver oder Impressionen aus dem neu entdeckten Orient. Gerahmt und mit Passepartouts versehen, eröffnen sie den Blick auf ein Medium, das sich damals seiner Kraft offenbar noch gar nicht bewusst war: "Ja, das ist das Interessante, dass diese Bilder auf einmal so modern wirken, obwohl sie eigentlich um 1860/70 entstanden sind", so Ulrich Pohlmann. Deswegen solle man das 19. Jahrhundert nicht nur als leicht vergilbte Bilder wahrnehmen, sondern genau hinsehen: "Dann sind die Bilder auch ein kleines Wunderwerk."

© Archiv der Universität der Künste, Berlin

Fratelli Alinari: Weizenähre, 1878-1885, Albuminpapier

Malerei als Sampling

Wenn man genau hinschaut, dann wird diese Ausstellung zum Vexierspiel, denn hier hängen Aufnahmen, die eben als Vorbilder dienten, neben Fotografien, die wiederum festhalten, wie daraus im Nachgang Gemälde oder Zeichnungen wurden. Beispiel: Wunderbare, und auch ein wenig traurige Fotografien aus dem Londoner Zoo zeigen in stillem Stolz daliegende Löwen und Tiger, von denen der Maler Paul Meyerheim im Studio Gemälde schuf, die dann wiederum der Münchner Fotograf Franz Hanfstaengl reproduzierte. Verwirrend? Nein, auch amüsant, wie da verwertet wurde, erzählt Ulrich Pohlmann: "Man sieht eben, dass Gemälde im 19. Jahrhundert oft wie zusammenmontiert sind aus verschiedenen Elementen. Da sieht man zwei Kakadus, die genau von dem Foto 1:1 abgenommen worden sind, und darunter hockt eine Katze." Das Vorbild für das Katzenbild befinde sich jetzt nicht im Archiv der Universität der Künste, aber man könne sich sehr gut vorstellen, dass es genau eine solche Aufnahme ebenfalls gegeben habe. "Und die sampelt der Maler eben dann, um irgendwie ein erzählerisches Werk zu schaffen, das den Publikumsgeschmack damals getroffen hat."

Ein neues Sehen

Allerdings waren Fotografie und Malerei nicht nur einander zugetan in experimenteller Symbiose, sie waren ja auch beinharte Konkurrenten. Der Kunst wurde vorgeworfen, sie kupfere mit jedem Grasbüschel oder Uniformknopf den fotografischen Hyperrealismus ab. Und die Fotografie diente doch arg unemanzipiert. Die Befreiung für beide kam erst später, und dann mit Wucht. Wie man an den im Münchner Fotomuseum gezeigten Originalabzügen sieht: einer seriellen Bewegungsstudie von Eadweard Muybridge aus dem Jahr 1903 zum Beispiel, die eine eine sehr lustig mit ihrem Hut tanzende nackte Dame zeigt. An den wie absichtslos fotografierten Wiesenstücken von August Kotzsch von 1870 oder den Orangen der Fratelli Alinari. Nicht nur in diesen glutvollen Vitaminspeichern zeigte es sich schon, das neue Sehen: Gerade bei den Früchtestilleben habe man manchmal das Gefühl, dass die Formen der Früchte fast etwas Metallisches bekämen, so Ulrich Pohlmann, "eine Strenge, wie man sie eben auch aus der Neuen Sachlichkeit kennt".

Die Ausstellung "Vorbilder / Nachbilder. Die fotografische Lehrsammlung der Universität der Künste Berlin 1850-1930" ist bis zum 14. Juni 2020 im Münchner Stadtmuseum zu sehen.

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