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Wie Kabarettist Florian Schroeder politische Lager aufmischt | BR24

© Audio: BR / Bild: Sessner/BR Bild

Florian Schroeder bekommt den Deutschen Kleinkunstpreis 2021.

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Wie Kabarettist Florian Schroeder politische Lager aufmischt

Seit er im August bei einer "Querdenken"-Demo in Stuttgart auftrat, ist der Kabarettist in den Schlagzeilen – und von denen versteht er was, denn er war früher selbst im Journalismus tätig. Jetzt bekam er den Deutschen Kleinkunstpreis 2021.

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"Wer ist links, bitte einmal kurz applaudieren", fragt Florian Schroeder in den Saal – viel Applaus: "Eine sehr gute Quote, mit der kann ich arbeiten. Wer war mal links und weiß noch genau, wie es sich angefühlt hat?" Prompt reagiert das Publikum mit deutlich weniger Beifall: "Doch, ein paar SPD-Wähler sind gekommen heute Abend, sehr schön." Florian Schroeder nach so einer Einleitung für eher linksliberal zu halten, ist zwar nicht grundsätzlich falsch. In eine Ecke passt er dennoch nicht. Der studierte Germanist und Philosoph aus Lörrach mit Wohnsitz Berlin zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er Dummheiten, Irrungen und Verwirrungen in allen Lagern findet und auch benennt.

Er tourte mit Heinz-Erhardt-Programm

Schroeders Kabarett ist dadurch erfrischend, dass es nicht richtungs- oder parteipolitisch, sondern wahrheits- und vernunftpolitisch ausgerichtet ist: "Es gibt dann von den Rechten die Behauptung, es gebe einen linken Mainstream. Und dann sagen die Linken, ja, es gebe aber auch einen regierungskonformen Mainstream. Und da muss ich persönlich sagen, da sind mir in diesem Vorwurf die Rechten genau so unsympathisch wie die Linken." Mit einer Parodie bei Harald Schmidt fing alles an, da war Florian Schroeder, der erklärte Mathias-Richling-Fan, 14 Jahre jung. Später tourte er in kleinem Ensemble mit einem Heinz-Erhardt-Programm, seit 2004 mit abendfüllenden Soloprogrammen. Dazu kommen inzwischen auch Radio- und Fernsehshows.

Augenfällig an den Kabarettprogrammen von Florian Schroeder ist der stark journalistische Hintergrund seiner Arbeit: "Ich habe ja eigentlich eine journalistische Ausbildung genossen", so Schroeder. "Ich bin vom Radio gekommen, ich wollte auch immer in die journalistische Unterhaltung, das war so mein Ziel. Also, ich weiß, wie man eine Meldung schreibt, ich weiß, was eine Nachricht ist und was nicht, wie man Sachen auswählt, wie man Interviews führt. Und das ist ein sehr gutes Handwerkszeug, da habe ich wahnsinnig viel mitgenommen, das hilft mir heute in meinem Beruf."

Geniestreich bei der "Querdenken"-Demo

Tatsächlich hat man seit einigen Jahren vermehrt den Eindruck, dass Satire auch als Fundus für sauber recherchierte und verifizierte Informationen genutzt wird. Florian Schroeder: "Es gibt sehr viele sogenannte alternative Quellen, so semi-verschwörungstheoretische Quellen, auch auf Seiten, die sich für seriös halten. Daraus entsteht eine große Sehnsucht auch wieder nach Leuten, die sich ernsthaft damit beschäftigen, denen man auch vertrauen kann und die, obwohl sie eigentlich aus dem lustigen, aus dem Quatschgeschäft kommen, diesen Beruf dann doch so Ernst nehmen, dass sie ihre Quellen überprüfen und vielleicht noch eine Quelle finden, die nicht jeder andere gefunden hat."

Für eine solche Quelle hat man Florian Schroeder ausgerechnet in dem Moment gehalten, als er einen kruden Verschwörungstheoretiker spielte, in einer aktualisierten Version seines Programms von 2017 mit dem prophetischen Titel "Ausnahmezustand". Prompt lud man ihn im August als prominenten Unterstützer zur "Querdenken"-Demo nach Stuttgart ein – wo Schroeder die Veranstaltung genüsslich auseinander nahm: "Brauchen wir mehr Meinungsfreiheit? (Publikum: Ja!) Okay. Wollt ihr die totale Meinungsfreiheit? (Publikum: Ja!) Sehr gut. Dann möchte ich euch mit etwas konfrontieren: Ich bin der Auffassung, dass Corona eine hochgefährliche, ansteckende Krankheit ist, und ich bin der Überzeugung, dass Masken tragen und Abstand halten das wichtigste und beste ist, was wir jeden Tag tun können (Publikum: Buh!)."

"Die Leute mal ordentlich durchschütteln"

Spätestens bei dem abgewandelten Goebbels-Zitat hätte es bei allen klingeln müssen. Hat es nicht. Bewaffnet mit Kant und Hegel für Anfänger führte Florian Schroeder die Demonstranten auf dünnes Eis. Und als es brach, wartete er schon im Wasser auf sie: "Wenn ihr für Meinungsfreiheit seid, müsst ihr meine Meinung aushalten. Wenn ihr Demokraten seid, haltet ihr meine Meinung aus, ohne zu buhen, liebe Freundinnen und Freunde." Unruhe im Publikum.

Es ist wohl nicht untertrieben zu sagen, dass Schroeders Auftritt in Stuttgart ein kleiner Geniestreich war. Und es war ein sehr mutiger und nicht ungefährlicher Auftritt. Bleibt die Frage: Warum tut sich ein seit über 20 Jahren etablierter Kabarettist so etwas an? Dazu Schroeder: "Weil es im besten Fall gelingt, die Leute in Welten zu führen, die sie vielleicht selber so noch nicht kannten, oder zu Gedanken zu führen, die sie so noch nicht hatten. Oder sie einfach mal ordentlich durchzuschütteln und auf links zu drehen, sodass sie nicht mehr wissen, wo sie stehen. Und das finde ich eine der wesentlichsten Aufgaben dieses Genres: zu irritieren."

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