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Flohzirkus mit Menschen - Die Wiesn als Theaterstück | BR24

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Christoph Leibold über Stefanie Sargnagels Theaterstück

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Flohzirkus mit Menschen - Die Wiesn als Theaterstück

Die Wiener Autorin Stefanie Sargnagel hat das Münchner Oktoberfest besucht. Die Beobachtungen des öffentlichen Massenbesäufnisses hat sie in einem Theaterstück verarbeitet. Am Donnerstag feierte "Am Wiesnrand" am Münchner Volkstheater Premiere.

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Zur Fleischbeschau lädt im Münchner Volkstheater vor allem die Bühne von Sarah Sassen, auf der sich – vor dem Hintergrund eines Alpenkitschpanoramas, wie man es vom Wiesn-Fahrgeschäft "Rund um den Tegernsee" kennt – ein riesiger Hügel wölbt. Bei genauerem Hinsehen entpuppt er sich als überlebensgroße, schütter behaarte Bierwampe mit Bauchnabel, aus dem anfangs das fünfköpfige Ensemble kraxelt. Sie sind als Flöhe kostümiert. Die entsprechende Textpassage – die Schilderung eines Besuchs im Flohzirkus – wird der Abend später nachliefern. Zunächst wirkt dieser Auftritt wie ein ironischer Kommentar auf das quasi parasitäre Verhältnis der Autorin zu ihrem Stoff. So wie sich Flöhe in Filz und Fäulnis wohlfühlen, ist die Ekelpackung Oktoberfest ein gefundenes Fressen für Stefanie Sargnagel. Und natürlich geben auch die Menschen, die sich auf dem Oktoberfest im Suff suhlen, ein Bild insektengleichen Gewimmels ab.

Die Wiesn – nüchtern betrachtet

Stefanie Sargnagel hat für ihr Stück Feldforschung betrieben und ist im Auftrag des Münchner Volkstheaters in den Wiesn-Wahnsinn eingetaucht. Dem Vernehmen nach hat sie sich dabei vom Bier ferngehalten, um die Beobachtungsschärfe nicht zu trüben. Dass sie einen nüchternen Blick auf das "orgiastische Rumgesaue" wirft, wird man gleichwohl nicht behaupten können. In saftiger Sprache beschreibt sie den dröhnenden Frohsinn aus Fressen und Saufen, Rülpsen, Grapschen, Schnackseln und Urinieren.

Dabei hat die Wienerin kein Wiesn-Volksstück wie einst Ödön von Horváth mit "Kasimir und Karoline" verfasst. Bei ihr gibt es keine Figuren oder Dialoge, nur ein Erzählerinnen-Ich, das mit boshafter Begeisterung das bizarre Schauspiel Oktoberfest beschreibt.

Vom Trinken in Trachten ...

Uraufführungsregisseurin Christina Tscharyiski verteilt diesen Text auf drei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler, die später auch als Zuckerwatte, Lebkuchenherz oder glasierter Apfel verkleidet auftreten und mit großer Lust an der Überzeichnung Wiesnbesuchern abgelauschte Satzfetzen lallen, gurgeln und grölen. Zugleich verleihen sie – einzeln oder im Chor – als staunende Beobachter ihrer fassungslosen Faszination für Trink-, Trachten- und sonstige Auswüchse inbrünstigen Ausdruck; das alles basierend auf den herrlich boshaften Bildern, die Sargnagel geschaffen hat, etwa von Kleinkindern, die ihre volltrunkenen Eltern nach Hause schleifen, oder schuhplattelnden Jungbauern in Lendenschurzen aus Schweineohren. Flankiert wird das Ensemble von der Austroband "Euroteuro", die live Wiesnhits, aber auch kommentierende Songs beisteuern.

Enthemmend und verbindend

In Interviews vorab bekannte Stefanie Sargnagel, dass sie das Oktoberfest keineswegs nur abstoßend, sondern auch anziehend fand. Die Entgrenzung führt, so wie sie das beschreibt, auch zu einer Aufhebung gesellschaftlicher Schranken in der alkoholischen Verbrüderung und Verschwisterung über soziale oder kulturelle Unterschiede hinweg. Und: in der Enthemmung zeigt sich ihr der Mensch auch in seiner Verletzlichkeit und seinem sehnsüchtigen Verlangen.

Leider haben solche Erkenntnisse nur in Spurenelementen in den Text Eingang gefunden. Und die Regie von Christina Tscharyiski lässt den Sinn dafür fast völlig vermissen. Tscharyiski inszeniert grandios eine groteske Gaudi mit Gespür fürs Grindige und Grausliche. Das geht über die Hälfte der Aufführung süffig runter wie die ersten Wiesn-Mass. In der zweiten Hälfte beginnt man sich – wie bei der zweiten Mass – nach einer gehaltvollen Unterlage zu sehnen. Zur dritten Mass, die einen Kater nach sich ziehen würde, kommt es dann eh nicht mehr, dazu ist der 90-minütige Abend zu kurz. So verlässt man das Theater angenehm angeheitert, aber keineswegs restlos berauscht.

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