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Wie ein Fotograf das stillgelegte Bayern dokumentiert | BR24

© Bild: Rainer Viertlböck / Audio: BR

Der Fotograf Rainer Viertlböck dokumentiert die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Städte.

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Wie ein Fotograf das stillgelegte Bayern dokumentiert

Die Corona-Pandemie verändert das Bild unserer Städte. Wo es sonst voll ist, kehrt Ruhe ein. Das kann gespenstisch sein, aber auch friedlich. Der Fotograf Rainer Viertlböck ist derzeit in ganz Bayern unterwegs, um diese Atmosphäre einzufangen.

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Dass der Wendung "auf die Straße gehen" stets auch etwas Subversives innewohnt, wurde selten so offenkundig wie in diesen Zeiten der Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperren. Einer, der dieser Tage auf die Straße geht, freilich nicht um zu demonstrieren, sondern um zu dokumentieren, ist der Münchner Fotograf Rainer Viertlböck. Rainer Viertlböck ist ein international vielfach preisgekrönter Architekturfotograf, den aber beileibe nicht nur High-End-Bauten interessieren, sondern ebenso die Wohnsituationen von Austrägern der Straßenzeitung "Biss". Seit vielen Jahren schon ist der gebürtige Münchner unterwegs und fotografiert seine Stadt – so auch dieser Tage. Knut Cordsen hat mit ihm gesprochen.

Knut Cordsen: Wer dieser Tage durch München radelt, so wie ich morgens in Funkhaus, findet eine fast menschenleere Stadt vor – kaum Verkehr, viele nennen dieses Stadtbild "gespenstisch". Wie nehmen Sie diese Stimmung wahr?

Rainer Viertlböck: Ich nehme die Stimmung in München auf eine ganz merkwürdige Art und Weise "ver-rückt" im sprichwörtlichen Sinne wahr. Heute zum Beispiel herrscht ja durchaus Verkehr. Der hat, glaube ich, auch wieder zugenommen im Lauf der letzten Woche. Es ist halt kein dichter Stoßverkehr, aber es ist auch nicht vollkommen ausgestorben. Am Wochenende war ich im Englischen Garten unterwegs, da war relativ viel Betrieb. Aber wenn man dort genauer den Menschen zuschaut, merkt man, dass sie so punktuell sind. Es sind lauter Pünktchen, die quer über den Garten verstreut sind, wo sich sonst eigentlich Gruppen bilden. Die Leute setzen sich sonst hin, das konnte man jetzt kaum oder nur im Ausnahmefall sehen. Es ist ein auf den zweiten Blick verändertes Bild. Anders natürlich in der Früh, am Marienplatz, wo es wirklich nahezu menschenleer ist. Aber das Stadtbild jetzt in Schwabing oder in so bestimmten dichter bewohnten Gegenden unterscheidet sich nicht unbedingt auf den ersten Blick, jedenfalls nicht am Nachmittag. Manche Gebiete sind auch voller. Ich war gerade am Westfriedhof, da waren wesentlich mehr Leute als normalerweise.

War gleich bei Verkündigung der Ausgangsbeschränkungen klar für Sie: Das will ich im Bild festhalten?

Ja, das dachte ich mir auch im Vorfeld schon. Ich nehme das in gewisser Form als eine potenzielle Zeitenwende war, was wir hier gerade erleben, in ganz vielfältiger Hinsicht. Und das wollte ich auf jeden Fall in München, was ich ja schon lange fotografiere, mit der Kamera begleiten, auf diesem Weg durch diese schwierige Zeit und auch durch die Veränderungen, die wir jetzt und in den nächsten Wochen sehen. Nun kommt ja auch der Frühling, da wird sich auch das Stadtbild allein schon vom Wetter, von der Vegetation her sehr stark verändern in den nächsten zwei, drei Wochen. Ich bin sehr gespannt auf die Veränderungen. Auch vermute ich, dass man wesentlich mehr Masken sehen wird in einigen Wochen, wenn die verfügbarer sind. Das werden subtile Veränderungen sein, glaube ich.

Sie sind ja in Zeiten der Ausgangsbeschränkung, in denen man gehalten ist, zu Hause zu bleiben und in denen sich unsere Weltwahrnehmung reduziert auf das Betrachten von Arbeits- oder Wohnzimmer-Einrichtungen der Kollegen bei Video-Chats via Webcam und Zoom, eine Art Fenster zur Welt als Fotograf.

