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Rückzug ins Private? Junges deutsches Kino beim Filmfest München | BR24

© FILMFEST MÜNCHEN 2019 / STUDIOCANAL / Frederic Batier

Corinna Harfouch in "Lara" von Jan-Ole Gerster

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Rückzug ins Private? Junges deutsches Kino beim Filmfest München

14 Kandidaten im Wettbewerb, Auszeichnungen in vier Kategorien: Heute wird beim Filmfest der Förderpreis Neues Deutsches Kino vergeben. Viele der nominierten Filme legen den Fokus auf eher private Geschichten. Ist das auch eine politische Haltung?

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Er ist wieder da: Jan-Ole Gerster, Regisseur des Überraschungshits "Oh Boy". 2012 schickte er Tom Schilling quer durch Berlin und ließ ihn nach einer Tasse Kaffee und einem Plan für sein Leben suchen. Das in melancholischem Schwarz-Weiß gefilmte Generationen- und Hauptstadtporträt feierte seine Deutschlandpremiere auf dem Münchner Filmfest – ein Erlebnis, an das sich Jan-Ole Gerster auch sieben Jahre später noch gern erinnert: "Wie der hier aufgenommen wurde, das werde ich nie vergessen. Das war vielleicht der schönste Applaus, vielleicht ist es auch nur meine Erinnerung oder es war meine Erleichterung damals – aber der Applaus, den es in München gab, der hat mich weggeblasen."

Der Zwang zur Perfektion als großes Thema

Neben Applaus gab es auch einen Preis: den Förderpreis für das beste Drehbuch. Die Chancen, dass dieser Erfolg wiederholt wird, stehen gut. Denn "Lara", Gersters zweiter Spielfilm, ragt aus der Reihe der nominierten Werke heraus. Die Geschichte einer sozial isolierten Frau, die an ihrem 60. Geburtstag ein Konzert ihres entfremdeten Sohnes besuchen will, ist in allen Belangen perfekt durchkomponiert: Bild, Ton und Farbgestaltung spiegeln das Seelenleben der Hauptfigur wider. Und Corinna Harfouch hat mit "Lara" vielleicht die Rolle ihres Lebens gefunden.

Sie spielt eine Mutter, die dem Sohn mit ihrem Ehrgeiz zusetzt: "Willst du das beim Vorspiel auch machen, einfach aufhören? Das wird sehr peinlich für alle Beteiligten, wenn du da von Note zu Note stolperst. Kein Biss, kein Ehrgeiz." Leistungsdruck mit zerstörerischem Potenzial: Das Thema von "Lara" findet sich in vielen der für den Förderpreis nominierten Filme wieder. Da ist "Prélude", das Porträt eines 19-Jährigen, der während seiner Ausbildung zum Konzertpianisten zunehmend unter den Anforderungen leidet. Da ist "All I Never Wanted", eine Satire über das Model- und Schauspielbusiness und den Zwang zur optischen Perfektion. Und in "Golden Twenties" sucht die junge Protagonistin nach einem Job, der zu ihr passt – ohne zu wissen, was sie eigentlich will.

Das Individuelle und das Politische

Christoph Gröner, künstlerischer Leiter des Münchner Filmfests, gibt zu, dass das Thema ein Dauerbrenner ist: "Selbstfindung und Leistungsdruck ist schon seit Jahren ein Thema. Vielleicht ist es nur jetzt so, dass der Leistungsdruck höher geworden ist und die Selbstfindung schwieriger. Und deshalb verändert sich ein bisschen der Ton der Filme – wird ein bisschen melancholischer, wahrhaftiger. Filmisch sehr schön." Schön und gut ist es tatsächlich, was in der von Gröner kuratierten Reihe "Neues Deutsches Kino" geboten wird. Was jedoch zu kurz kommt, sind konkrete Statements, die den Blick öffnen für politische und soziale Umbrüche, die seit geraumer Zeit nicht nur auf nationaler Ebene zu beobachten sind.

Und man fragt sich: Dreht sich die Gedankenwelt der jungen Filmemacher vorrangig um individuelle Ängste? Christoph Gröner antwortet darauf mit einer Gegenfrage: "Sollten wir auf Filme hoffen, die wie politische Pamphlete daherkommen und Kampfansagen sind? Ich kann keinen Rückzug ins Private erkennen. Wenn es einen Rückzug ins Private gibt, dann spricht das für einen gesellschaftlichen Notstand, dass wir alle miteinander reden müssen. Und das ist auch wieder politisch. Also man kommt dem nicht aus."

Starke, relevante Filme

Es müssen ja nicht gleich Pamphlete sein. Aber Filme wie das in allen Förderpreis-Kategorien nominierte Drama "Sterne über uns" hallen aus einem ganz bestimmten Grund lange nach: Erzählt wird die Geschichte einer alleinerziehenden jungen Mutter, die ihre Wohnung verliert und mit ihrem Sohn eine Notunterkunft im Wald beziehen muss. Die unverschuldete Abwärtsspirale und der Spagat zwischen Arbeit, Wohnungssuche, Jugendamt und Teenagerproblemen droht, die kleine Familie zu zerreißen. "Sterne über uns" ist ein starker Film über eine starke Frau, relevant und unerwartet emotional – und ein zugespitzter, aber doch universeller Kommentar auf immer prekärer werdende soziale Klüfte. Auf ein Problem also, das uns alle angeht.

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