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Fotograf Jens Schwarz: "Die Spaltung in den USA ist inszeniert!" | BR24

© Audio: BR / Bild: Jens Schwarz

Billy ist Jacks Nachbar. Beide leben in South Fairmont, einem Vorort von Cincinnati, Ohio. Auch sie hat Jens Schwarz fotografiert.

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Fotograf Jens Schwarz: "Die Spaltung in den USA ist inszeniert!"

Normalerweise werden Politiker in Szene gesetzt; Jens Schwarz hat für sein Projekt "Blue Donkey & Red Elephant" die Perspektive gewechselt – und das Wahlvolk in den USA fotografiert. Im Interview erzählt er, wie gespalten das Land tatsächlich ist.

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Alle Welt schaut derzeit auf die Vereinigten Staaten von Amerika und das, was dort am 3. November geschehen wird, wenn die Wahllokale schließen. Der Münchner Fotograf Jens Schwarz hat im Herbst 2019 und Frühjahr 2020 den amerikanischen Vorwahlkampf mit der Kamera beobachtet und dokumentiert. Das Ergebnis zeigt er nun im Münchner Amerikahaus in seiner Ausstellung "Blue Donkey & Red Elephant – Tales from the American Electorate". Knut Cordsen hat mit ihm gesprochen.

Knut Cordsen: Wie kam es zu diesem Multimedia-Projekt?

Jens Schwarz: Ich interessiere mich in meinen Projekten immer sehr stark für Identität. Und im Fall des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs gibt es nun zwei ganz prägnante Identitäten, die sehr stark aufeinanderstoßen, ja aufeinandergehetzt werden. Das hat mich interessiert. Ich bin ja auch Dokumentarist oder Reportage-Fotograf und Journalist. Die Relevanz eines solchen Themas liegt natürlich mit der bevorstehenden Wahl in der Luft.

Sie sind durch die Vereinigten Staaten gereist. Wo überall waren Sie?

Meine Basis war in Cincinnati, Ohio. Dort hatte ich auch jemanden, der das Projekt unterstützt hat, ein fantastischer, wohlhabender, älterer Herr, der mir Unterkunft gegeben hat. Ich hatte eine ganze Etage für mich in einem Haus, konnte dort gut arbeiten und bin dann von dort nach North Carolina gereist – während der primaries, also während der Vorwahlen dieses Jahr im März und in dem Zuge auch nach Kentucky und Tennessee. Das war so ein Road Trip, der ja auch ein Format der Fotografie ist, gerade in Amerika. Etwas, was mich auch als Format an sich interessiert.

© Jens Schwarz

Jack & Chandler, aufgenommen in Cincinnati, Ohio, im September 2019.

Was hat es mit dem Titel der Ausstellung auf sich? Für Amerikaner ist das, glaube ich, unmittelbar verständlich: "Red Elephant und Blue Donkey". Aber hier in Deutschland muss man es vielleicht noch mal erklären.

Der Titel rekurriert auf die zwei Maskottchen oder Tiere, welche die beiden großen politischen Parteien der USA, die Republikanische und Demokratische Partei, für sich gewählt haben – nämlich den blauen Esel und den roten Elefanten. Das sind nur die Embleme der beiden Parteien. Diese Emblematik ist aber interessanterweise selbst in Amerika gar nicht jedermann bekannt. Das hat mich auch erstaunt.

Wenn man das doch recht ausladende Gesäß des bisherigen republikanischen Amtsinhabers vor Augen hat, dann passt der breithintrige Elefant als Wappentier der Republikaner besonders gut. Donald Trump selbst ist auf Ihren Bildern allerdings nicht zu sehen, weil er eh schon omnipräsent ist. Auch Joe Biden als sein Opponent nicht. Stattdessen zeigen Sie die vielumworbene Wählerschaft der beiden. Wen zum Beispiel?

Im Wesentlichen habe ich nicht die eigentlichen Akteure fotografiert. Wobei, wer sind die eigentlichen Akteure? Was heißt das? Das sind eigentlich nicht die Politiker, sondern die Menschen, die letztlich mit dem ganzen Zirkus umzugehen haben, der im Vordergrund stattfindet, der in den Medien zu sehen ist und auch für die Medien produziert wird. Wenn man das ein bisschen mehr in den Hintergrund setzt, wird es interessant. Wenn man sich anschaut: Was ist eigentlich mit den Menschen? Was beschäftigt die? Um was geht es denen? Es geht zum Beispiel um student debts, Studiengebühren, darum, dass sich jeder Amerikaner bis er 50 ist, verschulden muss, um sein Studium zu refinanzieren. Also das ganze Bildungssystem, aber auch die Absicherung von medizinischen Leistungen – das sind die Themen, die die Menschen tatsächlich umtreiben. Sehr viel von dem, was im Vordergrund so inszeniert wird, ist sehr aufgeblasen und sehr relativ zu dem, was wirklich relevant ist.

