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"Skin" erzählt die Geschichte des Neonazi-Aussteigers Widner | BR24

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Wie lässt man seine Neonazi-Vergangenheit hinter sich? Der israelische Regisseur Guy Nattiv erzählt in kühlen Bildern die Geschichte des Aussteigers Bryon Widner, der sich seine Gesinnung wortwörtlich von der Haut wegbrennen lassen muss.

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"Skin" erzählt die Geschichte des Neonazi-Aussteigers Widner

Wie lässt man seine Neonazi-Vergangenheit hinter sich? Der israelische Regisseur Guy Nattiv erzählt in kühlen Bildern die Geschichte des Aussteigers Bryon Widner, der sich seine Gesinnung wortwörtlich von der Haut wegbrennen lassen muss.

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Das Kino lässt uns immer wieder Zeuge von Wundern werden. Und als solches kann man durchaus die Wandlung des amerikanischen Neonazis Bryon "Babs" Widner bezeichnen. Dessen plötzlich aufflammende Liebe zu einer alleinerziehenden Mutter und deren drei Töchtern macht ihn von einem glühenden Verfechter der White Supremacy, des rassistischen Glaubens an die weiße Vorherrschaft, zu einem der spektakulärsten Aussteiger aus der rechtsradikalen Szene in den USA. Vom Saulus zum Paulus. Im Kino braucht es zwei Stunden dafür. Dass Widner zum Good Guy wird, steht dabei von Anfang an fest.

Spektakulärer Ausstieg aus der rechten Szene

Der israelische Regisseur Guy Nattiv interessiert sich für den Prozess einer Ablösung. In den USA wurde der Film hoch gelobt, weil er diese Geschichte nicht reißerisch, sondern als Charakterstudie einer familiär organisierten Gemeinschaft von Neonazis erzählt.

Babs Widner ist der Ziehsohn von Shareen und Fred Krager, beide werden innerhalb der Gruppe Pa und Ma genannt. Systemisch geht es also um die Emanzipation von den Eltern. Symbol dafür ist die Haut: Das überhaupt erste Bild des Films zeigt, wie der kahl rasierte Babs in einem Operationssaal sitzt. Er lässt sich die Bilder seiner alten Gesinnung wegbrennen. Seinen ganzen Körper, dazu Hände und Gesicht, überziehen Tattoos, Zeichen des Hasses sowie der Gewalttaten, die ihm angelastet werden. Eine in die Haut eingestochene Trophäensammlung des Kampfes gegen Afroamerikaner und in seinen Augen auch weißen Abschaum wie Schwule und Lesben.

© 24 Bilder

Der Neonazi Bryon verliebt sich in eine alleinerziehende Mutter

Die Haut als Symbol...

Das Entfernen der Tattoos nutzt Regisseur Guy Nattiv als Leitmotiv in "Skin", immer wieder montiert er Aufnahmen des ungemein schmerzhaften Ausbrennvorgangs als Zäsuren in die Handlung. Die Kamera bietet Nahaufnahmen und wirkt dynamisch, die Farben sind eher ausgewaschen und der Look ist rau, bisweilen geht er auch ins Dokumentarische.

Das hätte ein großer Film werden können, doch der Regisseur und Drehbuchautor Guy Nattiv entwickelt seine Charaktere arg schematisch. Wie die Figuren eines Schachspiels bewegt er sie über das Spielbrett seines Films, Pa und Ma als König und Königin, deren Ziehsohn Babs als Turm. Konstruiert wirkt das, weil viele dramaturgische Züge mit einer gewissen Berechenbarkeit vorgenommen werden. Dem Film fehlt die menschliche Komponente von Ungewissheit und Zufälligkeiten, ein freierer Begriff des Daseins jenseits der Drehbuchentwicklung. So lesen Pa und Babs etwa zu Beginn einen Jungen namens Gavin auf, der in "Skin" weiter keine große Rolle spielt, als dann bei bestimmten Situationen immer wieder mit plötzlichen Sprüngen zu überraschen – wie das Pferd im Schachspiel. Am Ende wird Gavin gewissermaßen geopfert.

...doch unter die Haut geht "Skin" nicht

Die fehlende Ambivalenz und Unberechenbarkeit der Charaktere wird bei den Hauptfiguren von den großartigen Darstellern überspielt – vor allem Vera Farmiga als Mutter des Naziclans agiert herausragend und könnte auch die Figur eines großen Shakespeare-Dramas sein. Doch am Ende lässt "Skin" den Zuschauer überraschend kalt, geht eben nicht unter die Haut. Im Abspann ist dann der echte Bryon "Babs" Widner zu sehen, der inzwischen eine Ausbildung zum Polizeipsychologen gemacht hat – sowie sein langjähriger Gegenspieler und späterer Ausstiegshelfer Daryle Jenkins, ein afroamerikanischer Menschenrechtsaktivist. Im Sinne der fiktionalen Bearbeitung ist das fast schon kontraproduktiv, denn sofort möchte man deren wahre Geschichten erfahren – und hat das, was auf der Leinwand zwei Stunden lang dramatisch verhandelt wurde, fast schon wieder vergessen. Bis auf die tollen Schauspieler und ein paar intensive Momente.

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