© Rainer Viertlböck

Der Marienplatz in München: Normalerweise drängen sich hier die Menschen, gerade samstags.

© Rainer Viertlböck

Auch der Stachus ist wie leergefegt.

© Rainer Viertlböck

Wohnungslose in München

© Rainer Viertlböck

Der Flughafen München liegt im Dornröschenschlaf.

© Rainer Viertlböck

Keine Touristen in Mittenwald

© Rainer Viertlböck

Die Innenstadt von Weilheim - wie eine wunderschöne Kulisse

© Rainer Viertlböck

Keine Touristen an der Seepromenade in Lindau

Ja, unbedingt. Ich empfinde das auch tatsächlich als eine gewisse Verantwortlichkeit von mir in dem Beruf, also nach draußen zu gehen und nicht daheim abzuwarten, bis das vorbeigeht. Ich habe mir lustigerweise gerade zwei Tutorials angeschaut am Abend auf YouTube: Was macht ein Fotograf in Zeiten von Corona? Fand ich sehr witzig. Da war irgendwie alles dabei, von Steuererklärungen über Objektive reinigen und neue Kunden akquirieren bis hin zu der Empfehlung, sich mit Filmen auseinandersetzen. Das Einzige, das nicht vorkam, war Fotografieren. Das fand ich wirklich sehr lustig.

Wie oft werden Sie bei ihren Streifzügen durch die Stadt oder auch durchs bayerische Oberland kontrolliert von der Polizei?

Ich bin jetzt im Englischen Garten mehrfach kontrolliert worden am Wochenende. Ich war ein paar Mal, weil ich ja eben auch das Voralpenland großflächiger fotografiere, in der Gegend der Grenze zu Österreich, einmal auch bei Lindau, einmal am Achensee, da wurde ich kontrolliert. Ich bin von Ordnungskräften gefragt worden, was ich mache in Bad Tölz, auch im Flughafen. Es gibt schon eine ganze Menge an Kontrollen.

Aber als Sie Ihren Presseausweis gezeigt haben, gaben die Ordnungskräfte gleich wieder Ruhe?

Ja, letztlich war dann klar, dass ich arbeite und nicht zum Vergnügen unterwegs bin.

Sie arbeiten ja in anderen Projekten auch für Luftbildaufnahmen mit Drohnen. Arbeiten Sie hier bei diesem Projekt jetzt auch mit Drohnen?

Nicht nur mit Drohnen – ich nehme häufig auch Flugzeuge oder Helikopter her. Ich war interessanterweise jetzt gerade in Jesenwang, weil ich geguckt habe, ob ich ein Kleinflugzeug mieten kann. Was nicht geht, weil der Flughafen geschlossen ist. Ich habe dann gefragt, ob ich mit einer Drohne ein Foto vom Flughafen machen dürfte, was normalerweise natürlich vollkommen ausgeschlossen ist. Ich habe in der Provinz in der Umgebung jetzt schon Drohnen eingesetzt. Allerdings unterscheidet sich das Bild ja von oben jetzt nun nicht wirklich von dem am Boden. Von daher ist der Schwerpunkt ganz klar auf der Straße.

Für eine Ausstellung in der Münchener Architekturgalerie haben Sie kürzlich die Wohnsituation von Verkäufern der Obdachlosen-Zeitung "Biss" dokumentiert, haben deren Zuhause fotografiert – die Obdachlosen fallen derzeit im Straßenbild ja besonders ins Auge, oder?

Das finde ich auch. Also, deren Situation trifft einen schon sehr, und nachdem eben viel weniger andere Leute unterwegs, nehme ich an, dass deshalb die Obdachlosen viel sichtbarer sind. Zumindest am Anfang der Ausgangsbeschränkungen fand ich's wirklich sehr, sehr auffällig. Jetzt kein Zuhause zu haben, das ist natürlich nochmal eine ganz, ganz andere Situation.

Wo werden Ihre Bilder dermaleinst zu sehen sein, wird daraus ein Bildband oder eine Ausstellung?

Da bin ich ehrlich gesagt überfragt. Ich habe in der Architekturgalerie ja zusammen mit Nicola Borgmann mehrere Ausstellungen meiner München-Serie gemacht. Da würde ich mich sehr freuen, wenn das in diesem Rahmen auch wieder gezeigt werden würde.

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