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Verrückter Schwede: Roy Anderssons Film über die Unendlichkeit | BR24

© Neue Visionen Filmverleih

Roy Andersson ein Liebespaar nach dem Zweiten Weltkrieg über das zerstörte Köln fliegen.

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    Verrückter Schwede: Roy Anderssons Film über die Unendlichkeit

    Für viele ist er der Samuel Beckett des Kinos: Roy Andersson inszeniert die Absurditäten, Niederlagen und kleinen Triumphe des Lebens auf lakonische Weise. In seinem neuen Film "Über die Unendlichkeit" beleuchtet er das Groteske im Alltäglichen.

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    "Über die Unendlichkeit" ist keineswegs unendlich, sondern so überraschend wie vergnüglich kurz! Der Film dauert nur etwas mehr als eine Stunde und besteht aus zahlreichen kleinen, oft nur Minuten kurzen Szenen, die durch die Stimme einer Erzählerin verbunden sind. Sie spielen in den für Andersson typischen, kulissenhaften Welten, die er akribisch in seinem privaten Filmstudio in Stockholm bauen lässt.

    Ein Mann betritt mit einem Blumenstrauß in der Hand ein ziemlich leeres Lokal und sucht eine Frau, mit der er verabredet ist. Eine andere Frau wartet am Bahnsteig auf ihren Geliebten. Ein an Gott zweifelnder Priester betrinkt sich in der Sakristei mit Messwein und geht dann torkelnden Schrittes in die Kirche. Oder eine Frau sitzt neben ihrem Begleiter in einer Bar. Er schenkt ihr Champagner ein – sie trinkt das Glas leer, er schenkt ihr nach.

    Bizarre Momente in grau-beigen Zwischentönen

    Das sei seine Lieblingsszene – einfach nur diese Frau, die da so sitze und Champagner trinke. Sonst nichts. Sagt Roy Andersson im Interview.

    In ausgeblichenen Grau- und Beige-Tönen gestaltet er seine Szenen, ruhig beobachtend und mit einer Lakonie, die manchmal eine Pointe verlangt, manchmal nicht.

    © Neue Visionen Filmverleih

    Die Gesetze der Anziehung: Er ist interessiert. Sie interessiert sich vor allem für den Champagner.

    Vor allem Bars und Restaurants sind oft wiederkehrende Motive. Etwa so: Sechs Männer stehen vor einem Tresen, dahinter eine Frau. Es ist Weihnachten. Draußen schneit es. Plötzlich sagt einer: "Das ist wirklich phantastisch, oder?" "Was denn?", fragt ein anderer. Die Antwort: "Alles. Alles!"

    Als er jung gewesen sei, sagt Roy Andersson, wollte er Maler, Schriftsteller oder Musiker werden. Drei Möglichkeiten. Dann fand er heraus, dass das Filmemachen das Beste für ihn sei. Eine schwierige Entscheidung sei das gewesen.

    © Neue Visionen Filmverleih

    Eigentlich hat er alles erreicht, dass ein ehemalige Klassenkamerad aber auch noch promoviert hat, sorgt für Verdruss.

    Roy Andersson spricht von sich bewegenden Porträts oder auch von lebendigen Stillleben. Verdichtete Miniaturen, die die grotesken Seiten des menschlichen Seins betonen. Und er sagt, für seinen neuen Film hätten ihn die Gemälde der Neuen Sachlichkeit der zwanziger Jahre in Deutschland sehr inspiriert, Porträts von Otto Dix und George Grosz. Vor allem Dix schätze er sehr.

    Der Zuschauer als Mitbeobachter kleiner Dramen

    Andersson macht uns zum Mitbeobachter kleiner Dramen, die sich am Nebentisch oder eine Parkbank weiter abspielen könnten. Mit einem ironisch gebrochenen Voyeurismus erzählt er von der menschlichen Komödie. Andersson schaut uns zu. Und hält sich selbst den Spiegel vor. Wer glaubt, dass das langweilig sein könnte, der täuscht sich gewaltig.

    Dialoge spielen keine große Rolle. Sie sind knapp gehalten - etwa wenn der Zahnarzt seinen Patienten fragt, ob er eine Spritze haben wolle. Und der verneint. Dann sind nur noch Schmerzensschreie zu hören, bis der Arzt genervt das Behandlungszimmer verlässt. Banale Vorkommnisse und große Dramen stehen gleichberechtigt nebeneinander. Ein Liebespaar fliegt nach dem Zweiten Weltkrieg über das zerstörte Köln und ein Vater bindet seiner Tochter im Regen den Schuh zu. Das ist berührend. Manchmal erheiternd. Und höchst eigensinnig.

    Roy Andersson sagt, seine Philosophie sei es, Sachen zu machen, die man so noch nicht gesehen habe.

    "Über die Unendlichkeit" von Roy Andersson gewann beim Filmfestival in Venedig 2019 einen Silbernen Löwen – diese Woche kommt er in die deutschen Kinos.

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