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Noch ohne Boden: Kolosseum in Rom

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    Flexibler Holzboden geplant: Kolosseum wird zur Riesen-Bühne

    Ab 2023 könnten im größten antiken Theaterbau Roms wieder Vorstellungen stattfinden: Die bisher offenen Kellerräume sollen von einem Mailänder Ingenieurbüro mit einer beweglichen Konstruktion abgedeckt und aufwändig klimatisiert werden.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Es hat so manches Riesen-Spektakel gesehen, das Flavische Theater, das zwischen 72 und 80 nach Christus errichtet wurde. Bei freiem Eintritt fanden dort blutige Gladiatoren-Schlachten und Hinrichtungen statt. Sogar Seegefechte konnten dort nachgestellt werden: Der Holzboden war schon damals abnehmbar, das darunter befindliche Becken konnte geflutet werden. Später wurden im Untergeschoss Tierkäfige, Kerker und Versorgungsräume gebaut, auch versenkbare Kulissen fanden dort ihren Platz. Das Kolosseum war mit einer für damalige Zeiten hochkomplizierten Technik ausgestattet, und ähnlich flexibel soll es nach dem Willen des italienischen Kulturministers Dario Franceschini demnächst auch wieder genutzt werden können.

    "Leicht, reversibel, nachhaltig"

    Auf einer Online-Pressekonferenz sagte der umtriebige Minister am Sonntagabend: "Ein weiterer Schritt in Richtung Wiederaufbau der Arena, ein ehrgeiziges Projekt, das zur Erhaltung und zum Schutz der archäologischen Strukturen beitragen wird, indem das ursprüngliche Bild des Kolosseums wiederhergestellt und seine Funktion mit einer komplexen Bühnenmaschinerie wiederhergestellt wird." Am 1. Februar endete eine Ausschreibungsfrist für Ingenieurbüros, die ihre Ideen für das Kolosseum einreichen konnten. Den Wettbewerb gewann nun das Mailänder Büro "Milan Ingegneria", in dem Salvatore Acampora, Alessandro Viscogliosi, Stefano Pampanin, Michel Gras und Giuseppe Scarpelli tätig sind.

    Sie sollen das Innere des Flavischen Theaters mit einem flexiblen Boden aus Accoya-Holz ausstatten, einem besonders robusten Material, das aus schnell wachsendem Kiefernholz besteht, das mit Essigsäure gegen Umwelteinflüsse haltbar gemacht wurde. "Leicht, reversibel und nachhaltig" soll die Spielfläche demnach sein und sehr vielfältige Veranstaltungen ermöglichen, so ist auch eine Drehbühne geplant. Die abgedeckten Kellerräume sollen mit Hilfe von 24 Lüftungsgeräten klimatisiert werden. In dreißig Minuten sei der vollständige Austausch des Luftvolumens gewährleistet. Das Regenwasser soll gesammelt werden und die öffentlichen Toiletten im Kolosseum speisen.

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    Bildrechte: Oleksii Sergieiev/Picture Alliance

    Touristenmagnet: Kolosseum am Forum

    Die Idee, das Flavische Theater wieder bespielbar zu machen, stammt nach Angaben des italienischen Kulturministeriums ursprünglich vom Archäologen Daniele Manacorda. Er wirbt seit November 2014 für die Teilrekonstruktion des Kolosseums und fragte: "Welche Probleme bringt das Wiederherstellen der Arena mit sich? Ehrlich gesagt sehe ich keine. Und den Kellern ihren 'Untergrund-Charakter' zurückzugeben, bedeutet, die Möglichkeit zu bieten, sie zu besuchen, als ob man ein Labyrinth betritt, wie ehedem." Manacorda verwies darauf, dass der Boden des Kolosseums erst Anfang des 20. Jahrhunderts nach und nach abgetragen worden war, um den Blick auf die darunter befindlichen Räume freizulegen.

    "Kolosseum wurde seines Kleids beraubt"

    In einem Aufsatz für die Fachzeitschrift "Archeo" hatte der Professor für Methodik und Technik der Archäologie an der Universität Roma Tre geschrieben, das Kolosseum sei eine "Visitenkarte" von Rom und es sei bedauerlich, dass Luftbilder nicht eine "riesige, weiße Arena" zeigten, sondern ein "verstörendes Gewirr nackter Wände in der Sonne, ein unverständliches und unzugängliches Labyrinth". Der Keller müsse endlich wieder seine gewohnte Funktion erhalten: "Nach der Autopsie vernäht der Gerichtsmediziner die Leiche. Auch der Archäologe sollte nach der Ausgrabung eines Denkmals es im Allgemeinen wieder mit Erde bedecken, insbesondere dann, wenn es dafür keine gute Verwendung gibt. Aber was ist, wenn das Gebäude schon immer da war? Was, wenn diese Steinmasse, wie beim Kolosseum, schon immer vor unseren Augen stand, als eine Ruine der großartigen vieltausendjährigen Geschichte Roms?"

    Anders als freigelegte Fundamente erfordere eine Ruine "Respekt": "Im Kolosseum hielt es in den letzten 100 Jahren irgendjemand für angebracht, seine Arenafläche zu entfernen, sein Kleid zu zerreißen, das ihm erlaubte, sich der Welt mit Würde zu zeigen. Ich möchte, dass wir diesem Bau sein Gewand zurückgeben, um ihm wieder Gelegenheit zu geben, mit uns authentisch zu sprechen."

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