© Jens Schwarz

Wahllokal in Charlotte, North Carolina.

Als Europäer hört man immer wieder, dass die USA mittlerweile so tief gespalten seien, dass die Leute einander so spinnefeind seien, dass sie sich nur noch in ihrem eigenen politischen Lager aufhalten und mit der gegnerischen Seite gar nicht mehr reden. War das auch Ihr Eindruck?

Da würde ich ambivalent antworten. Ich glaube, de facto liegt diese Spaltung nicht vor, weil die Menschen insgeheim wissen, dass ihr Nachbar, der vielleicht der jeweils anderen politischen Partei angehört, nur ihr Nachbar und nicht ihr Feind ist, dass man also mit dem reden kann. Aber es wird ihnen seit geraumer Zeit eingeredet, dass der Andere der politische Gegner, der Feind ist. Dieses "us vs. them"-Schema, das ich Dichotomie nenne, diese Zweiheit und Spaltung wird ja immer mehr instrumentalisiert, übrigens überall auf der Welt. Aber jetzt gerade besonders in Amerika, um Wahlen zu gewinnen und um Leute gegeneinander aufzuhetzen und daraus politischen oder teilweise sogar ökonomischen Profit zu schlagen. Ich glaube, dass diese Spaltung vor allem inszeniert ist. Deswegen frage ich: Was ist die Wahrheit und was ist Indoktrination? Wenn einem irgendwas zum tausendsten Mal gesagt wird, findet es tatsächlich statt. Wir sehen jetzt Bilder von militias, von Bürgerwehren, die auf beiden Seiten – vor allem aber auf Seiten der Republikaner – in irgendwelchen Pick-Ups sitzen und schwer bewaffnet durch die Straßen fahren. Das sind natürlich Bilder, die irgendwann tatsächlich eine Spaltung hervorrufen und beschleunigen und dann auch de facto diese Spaltung etablieren.

In Ihrer Ausstellung sind nicht nur Fotografien zu sehen, die sehr viel von der Stimmung im Land vermitteln, sondern auch Videos. Hat das Bewegtbild im Gegensatz zum Foto nochmal eine ganz andere Aussagekraft für Sie, oder warum haben Sie sich dazu entschieden, Videos dazu zu stellen?

Ja, ich finde, das ist definitiv ein Gewinn. In der Fotografie, gerade in der Dokumentar-Fotografie, gibt es ja dieses geflügelte Wort, dass wir den Menschen eine Stimme geben. Wir zeigen zum Beispiel Bilder aus Afrika von verhungernden Kindern und "geben diesen Menschen eine Stimme". Das finde ich zum Teil verlogen, da bin ich sehr kritisch. Wie geben wir denen denn eine Stimme, wenn wir herumrennen als Kriegsfotografen und aufs Elend draufhalten? Ich fand es wahnsinnig interessant, diesen Menschen jetzt wirklich mal buchstäblich eine Stimme zu geben, indem ich sie auf Video aufzeichne und sprechen lasse. Ich arbeite seit 25 Jahren als Fotograf. Ich fand es immer wahnsinnig spannend, was die Menschen so erzählt haben, wenn ich da war und die fotografiert habe, und fand es irgendwann sehr schade, dass ich das eigentlich nie abbilden konnte. Manchmal habe ich es mir notiert und dann als Text-Zitate oder Statements in meinen vorigen Projekten zu den Bildern der Porträtierten gestellt. Diese Menschen jetzt tatsächlich sprechen zu lassen, das ist das, wofür ich momentan hauptsächlich das Videoformat nutze. Ich mache keine Videokunst, ich habe einfach hauptsächlich Interviews aufgezeichnet. Und gebe eins zu eins wieder, was die Leute so erzählen.

Die Ausstellung "Blue Donkey & Red Elephant – Tales from the American Electorate" von Jens Schwarz ist – voraussichtlich – vom 4. Oktober bis 31. Januar 2021 im Amerikahaus, München zu sehen.

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