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Gewerbegebiet in einer Feld- und Waldlandschaft, Nordrhein-Westfalen, Witten
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Peter Erlenwein
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Gewerbegebiet in einer Feld- und Waldlandschaft, Nordrhein-Westfalen, Witten

Böden sind Vielkönner, wenn man sie pflegt. Sie können buchstäblich Unglaubliches aushalten, solange auf sie geachtet wird: Ökologische Vielfalt statt Monokultur, Verzicht auf chemische Düngemittel, Maßnahmen gegen den voranschreitenden Flächenfraß.

Doch die Realität schaut vielfach anders aus. Auch in der Politik taucht das Thema Boden bislang nur bei landwirtschaftlichen Krisen auf; die Vereinten Nationen hatten daher 2015 zum Jahr des Bodens ausgerufen, um auf die katastrophalen Folgen von Ausbeutung und Übernutzung hinzuweisen.

Butterberge und Milchseen nach dem 2. Weltkrieg

In Deutschland und der restlichen EU ging es spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges darum, möglichst schnell die Produktivität der europäischen Landwirtschaft in die Gänge zu bringen, erzählt Christine Chemnitz, Leiterin des Referats Internationale Agrarpolitik von der Heinrich-Böll-Stiftung: "Dementsprechend wurde eine Agrarpolitik aufgelegt, die dazu geführt hat, dass die Bauern relativ schnell und stark mehr produzierten, so dass schon Ende der 60iger Jahre in der EU wirklich viel Überschüsse vorhanden waren."

Man schoss über das Ziel hinaus: Butterberge und Milchseen sind Stichworte dieser Zeit, in der innerhalb der EU deutlich mehr produziert als konsumiert wurde. Die Überschüsse wurden dann zu Dumpingpreisen auf dem Weltmarkt verhökert – zum Beispiel nach Afrika.

Land als mobiles Gut

Heute haben sie diese Verhältnisse gedreht: Dank Globalisierung muss das Land, das man zum Erwirtschaften von Lebens- und Futtermitteln braucht, nicht mehr unbedingt vor der Haustür – sprich: in Deutschland – liegen, es kann überall sein.

Land ist also inzwischen unter der Hand ein mobiles Gut geworden. Die EU importiert z.B. Soja im Maße von 16 Millionen Hektar, das ist die Hälfte der Landwirtschaftsfläche Deutschlands. Dort, wo Land günstig erworben werden kann, wird angebaut: "Das Problem ist gerade in den Ländern virulent, in denen es fragile Demokratien gibt, wo Menschen auf dem Land nicht die politische und rechtliche Macht haben, ihr Eigentum zu schützen." In den letzten Jahren, in denen die Landpreise ganz stark gestiegen sind, sei es immer häufiger dazu gekommen, dass Bauern von ihrem Land vertrieben wurden, so Christine Chemnitz von der Heinrich-Böll-Stiftung.

Das Übel "Monokultur"

Der Erde selbst bereitet die globalisierte Landwirtschaft noch ein weiteres Problem: Die Monokultur. Reis, Soja, Mais bilden dabei eine konstante Dreifaltigkeit, insbesondere um unseren Hunger in Europa nach Fleisch zu stillen.

Christina Chemnitz: "Wir sind hier in Europa einer der größten Fleischproduzenten der Welt. Aber kaum jemand von uns sieht heute noch Tiere auf der Weide stehen; die sind in den Ställen, sie werden da gefüttert, aber nicht mit dem Futter, was hier produziert wird, sondern eben in Brasilien oder Argentinien."

Rodungen riesiger Urwaldflächen zugunsten steriler, genbehandelter Monokulturen. Die Folge: materieller wie spiritueller Ökozid. Ökologische Kreisläufe, die der Zerstörung anheimfallen, betreffen dabei immer alle: den Boden, Pflanzen, Tiere und die Menschen. Ein ungeheures Artensterben ist die Folge globaler ausbeuterischer Marktstrategien.

Versiegelung der Böden

Doch die Probleme gehen weit über die industrielle Nutzung des Bodens in der Landwirtschaft hinaus: Bodenversiegelung durch Beton und Asphalt; Degradation durch Versalzung und Vergiftung mittels Chemikalien; Erosion, also das Abdriften von Erde durch Wind und Wasser; Eutrophierung, also die übermäßige Anreicherung von Nährstoffen wie Dünger, Nitrate, welche durch Regen in den Untergrund und weiter in die Gewässer geschwemmt werden. – All das sind weitere Schäden, die den Böden zugefügt werden und damit die Lebensgrundlage der Menschen gefährden, so Annette Freibauer, Bodenkundlerin am bayerischen Institut für Landwirtschaft in Freising: "Wenn man die Böden versiegelt, dann sind alle diese Funktionen zerstört und zwar irreversibel! (…) Denn die Funktion, die der Boden hatte, ist auf den ersten oberen Metern ganz schwer wiederherstellbar! Insbesondere auch das Bodenleben; bis das wieder zurückkommt, im originalen Zustand, muss man in Zeitläuften von Hunderten von Jahren rechnen."

Und doch geht die Versiegelung des Bodens ungebremst weiter: Der Verbrauch an Land in Deutschland beträgt circa 70 ha pro Tag. 30 ha sind eigentlich das Ziel der Bundesregierung. In Bayern verschwindet jedes Jahr ungefähr die Fläche des Ammersees unter Beton und Asphalt. Und dennoch: Ein Volksbegehren gegen den Flächenfraß seitens der Grünen wurde vor kurzem vom obersten Bayerischen Verfassungsgericht abgelehnt.

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Peter Erlenwein

Sendung

Evangelische Perspektiven vom 13.01.2019 - 08:30 Uhr