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Filmschool Fest Munich: Anca Lăzărescu über Zukunftsperspektiven | BR24

© Bayern 2

Das Internationale Festival der Filmhochschulen in München ist eines der bedeutendsten Nachwuchs-Filmfestivals. Im Porträt erzählt Jury-Präsidentin Anca Miruna Lăzărescu unter anderem, worauf junge Filmemacher achten sollten.

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Filmschool Fest Munich: Anca Lăzărescu über Zukunftsperspektiven

Das Internationale Festival der Filmhochschulen in München ist eines der bedeutendsten Nachwuchs-Filmfestivals. Im Porträt erzählt Jury-Präsidentin Anca Miruna Lăzărescu unter anderem, worauf junge Filmemacher achten sollten.

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Vor allem ein junges Publikum soll mit der neuen Netflix-Serie "Wir sind die Welle" angesprochen werden. Die sechs Folgen der ersten Staffel sind seit gut zwei Wochen abrufbar – drei davon hat Anca Miruna Lăzărescu inszeniert. Als aktuelle Jurypräsidentin des Münchner Filmschool Fests ist sie damit eine Idealbesetzung: "Framing the Future" lautet dort das Motto. Wie schauen wir in die Zukunft? Und wie können Filme dazu beitragen, die Chancen und Gefahren zukünftiger Entwicklungen zu erkennen?

Am Stoff von "Wir sind die Welle" wird bereits seit 2017 gearbeitet – Anca Miruna Lăzărescu stieg als Regisseurin just ein, als letztes Jahr Greta Thunberg die "Fridays for Future"-Bewegung ins Leben rief. Auch in der Serie geht es um Schüler und Schülerinnen, die sich gegen gesellschaftliche und politische Fehlentwicklungen wehren, die beschließen, gemeinsam zu kämpfen.

Während sich Lăzărescu mit dem fiktiven Stoff befasste und die Dreharbeiten im Frühjahr dieses Jahres vorbereitete, hatte sie Zuhause reale Diskussionen mit ihren beiden Töchtern – neun und zwölf Jahre alt. Die ältere wollte an den Freitagen nicht mehr zur Schule gehen, sondern für Klimaschutz und Umwelt demonstrieren: "Unsere Abendessen werden durchaus mit ganzen Vorträgen darüber bestritten, wie viel ich fliege und wie verantwortungslos das sei", erzählt Lăzărescu. "Ihre Auflage ist, dass wir uns nächstes Jahr nur eine Flugreise leisten werden. Und selbst den Urlaub müssen wir – auf die Gefahr hin, dass es regnet – in Deutschland verbringen. Was nützt uns ein schöner Urlaub, wenn der Planet zugrunde geht. Also ich glaube, wir müssen uns ganz warm anziehen, was diese neue Generation angeht. Ich bin fasziniert und vor den Kopf gestoßen zugleich, was für eine Power diesen Jugendlichen haben."

© Filmschool Festival

Die HFF München, Zentrum des Filmschool Festivals

Eine Bilderbuchkarriere

Anca Miruna Lăzărescu hat 2011 ihr Diplom an der Münchner Filmhochschule gemacht. Von ihrer Karriere dürften viele der aktuell Studierenden träumen: Nach zwei Kinofilmen war die deutsch-rumänische Regisseurin zuletzt an zwei TV-Serien beteiligt. Für "Hackerville" über die Bankenmetropole Frankfurt bekam sie einen Grimmepreis, die Jugenddramaserie "Wir sind die Welle" startet gerade durch. Heute sagt sie: "Als ich abgeschlossen habe, war der Markt hermetisch viel abgeriegelter. Da war die Übermacht von ARD und ZDF. Das war so ein bisschen Gott und die Öffentlich-Rechtlichen und viel Glück, da reinzukommen. Das hat sich radikal verändert. Gottseidank. Wir bekommen gerade alle Chancen, die vor zehn Jahren nicht mal ansatzweise möglich gewesen wären."

Lăzărescu erzählt von zeitlich engen Drehplänen und dass man in den Hochphasen einer Filmproduktion schauen müsse, über Monate hinweg wenigstens jede Nacht vier Stunden ins Bett zu kommen. Sonst halte man das nicht durch. Und sie warnt vor der momentan unfassbaren Überproduktion von neuen Serien in den Streamingportalen: "So viel kann der Markt ja gar nicht vertragen. Irgendwann wird es einen Stopp geben, weil sich die Serien ja selber kannibalisieren werden. Wer kann denn das alles noch schauen? Aber im Moment ist noch Goldgräberstimmung – und auch der Nachwuchs darf in ganz rasanten Schritten noch viel machen."

Es zählt die Vision

Gut möglich, das irgendwann die Qualität unter den verschärften Wettbewerbsbedingungen leide, sagt Lăzărescu. Das traditionelle Kino sieht sie keineswegs verschwinden, meint aber, es werde sich noch stärker aufspalten als bisher in High-End-Mainstreamprodukte und ein anarchisches Underground- und Arthauskino, radikal und experimentell. Es könne gut sein, dass das gefällige Wohlfühl-Segment dazwischen verschwinde. Als Regisseurin, als Regisseur müsse man in Zukunft möglichst alles können, meint Lăzărescu. Sie rät dem Nachwuchs, trotz der immens erweiterten Möglichkeiten vor allem bei sich zu bleiben: "Am Ende des Tages zählt die ganz große Vision, die man hat, die Handschrift, die Erzähllust – die in Einklang zu bringen mit dem meist immer zu knappen Budget."

Bei der Eröffnung des Filmschoolfest gestern Abend waren vier Kurzfilme zu sehen, die alle Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt hatten. Es ging um das Politische im Privaten, um Selbstbestimmung und ein kritisches Bewusstsein in einer konfliktreichen und sehr komplexen Zeit.

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